Frage an das Gehirn
Entspannungsvideos als Internet-Trend: Wie wirken sie?
Veröffentlicht: 18.01.2026
ASMR-Videos sind ein Internet-Trend. Was genau passiert beim Anschauen im Gehirn?
Die Antwort der Redaktion lautet:
Dr. Tobias Lohaus, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Neuropsychologischen Therapie Centrum (NTC) der Ruhr-Universität Bochum: Entspannende Klänge und Videos, die die Herzfrequenz senken und ein charakteristisches Kribbeln im Bereich von Kopf, Nacken und Schultern auslösen. Etwa 25 Prozent der Menschen erleben dieses Phänomen, das als ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) bezeichnet wird. Es ist mit Wohlbefinden und Entspannung assoziiert. Einige Untersuchungen befassen sich schon damit, was im Gehirn passiert, wenn man ASMR erlebt, auch wenn die Forschung zu dem Phänomen insgesamt noch am Anfang steht. Unser ASMR-Forschungsteam an der Ruhr-Universität Bochum hat 2023 eine Übersichtsstudie veröffentlicht, die die Befunde zusammenstellt. Untersucht wurde das Phänomen zum einen mittels EEG, das elektrische Ströme des Gehirns mit Hilfe von Elektroden erfasst, und zum anderen mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT). Dabei handelt es sich um ein bildgebendes Verfahren, das aktivierte Hirnbereiche darstellen kann.
Die EEG-Untersuchungen zeigen demnach zuverlässig, dass die Deltawellen im Gehirn während des Erlebens von ASMR reduziert werden. Da Deltawellen mit dem Tiefschlaf assoziiert sind, mag das zunächst überraschen, allerdings wurde in anderen Studien bereits gezeigt, dass reduzierte Deltawellen auch mit anderen bewussten entspannten Zuständen in Verbindung stehen, beispielweise mit Meditation.
Bisher lassen sich außerdem zwei Gehirnbereiche benennen, deren verstärkte Aktivität beim Betrachten von ASMR-Videos in jeweils zwei fMRT-Studien gezeigt werden konnte: Zum einen der anteriore cinguläre Cortex, der Teil des Salienz-Netzwerks ist. Er wird aktiviert, weil beim Betrachten der Videos aufmerksamkeitsrelevante Reize verarbeitet werden. Das erklärt allerdings noch nicht das ASMR-Gefühl als solches; ohnehin ist noch nicht klar, wie es genau funktioniert.
Außerdem zeigte der motorische Cortex eine erhöhte Aktivität. Das liegt wohl daran, dass das Betrachten der Videos mit körpernahen sensorischen Wahrnehmungen verknüpft ist. So wird beispielsweise in vielen Videos scheinbar nah am Ohr geflüstert oder die Betrachtenden haben das Gefühl, berührt zu werden.
Weitere Gehirnbereiche könnten für die Wahrnehmung von ASMR relevant sein; die Studienlage ist hier aber noch nicht eindeutig. Es wird angenommen, dass der Nukleus accumbens, der Teil des Belohnungszentrums ist, in irgendeiner Weise beim Betrachten der Videos aktiviert wird. Eine einzelne Studie zeigte bisher außerdem, dass Areale, die mit sozialen Interaktionen verknüpft sind, aktiviert werden.
Bei den Untersuchungen zu ASMR wurde in der Regel übrigens nicht zwischen Probanden, die ASMR erleben und solchen, die das nicht tun, unterschieden. Es gibt Hinweise darauf, dass ASMR-Responder eine geringere funktionelle Konnektivität, also schwächere Verbindungen innerhalb und zwischen verschiedenen Netzwerken im Gehirn haben. Das betrifft einmal die Salienz-Netzwerke, die für aufmerksamkeitsbezogene Gehirnaktivitäten zuständig sind, und andererseits die Default Mode Netzwerke, die unter Ruhebedingungen beteiligt sind. Was genau das heißt, ist noch nicht klar. Es lässt sich noch nicht sicher sagen, ob beides damit zusammenhängt, dass diese Personen ASMR erleben.
Aufgezeichnet von Natalie Steinmann