Wie soziale Erfahrungen das Verhalten prägen
In einer Deutsch-US-amerikanischen Kooperation unter Beteiligung des European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) haben Forschende gezeigt, dass Fruchtfliegen ihr Sozialverhalten anpassen und aus diesen Erfahrungen lernen können. Diese grundlegenden Mechanismen sozialer Informationsverarbeitung sind auch für das Verständnis psychischer Erkrankungen von Bedeutung. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht. Ein auf diesen Erkenntnissen aufbauendes Folgeprojekt wird vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung mit mehr als 400.000 Euro für zwei Jahre gefördert.
Veröffentlicht: 10.03.2026
Viele Tiere – darunter Säugetiere, Vögel und Insekten – lernen aus sozialen Erfahrungen. Sie passen ihr Verhalten an frühere Interaktionen an und erhöhen so ihre Überlebens- und Fortpflanzungschancen. Wie soziale Erfahrungen das Verhalten prägen, ist bislang nur unzureichend verstanden.
Dr. Frederic Alexander Römschied, Gruppenleiter am European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) – einer Kooperation der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und des Max-Planck-Instituts für Multidisziplinäre Naturwissenschaften – hat in Zusammenarbeit mit Forschenden der Princeton University in New Jersey, USA, gezeigt, dass männliche Fruchtfliegen, ähnlich wie Menschen, ihr Verhalten flexibel an veränderte soziale Bedingungen anpassen können. Mit einem neuartigen Verfahren gelang es den Forschenden, das Verhalten interagierender Fliegen, auch entgegen ihrer natürlichen Instinkte, zu steuern. Dazu wurden die Nervenzellen der Fliegen genetisch so verändert, dass sie mittels LED-Licht gezielt angeschaltet werden können. Das Ergebnis: Verhält sich eine Fliege anders als gewohnt, lernt ihr Gegenüber aus dieser Erfahrung und entwickelt neue Verhaltensstrategien, um sich anzupassen.
„Wir können soziale Erfahrungen experimentell umschreiben und anschließend untersuchen, wie sich das Verhalten an diese Erfahrungen anpasst“, sagt Dr. Römschied, Erst- und Letztautor. „Damit schaffen wir die Grundlage, um zu verstehen, wie individuelle soziale Erlebnisse neuronale Prozesse langfristig beeinflussen, um Lernen aus sozialer Erfahrung zu ermöglichen. Diese Mechanismen sozialer Informationsverarbeitung sind auch für das Verständnis psychischer Erkrankungen von Bedeutung und könnten langfristig dazu beitragen, neue Behandlungsansätze zu entwickeln.“
Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht.
Frederic A. Roemschied, Elise C. Ireland, Adam J. Calhoun, Minseung Choi, Osama M. Ahmed, Mala Murthy. Recent social experience alters song behavior in Drosophila. Current Biology (2026): DOI: 10.1016/j.cub.2026.02.003