Frauengesichter werden weltweit attraktiver bewertet als Männergesichter

Illustration: Paul Wontorra und Eugen Wassiliwizky / lizenzfreie Bilder von Pexels
Beim Menschen gelten Frauen als das „schöne Geschlecht“, während in der Tierwelt oft die Männchen auffälliger sind.

Warum gelten beim Menschen Frauen als das „schöne Geschlecht“, während in der Tierwelt oft die Männchen die auffälligeren und attraktiveren Merkmale zeigen? Diese Frage beschäftigt die Forschung seit Charles Darwin. Eine neue, groß angelegte Studie unter Leitung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt am Main liefert nun erstmals klare empirische Befunde. Die Ergebnisse sind soeben in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B erschienen.

Quelle: Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

Veröffentlicht: 27.05.2026

Das internationale Forschungsteam analysierte die Daten von über 28.500 Studienteilnehmer:innen mit insgesamt mehr als eineinhalb Millionen Bewertungen von Gesichtern aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Dabei zeigte sich, dass Gesichter von Frauen im Durchschnitt als attraktiver bewertet werden als die von Männern. Dieser Effekt, den die Autoren der Studie als „Gender Attractiveness Gap“ (GAP) bezeichnen, tritt unabhängig von Alter, kulturellem Hintergrund oder Herkunft auf.

„Besonders interessant ist, dass Frauen andere Frauen deutlich attraktiver bewerten als Männer, während männliche Gesichter von beiden Geschlechtern ähnlich – und insgesamt relativ niedrig – bewertet werden. Der Unterschied besteht also nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch innerhalb derselben Geschlechtsgruppe“, berichtet Erstautor Eugen Wassiliwizky vom MPIEA.

Das Team stellte auch fest, dass dieser Effekt verschwindet, wenn sich Menschen selbst bewerten: Männer und Frauen unterscheiden sich nicht in der Einschätzung ihrer eigenen Attraktivität. Darüber hinaus deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Männer insgesamt kritischer urteilen als Frauen. Im Vergleich zum GAP ist dieser Effekt jedoch deutlich schwächer und abhängig von der kulturellen Sozialisierung.

Um die Ursachen des GAP-Musters besser zu verstehen, untersuchten die Forscher auch objektive Merkmale der Gesichter. Mithilfe morphometrischer Analysen – also quantitativer Verfahren zur Vermessung von Gesichtsstrukturen – bestimmten sie, wie feminin oder maskulin ein Gesicht ist. Die Ergebnisse zeigen, dass Unterschiede in dieser geschlechtstypischen Gesichtsstruktur einen erheblichen Teil des GAP erklären.

„Der GAP ist kein Artefakt oder statistischer Zufall, sondern ein robustes und breit beobachtbares Phänomen“, resümiert Wassiliwizky. „Er lässt sich zum Teil durch Unterschiede in der Gesichtsstruktur erklären, geht in Summe aber darüber hinaus.“

Insgesamt zeigt die Studie, dass Attraktivitätsurteile beim Menschen nicht allein eine Frage individueller Vorlieben sind. Sie entstehen aus einem Zusammenspiel von biologischen Merkmalen, individuellen Bewertungsmustern und sozialen Einflüssen. Der GAP weist auf systematische Unterschiede in der Wahrnehmung von Männern und Frauen hin – ein Phänomen, das bislang zwar oft vermutet, aber nie empirisch belegt wurde. Die Ergebnisse zeigen nun erstmals ein globales Muster.

Die Studie basiert auf der bislang größten Datensammlung zur Bewertung von Gesichtsattraktivität weltweit. Um Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten und zukünftige Forschung zu unterstützen, stellen die Forscher alle Daten und Analysen öffentlich als Ressource zur Verfügung.  

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Originalpublikation

Wassiliwizky, E., Zietsch, B. P., Kleisner, K., & Ullén, F. (2026). The Gender Attractiveness Gap. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 293(2071), Article 20260362. https://doi.org/10.1098/rspb.2026.0362

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