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Summer of 69

Der erste Kuss, das erste Konzert mit Freunden, hitzige Streits mit den Eltern – kaum eine Lebensphase prägt unsere Persönlichkeit so stark wie die Pubertät. Denn in den Teenagerjahren machen wir besonders intensive Erfahrungen. 

Grafik: MW

 

Die erste eigene Gitarre, Bandproben mit den Jungs aus der Schule, zarte Liebeserklärungen auf der elterlichen Veranda – Bryan Adams beschwört in seinem Hit Summer of ‘69 Bilder unbeschwerter Teenager-Tage herauf, in die er am liebsten direkt zurückkehren würde. Die Jugend als beste Zeit des Lebens – im Rückblick erscheint es wohl nicht nur schmachtenden Konzertbesuchern so. Doch durchleben die eigene Tochter oder der eigene Sohn gerade die Pubertät – womöglich inklusive erstem eigenen Schlagzeug, Punkband und ungern gesehener Jugendliebe – schwirren Eltern ganz andere Liedzeilen durch den Kopf. Viel passender als Adams positive Jugendhymne erscheinen jetzt Passagen wie diese aus dem Song Junge der Band Die Ärzte: „Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm…Und du warst so ein süßes Kind. Du warst so süß.“

Basis für die Persönlichkeitsentwicklung: die ersten drei Lebensjahre

Auch wenn das süße Kleinkind von damals und der launische Teenager von heute scheinbar kaum etwas gemeinsam haben: In den ersten drei Lebensjahren lernen Kinder vieles, das später für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig ist: Zwischen der Geburt und dem Alter von drei Jahren entstehen unzählige Verbindungen im Gehirn. Wichtig für die Entwicklung des Babys sind vor allem Anregungen von außen und soziale Interaktion. In den ersten drei Lebensjahren baut das Kind außerdem eine enge Bindung zu seinen Bezugspersonen auf – die Qualität dieser Bindung kann auch spätere Beziehungen im Leben beeinflussen. 

Das Wichtigste in Kürze

  • Erste romantische Erfahrungen in der Teenagerzeit können das Selbstwertgefühl steigern. Halten Beziehungen im Jugendalter länger, steigt die spätere Beziehungszufriedenheit. Kurze Beziehungen im Teenageralter können sich aber negativ auf die emotionale Gesundheit auswirken.
  • Jugendfreunde beeinflussen vor allem die sozialen Normen von Teenagern. Die Werte der Eltern spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
  • Können Jugendliche in Streits mit den Eltern eigene Ansichten vertreten und Kompromisse finden, stärkt das ihr Selbstwertgefühl. In intakten Familien fallen Streits oft heftiger aus, bleiben aber eher bei der Sache und überfordern Jugendliche dadurch nicht emotional.
  • Laute, rebellische Musik wie Punk oder Metal kann bei der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit helfen. Jugendliche haben ein besonders emotionales Verhältnis zu Musik. Titel aus der Jugend gefallen darum auch im Alter noch.
  • Die Pubertät bleibt besonders gut im Gedächtnis. Das hat mit den vielen emotionalen Erlebnissen in dieser Lebensphase zu tun. 

Uncoole Teenager haben’s im späteren Leben leichte

Sie tragen seltsame Klamotten, haben Pickel, aber keine Dates – kurz: Manche Teenager sind einfach uncool. Wer auf dem Schulhof zu den vermeintlichen Losern gehörte, hat mit großer Wahrscheinlichkeit keine Lust auf ein Klassentreffen – sollte aber unbedingt hingehen! Warum? Mit großer Wahrscheinlichkeit erwartet ehemalige Nerds späte Genugtuung. Denn wer als Teenager wenig angesehen war, hat offenbar im Erwachsenenleben oft weniger Probleme als die früheren coolen Kids. Das zeigten Ergebnisse einer Studie von Forschern um Joseph Kelly von der University of Virginia. Die Wissenschaftler sammelten Informationen über insgesamt 184 Jugendliche aus Virginia zwischen deren 13. und 22. Lebensjahr. Dazu befragten sie die Jugendlichen selbst sowie ihre Eltern und Bekannte im gleichen Alter. Mithilfe dieser Informationen konnten die Forscher die Studienteilnehmer auf einer Skala der Coolness einordnen. Wer früh Kontakte zum anderen Geschlecht aufnimmt, äußerlich attraktive Freunde hat oder sich provozierend verhält, klettert auf der Coolness-Leiter weiter nach oben. Wie die Studie zeigte, folgt im jungen Erwachsenenalter aber oft der Abstieg: Mit 22 Jahren wurden die ehemals coolen Jugendlichen von anderen als sozial inkompetenter eingestuft als die vormals langweiligen Teenager. Außerdem scheiterten ihre Beziehungen häufiger, sie hatten öfter Alkohol- oder Drogenprobleme oder wurden kriminell. Die Forscher vermuten, dass die coolen Jugendlichen im Laufe ihres Lebens immer weiter versuchen, sich durch extreme Verhaltensweisen von anderen abzuheben – und das kann außerhalb des Pausenhofs eben problematisch werden.  

Erste Küsse können das Selbstwertgefühl steigern

Haben die ersten Lebensjahre also auch Auswirkungen auf die Liebe im Teenageralter? Gut möglich! Kaum eine Erfahrung im Leben eines Teenagers ist so unvergesslich wie die erste Beziehung. Doch so romantisch die Erinnerungen an den eigenen ersten Kuss oder das Händchenhalten sein mag, so schwer ist es für manche Eltern, wenn Tochter oder Sohn mit dem ersten Freund oder der ersten Freundin auf dem Motorroller davonbrausen. Tatsächlich sind Liebesbeziehungen im Teenageralter nicht nur mit positiven Erlebnissen verbunden: Wie Ergebnisse der „Pairfam“-Panelstudie zeigen, scheinen die eher kurzen Beziehungen im Jugendalter mit erhöhter Depressivität, niedrigem Selbstwert, Delinquenz und geringer emotionaler Gesundheit einherzugehen. Wer jedoch schon im Jugendalter längere Beziehungen führt, ist den Studienergebnissen zufolge als junger Erwachsener in Beziehungen oft zufriedener. Letztlich können Eltern über den ein oder anderen Verehrer sogar froh sein: Jugendliche mit ersten romantischen Erfahrungen haben nämlich ein höheres Selbstwertgefühl. Machen Teenager dagegen gar keine Erfahrungen mit der Liebe, ist das Studien zufolge zum Teil mit emotionalen Unsicherheiten verbunden.

Jugendfreunde prägen die Wertvorstellungen

Doch nicht nur die ersten romantischen Beziehungen prägen unser weiteres Leben. Freunde sind in der Pubertät besonders wichtig, auch wenn sie den Eltern – wie im Song der Ärzte – manchmal Sorgen bereiten. In jedem Fall beeinflussen sie die Persönlichkeitsentwicklung: Laut einem Forschungsprojekt der Landesstiftung Baden-Württemberg gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen den sozialen Normen der Freunde und denen der Jugendlichen selbst.

Das heißt aber noch lange nicht, dass die Eltern in der Pubertät keinen Einfluss mehr auf ihre Kinder haben: Jugendliche orientieren sich durchaus an deren Vorstellungen und Normen. Besonders wichtig sind Teenagern laut Shell-Jugendstudie übrigens durchaus konsensfähige Werte wie Freundschaft, Partnerschaft und Familie.

Guter Streit macht Jugendliche selbstbewusster

Die großen Themen sorgen also seltener für Konflikte in der Familie – bei Streits in der Pubertät geht es oft um Kleinigkeiten wie liegengelassene Klamotten oder Ausgehzeiten.

Und während Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen normal sind, kann die Art, wie gestritten wird, entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung sein. So beschäftigte sich eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung mit der Streitkultur in unterschiedlichen Familienkonstellationen. Das Ergebnis: Mütter in intakten Beziehungen legen in Streits viel Wert darauf, dass Teenager die Regeln einhalten, und gehen Konflikten nicht aus dem Weg. Diskussionen fallen dadurch oft recht heftig aus. Alleinerziehende Mütter betrachten die Jugendlichen in Diskussionen dagegen eher als gleichberechtigt, wechseln aber auch schneller auf eine emotionale Ebene, die die Beziehung zwischen Mutter und Kind thematisiert. Das kann Jugendliche überfordern. Vielleicht haben Trennungskinder deshalb oft ein geringeres Selbstvertrauen, ihre Konfliktfähigkeit ist weniger ausgeprägt und sie haben mehr Schwierigkeiten, dauerhafte Beziehungen aufzubauen. Können Jugendliche im Streit mit den Eltern oder einem Elternteil dagegen Argumente austauschen, werden ernstgenommen und finden Kompromisse, stärkt das die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls.

Rebellische Musik hilft bei der Identitätsfindung

Für ordentlich Zoff sorgen kann in der Pubertät auch der Musikgeschmack: Dröhnt es sinnesbetäubend aus dem Jugendzimmer, halten sich manche Eltern die Ohren und fragen sich, woher das Kind nur diesen Geschmack hat. Doch keine Sorge: Das gibt sich mit der Zeit. Wie eine Studie an der Cambridge-Universität zeigte, ändert sich der Musikgeschmack im Laufe des Lebens. In den Teenagerjahren hilft Musik bei der Identitätsfindung.

Musikrichtungen wie Punk oder Metal mit lautem, verzerrtem Sound bilden dabei einen Gegensatz zum Etablierten und helfen, den Autonomie-Anspruch gegenüber den Eltern zum Ausdruck zu bringen. Doch auch so genannte „zeitgenössische“ Musik wie Rap oder Pop findet bei Jugendlichen Anklang und verdrängt im jungen Erwachsenenalter zunehmend die „intensive“ Musik.

Wer weiß, vielleicht können sich ehemalige Metal-Fans im Alter dann sogar für Schlager begeistern – laut der Studie tendieren ältere Menschen nämlich zu „unprätentiöser“ Musik. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit werden heutige Jugendliche sich aber auch im Alter noch für Songs begeistern, die zwischen ihrem siebten und dreißigsten Lebensjahr veröffentlicht wurden: Das zeigt eine Untersuchung der FGM Forschungsgruppe Medien. Die stärkste emotionale Bindung zur Musik entwickeln Menschen demnach zwischen 14 und 16 Jahren.

Warum uns die Pubertät im Gedächtnis bleibt

Das erklärt auch, warum viele Menschen die Hits ihrer Jugend so inbrünstig mitschmettern können: Gefühle und Emotionen sind nämlich entscheidend dafür, ob Ereignisse – oder auch Songtexte –  langfristig im Gehirn gespeichert werden oder nicht. Weil wir in der Pubertät vieles zum ersten Mal erleben und dabei Gefühle wie Liebe, Trauer oder Angst spüren, erinnern wir uns an unsere Jugend besonders gut. Gerade alte Menschen ab einem Alter von siebzig Jahren sehen laut dem niederländischen Psychologen Douwe Draaaisma vor allem Bilder aus Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter vor ihrem inneren Auge auftauchen.

Bis zum 25. Lebensjahr ist die Erinnerung dabei besonders klar – danach ist auch die Entwicklung der Persönlichkeit weitgehend abgeschlossen. Trotzdem: Wer als Jugendlicher noch wild und impulsiv war, wird ab 30 Jahren oft verträglicher, gewissenhafter und widerstandsfähiger gegenüber Herausforderungen, wie Forschende um Psychologin Jule Specht von der Freien Universität Berlin feststellten. Sogar im hohen Alter über 70 kann sich die Persönlichkeit noch verändern. Aber so aufregend wie der ganz persönliche Summer of ‘69 wird wohl keine Lebensphase mehr. 

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Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Kerstin Konrad
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