„Zivilcourage erleichtert Opfern die Situation“

Copyright: Meike Ufer
Zivilcourage
Autor: Ragnar Vogt

Fast jeder ist überzeugt, dass er anderen in Notsituationen helfen würde. Passiert dann tatsächlich ein Unrecht, greift kaum jemand ein. Warum wir so selten Zivilcourage zeigen, erklärt Psychologe Kai Jonas von der Universität Amsterdam im Interview.

Veröffentlicht: 21.05.2012

Kurzbiografie Kai Jonas

Kai Jonas, geboren 1972, arbeitet als Sozialpsychologe an der Universität Amsterdam. Dort erforscht er die Grundlagen von Gruppenprozessen, Vorurteilen und Diskriminierungen. Er entwickelte ein Trainingsprogramm für Zivilcourage, das an mehreren Orten in Deutschland angeboten wird.


Herr Jonas, wann gab es bei Ihnen zuletzt eine Situation, in der Sie Zivilcourage zeigen konnten – oder hätten zeigen sollen?

Die Anzahl der Fälle, in denen ich Zivilcourage hätte zeigen können und es nicht getan habe, ist bei weitem größer als die Anzahl der Fälle, in denen ich das getan habe. Aber für letzteres habe ich gerade ein Beispiel am Flughafen London-​Heathrow erlebt: Beim Sicherheitscheck hatte eine übergewichtige Frau Schwierigkeiten, ihre Schuhe auszuziehen. Das fanden die Sicherheitsbeamten sehr lustig. Daraufhin habe ich gesagt: „Anstatt zu lachen, sollten Sie lieber dieser Frau helfen“. Das haben die Sicherheitskräfte natürlich nicht gemacht. Ich habe der Frau geholfen. Das wird das Verhalten der Beamten nicht verändern, aber darum geht es auch nicht.

Worum geht es dann?

Es geht vor allem darum, Opfern solche Situationen zu erleichtern. Wir wissen aus Opfer-​Interviews, dass kleine Formen der Unterstützung bereits einen großen Effekt haben können. So hilft es zum Beispiel, wenn ein Opfer erkennt: Es sieht jemand anderer meine Notlage und unterstützt mich. Auch mein an sich normales höfliches Verhalten am Flughafen kann in dem Moment als zivilcouragiert interpretiert werden. Es ging gegen Diskriminierung und wir wissen ja, dass man sich eigentlich nicht gegen das Sicherheitspersonal am Flughafen auflehnen sollte, schon gar nicht in Großbritannien.

Was genau ist denn Zivilcourage?

Die in der Fachwelt gebräuchliche Definition ist: Zivilcourage ist ein auf universalistischen Normen aufbauendes Verhalten zugunsten von bedrohten Dritten, welches mit negativen Konsequenzen für den Akteur einhergehen kann. Vor allem geht es um die Unverletzlichkeit von Körper und Psyche. Diese Norm gilt unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Körperform und so weiter.

Lässt sich solches Handeln mit bestimmten Hirnarealen korrelieren?

Wir wissen, welche neuronalen Netzwerke bei bestimmtem prosozialen Verhalten zusammenspielen. Wichtig sind zum Beispiel die frontalen Cortexe oder das Striatum. Das sind die Orte, in denen die emotionale Verarbeitung stattfindet und Belohnungen verarbeitet werden. Das sind aber alles Befunde aus Experimenten, bei denen die Probanden oft sehr einfache Spiele ausgeführt haben. Zum Beispiel ging es darum, wie viel Geld man jemand anderem schenkt. Dieses Verhalten können Sie aber nicht vergleichen mit dem Verhalten auf der Straße.

Striatum

Striatum/Corpus striatum/striatum

Eine Struktur der Basalganglien. Sie umfasst den Nucleus accumbens, das Putamen und den Nucleus caudatus. Das Striatum ist die Eingangsstruktur der Basalganglien und spielt eine tragende Rolle bei Bewegungsabläufen.

Was weiß man denn schon über die Abläufe im Gehirn dabei?

Spiegelneuronen, die für empathisches Verhalten wichtig sind, spielen eine Rolle. Wir wissen aber, dass bei zivilcouragiertem Verhalten Empathie nicht der entscheidende Faktor ist. Ich muss auch das eigene Risiko abschätzen, das passiert in einer ganz anderen Hirnregion, beispielsweise in einem temporalen Gyrus. Ich muss zudem die komplexe soziale Situation wahrnehmen und über das eigene Handeln entscheiden.

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

Was braucht es denn, um Zivilcourage zu zeigen?

Als erstes muss ich eine Situation als Notlage interpretieren. Wenn das nicht passiert, weil ich nicht die zwei Sekunden länger hingucke, dann kann ich auch nicht eingreifen.

Oder auch wenn Sie nicht sensibilisiert sind, weil Sie es zum Beispiel unproblematisch finden, wenn Dicke diskriminiert werden.

Natürlich, denn es gibt Opfer-​Hierarchien: Kinder und Hunde stehen in Deutschland an erster Stelle, denen wird geholfen. Dann kommen irgendwann die Ausländer, das hat man uns beigebracht. Ganz am Ende der Liste stehen Obdachlose, Behinderte, Schwule und Dicke. Das sind Gruppen, da denken einige leider noch, über die kann man sich noch lustig machen und denen muss man nicht unbedingt helfen.

Was braucht es noch?

Wenn ich die Notsituation erkenne, dann ist der nächste Schritt, dass ich mich verantwortlich fühle. Allerdings gibt es da das Problem der Verantwortungsdiffusion. Je mehr Menschen anwesend sind, desto unwahrscheinlicher wird es, dass der einzelne eingreift. Sprich: Man denkt, ein anderer wird es schon tun. Als nächstes muss ich wissen, wie ich am besten eingreife. Diese Kompetenz haben die meisten nicht, sie unterschätzen die Komplexität dieser Handlung.

Und diese Kompetenzen lehren Sie in speziellen Zivilcourage-​Trainings?

Wir bringen zum Beispiel den Teilnehmern die paradoxe Intervention bei: Man muss nicht auf den Konflikt zwischen Täter und Opfer eingehen, man kann mit einer unerwarteten, anderen Handlung die Situation entschärfen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir zwei Menschen, die sich streiten und einer droht, den anderen zu schlagen. Um jetzt nicht den Angreifer zu provozieren, kann ich zum Beispiel das Opfer fragen: Wo geht es denn hier zum Bahnhof? Oder: Haben Sie eine Zigarette? So kann ich das Opfer kurz aus der Konfliktsituation herausnehmen, ohne dass ich den Täter konfrontieren muss. So entstehen Zeitfenster beispielsweise zum Flüchten!

Auf den Täter zuzugehen ist also meist der falsche Weg?

Das auf den Täter gerichtete Eingreifen ist riskant, aber leider handeln so vor allem Männer. Dann eskaliert die Situation schnell. Man sollte vor allem opferorientiert eingreifen. Zudem sollte man sich schon vorher Verstärkung suchen. Auch kleine Interventionen können wirksam sein. Man kann etwa allein durch Anwesenheit, durch beobachtendes Abwarten den Tätern zeigen: Ich beobachte euch, also bleibt im Bereich der Verhaltensnorm. Allein dieser Zeugenblick im Gegensatz zum üblichen Wegschauen hilft oft schon, eine Situation zu entschärfen.

Wie laufen denn Ihre Zivilcourage-​Trainings ab?

Wir beginnen immer mit einer Übung: Wir greifen uns eine Person willkürlich heraus und befragen sie sehr intensiv vor der Gruppe. Das nimmt diese Person als äußerst aversiv wahr, sie beginnt zu schwitzen und wird rot. Wir brechen das schnell ab und fragen: Was ist passiert? Es geht natürlich nicht um die Person, die vorne stand. Es geht um die anderen, die immer weiter in ihren Stühlen heruntergerutscht sind und nichts gemacht haben oder sogar uns beigesprungen sind. Es geht also darum, eine Situation zu erkennen, in der ein Mensch vorgeführt, zum Opfer gemacht wird.

Woran liegt es denn, dass manche Leute eher eingreifen als andere?

Erfahrung ist sehr wichtig: Wir wissen aus Studien, dass jemand, der bereits eine Situation miterlebt hat, häufiger eingreift. Er kann dann als Zeuge oder Opfer die erneute Situation besser einschätzen. Natürlich ist es auch eine Frage, ‘street wise’ zu sein: Wenn ich die Regeln der Straße kenne, dann kann ich viel effektiver etwas tun. Und es gibt Menschen, die sind eher angstfrei und besitzen eine soziale Geschmeidigkeit, denen fällt es leichter, Zivilcourage zu zeigen.

Fast alle Menschen sagen, sie würden etwas tun und nur sehr wenige machen es dann tatsächlich. Woran liegt das?

Ich hatte ja eingangs gesagt, dass auch ich häufig keine Zivilcourage zeige. Man entwickelt eine Selektion von Situationen. Manche liegen einem besser, andere Situationen überfordern einen, die lässt man besser links liegen. Aber die Polizei rufen geht fast immer. Zum zweiten: Diese Lippenbekenntnisse sind Standard bei uns allen. Das liegt daran, dass wir ein positives Selbstbild erhalten wollen. In dem Moment, in dem ich sage, ich helfe nicht, muss ich ja Kritik an meinem Selbstbild zulassen – und das fällt schwer.

Was erhoffen Sie sich in der Zukunft von der neuropsychologischen Forschung?

Ich hoffe, dass wir das Zusammenspiel der verschiedenen Hirnregionen besser verstehen lernen. Möglicherweise wissen wir dann, welcher Stimulus verstärkt werden muss, damit es zu zivilcouragiertem Verhalten kommt. Wir wollen aber auch, dass die Menschen eine Situation richtig einschätzen, damit es nicht zu einer Gewalteskalation kommt. Dafür müssen wir noch sehr viel mehr wissen, wie sich die Aktivitäten im Gehirn verteilen. Für uns Psychologen ist die neuropsychologische Forschung ganz zentral. Allerdings ist der Forschungsbedarf, der sich bereits aus klassischen psychologischen Verfahren ergibt, extrem groß. Die Möglichkeiten, die sich dagegen aus den neuen bildgebenden Verfahren ergeben, sind dagegen noch sehr klein angesichts der Komplexität des zivilcouragierten Verhaltens.

zum Weiterlesen:

  • Jonas, K.; Boos, M. & Brandstätter, V. (Herausgeber): Zivilcourage trainieren! Theorie und Praxis, Hogrefe-​Verlag; 2007.
  • Kai Jonas, Universität Amsterdam; URL: http://​www​.uva​.nl/​o​v​e​r​-​d​e​-​u​v​a​/​o​r​g​a​n​i​s​a​t​i​e​/​m​e​d​e​w​e​r​k​e​r​s​/​c​o​n​t​e​n​t​/​j​/​o​/​k​.​j​.​j​o​n​a​s​/​k​.​j​.​j​o​n​a​s​.html; zur Webseite.
  • Keuken, M.C.: The role of the left inferior frontal gyrus in social perception: An rTMS study. Brain Research. 2011; 1383:196 – 205 (zum Abstract).

inferior

inferior/inferior/inferior

Eine anatomische Lagebezeichnung — inferior bedeutet weiter unten gelegen, der untere Teil.

frontal

frontal/-/frontal

Eine anatomische Lagebezeichnung – frontal bedeutet „zur Stirn hin“ gelegen, also vorne.

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