Wie gesagt… Wie die Intonation Einfluss auf unsere Wahrnehmung hat
„Zwischen den Zeilen“ – damit bezeichnen wir unausgesprochene Botschaften, die der eigentliche Text zwar verschweigt, die aber beispielsweise durch Wortwahl oder Tonfall mitschwingen. Ein Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt am Main hat untersucht, wie wir durch sprachliche Intonation Bedeutung vermitteln und dabei verschiedene Hörerprofile identifiziert. Die Ergebnisse sind soeben in der Fachzeitschrift Cognition erschienen
Veröffentlicht: 30.09.2026
Die Prosodie, die Melodie der Sprache, verleiht dem Gesagten über die gesprochenen Worte hinaus Bedeutung. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Intonation, also die Veränderung der Tonhöhe. Unklar ist jedoch, welche Merkmale der Intonation dabei entscheidend sind und ob alle Menschen sie gleich wahrnehmen. Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, führte das interdisziplinäre Forschungsteam eine mehrstufige Studie durch.
Im ersten Schritt hörten 41 deutsche Muttersprachler:innen Paare des Wortes „Bier“, wobei die Tonhöhenbewegungen jeweils zufällig generiert wurden. In einer Sitzung wählten die Teilnehmer:innen aus, welche Version eines jeden Wortpaares für sie eher wie Kritik klang, in einer anderen, welche Version sich eher wie ein Vorschlag anhörte. Aus der Summe der Entscheidungen ergaben sich Muster, die zeigten, wie sich die Teilnehmer:innen jeweils den Klang von Kritik oder einem Vorschlag vorstellten.
Mithilfe dieser rekonstruierten Tonhöhenmuster führten die Forscher:innen eine zweite Studie durch. Dabei baten sie eine neue Gruppe von 177 Personen einzuschätzen, inwieweit jedes Muster in deren Ohren tatsächlich wie Kritik oder ein Vorschlag klang. So konnten die Forscher:innen überprüfen, welche Merkmale der Tonhöhenkurve am wichtigsten waren. Die Ergebnisse zeigten, dass die Tonhöhendynamik – das heißt, wie spitz oder flach die Kurve verläuft und ob sie nach oben oder unten tendiert – der Hauptfaktor für die Beurteilung der Zuhörer:innen war. Weiterhin zeigte sich, dass nicht alle Menschen die Merkmale gleich interpretierten:
„Unsere vielleicht bemerkenswerteste Erkenntnis ist, dass Menschen die Tonhöheninformationen unterschiedlich – teils sogar auf gegensätzliche Weise – nutzen“, berichtet Erstautorin Larrouy-Maestri vom MPIEA. „Diese Variabilität könnte eine bisher unterschätzte Ursache für die in Alltagsgesprächen so häufig auftretenden Missverständnisse sein. Denn wie man etwas sagt, kann je nach Zuhörer:in völlig unterschiedlich ankommen.“
Zusammengefasst eröffnen diese Erkenntnisse neue Perspektiven dafür, wie wir Klänge weit über die Sprache selbst hinaus verstehen. Darüber hinaus zeichnen sie ein differenziertes Bild davon, wie Intonation Bedeutung vermittelt: als flexible Schlussfolgerung, die von den Zuhörer:innen abhängt und Menschen in einem gemeinsamen Verständnis zusammenbringen – oder auch entzweien – kann.
Originalpublikation
Larrouy-Maestri, P., Ringer, H., Poeppel, D., & Sammler, D. (2027). The Role of Pitch in the Vocal Communication of Intentions. Cognition, 278, 106714. https://doi.org/10.1016/j.cognition.2026.106714