Frage an das Gehirn

Sind wir wirklich fähig zum Multitasking?

Fragesteller/in: Marc B. via Internet

Veröffentlicht: 21.05.2012

Im Hintergrund läuft das Radio, am Telefon bittet die beste Freundin um Rat und am Rechner wartet eine dringende Mail auf Beantwortung. Viele Menschen versuchen, mehrere Sachen gleichzeitig zu erledigen. Doch sind wir überhaupt fähig zum Multitasking?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Prof. Dr. Torsten Schubert, Psychologie, Humboldt-​Universität Berlin: Zunächst muss man klären, was genau man unter Multitasking versteht. In unserem Gehirn laufen ständig viele Prozesse gleichzeitig ab, das meiste davon unbewusst. In der Psychologie verstehen wir unter Multitasking aber, dass eine Person zwei oder mehr Aufgaben zeitüberlappend ausführt. Die Aufgaben müssen dabei unabhängige Ziele haben. Das grenzt Multitasking von komplexen Handlungen ab: So könnte man Autofahren ja in mehrere Tasks untergliedern, aber diese haben zusammen ein Ziel, nämlich effizient und unfallfrei zum Ziel zu kommen.

Grundsätzlich können nun auch Prozesse, die zu unterschiedlichen Aufgaben gehören, gleichzeitig ablaufen – aber dabei gibt es bestimmte Einschränkungen. Relativ unproblematisch ist es bei peripheren Prozessen, etwa wenn wir über verschiedene Sinne Dinge wahrnehmen: Ich kann einem Gesprächspartner am Telefon zuhören und davon unabhängig visuelle Informationen aufnehmen. Auch Output-​Prozesse können oft gleichzeitig ablaufen: Ich kann sprechen und dabei mit meiner Hand etwas tun. In solchen Fällen gibt es höchstens kleinere gegenseitige Beeinflussungen.

Andererseits gibt es Arten von Prozessen, von denen das Gehirn nur einen pro Zeiteinheit ausführen kann. So braucht eine Entscheidung eine Art zentrale Aufmerksamkeit, und diese ist unteilbar. Wenn ich also am Telefon gefragt werde, welcher Termin mir besser passt, und gleichzeitig meine Sekretärin per E-​Mail fragt, ob sie bestimmte Unterlagen ausdrucken soll, können die beiden Entscheidungsprozesse nur nacheinander ablaufen. Mich der einen Sache zuzuwenden heißt, die andere zu unterbrechen. Das zeigen psychologische Experimente: Überlappen sich Entscheidungsprozesse, verlängert sich die Bearbeitungszeit oder die Fehlerquote steigt.

Betrachtet man die neuronale Ebene, dann korrespondiert das sehr gut mit der Idee, dass hinter verschiedenartigen Prozessen unterschiedliche Hirnzentren stehen. Sobald zwei Aufgaben unterschiedliche Hirnareale benötigen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich nicht stören. Allerdings beinhalten viele Aufgaben, sowohl Informationen aufzunehmen, als auch entsprechend zu reagieren. Dabei müssen die Hirnareale, die für den Input zuständig sind, mit denjenigen verknüpft werden, die den Output steuern. Man geht davon aus, dass solch ein „Binding“ jeweils stark mit dem präfrontalen Cortex assoziiert ist, der auch für höhere geistige Funktionen zuständig ist.

Hirnforschungs-​Erkenntnisse der letzten zwei, drei Jahre deuten nun darauf hin, dass immer nur ein solches Binding möglich ist. Das hieße, zwei Aufgaben, die ein Binding benötigen, stören sich gegenseitig. Das wäre eine gute Erklärung dafür, warum Handy-​Benutzung am Steuer so gefährlich ist. Andererseits gilt: Je besser ich mit einer Aufgabe vertraut bin, desto schneller kann solch ein Binding erfolgen. Wie gut jemand gleichzeitig auf verschiedene Anforderungen eingehen kann, hängt also immer auch mit der konkreten Situation und mit Übungseffekten zusammen. Darüber hinaus gibt es individuelle Unterschiede – entgegen dem verbreiteten Vorurteil aber keinen grundsätzlichen Vorteil von Frauen gegenüber Männern.

Aufgezeichnet von Ulrich Pontes

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

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