Frage an das Gehirn

Schaden Kopfbälle dem Gehirn?

Fragesteller/in: A. aus H.

Veröffentlicht: 07.06.2020

Ecke – Kopfball – Tor! Den Ball mit dem Kopf zu spielen muss jeder Kicker beherrschen. Aber schadet das nicht dem Gehirn, will ein Schüler der 8. Klasse wissen?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Prof. Dr. med. Inga Koerte, Professorin für neurobiologische Forschung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Fakultät der LMU, Leiterin der Arbeitsgruppe cBRAIN und Lecturer an der Harvard Medical School in Boston, USA:  Wir haben Hinweise darauf, dass sich Kopfbälle kurz- und langfristig auf das Gehirn auswirken . 2012 haben wir eine Studie mit jungen Fußballspielern durchgeführt und die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe verglichen. Dabei handelte es sich um Schwimmer, also Sportler, die keine n regelmäßigen Kopferschütterung en ausgesetzt sind. Wir haben festgestellt , dass es signifikante Unterschiede in der weißen Hirnsubstanz gibt, also die Verbindung zwischen den Gehirnzellen betroffen ist. Die Hirnregionen, in denen wir Veränderungen gefunden haben, sind zum Beispiel für die Gedächtnisleistung und für komplexe Denkvorgänge zuständig.

Die Veränderungen der weißen Substanz sind denen, nach einem Schädel-Hirn-Trauma sehr ähnlich. Von diesen wissen wir, dass die Myelinscheiden, die Axone wie eine Isolationsschicht ummanteln, zum Teil gedehnt, gerissen oder mit der Zeit dünner geworden sind . Informationen werden dadurch langsamer weitergeleitet.

Wir haben weiter geforscht, auch weil diese Untersuchung damals nur an einer kleinen Gruppe durchgeführt wurde, und es noch zahlreich offene Fragen gab und gibt. Vor allem benötigen wir sensitive und in mehrfacher Hinsicht aufwändige Methoden, um Mikroverletzungen auf zellulärer Ebene überhaupt nachweisen zu können.

Aus diesem Grund haben wir im Rahmen eines Pilotprojektes 2017 eine Studie an jugendlichen Fußballern im Alter von 15 bis 17 Jahren durchgeführt. In diesem Alter ist die fluide Intelligenz sehr hoch. Wir haben die Spieler vor und direkt nach dem Training während der Saison untersucht und auch hier mit einer Kontrollgruppe verglichen. Bei dieser verbesserte sich die kognitive Leistung im Verlauf der Saison, bei den Fußballern jedoch nicht. Das fanden wir besorgniserregend. Denn eigentlich ist das Gehirn in diesem Alter darauf ausgerichtet, extrem dazu zu lernen.

Auch langfristig haben Kopfbälle Folgen fürs Gehirn. In einer schottischen Studie wurden ehemalige Fußballspieler hinsichtlich der Sterbeursachen untersucht. Das Ergebnis: Die Fußballer hatten ein signifikant höheres Risiko, an Demenz zu erkranken. Wir selbst haben 2013 ehemalige Profi-Fußballer untersucht und dabei – im Vergleich zur Kontrollgruppe – beschleunigte Alterungsprozesse festgestellt.

Die Einflussfaktoren sind insgesamt aber sehr komplex. Vor allem ist nicht bekannt, was zwischen dem akuten Einwirken im Jugendalter und dem Auftreten einer Demenz im Alter passiert. Und warum manche erkranken und manche nicht.

Wir wissen, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Die Gehirne von Frauen zeigen mehr Reaktionen und in mehr Hirnarealen. Gründe hierfür sind wahrscheinlich unter anderem in den Hormonen zu suchen, aber auch mechanische Unterschiede spielen eine Rolle. Frauen haben rund 30 Prozent weniger Muskelmasse. Das Gehirn wird innerhalb der knöchernen Schädelstruktur noch stärker in Bewegung versetzt.

Um zuverlässigere Aussagen treffen zu können, untersuchen wir seit 2017 in einem EU-weiten Projekt Fußballer in drei Ländern. Diese haben wir teilweise bis zu 12 Monate begleitet und ausführlich untersucht. Dabei ging es uns nicht nur um die Kognition, sondern auch um das Verhalten. Zum Einsatz kamen nicht nur aufwändige bildgebende Verfahren wie MRT. Wir haben unter anderem auch Entzündungsmarker im Blut und im Speichel gemessen und die Ergebnisse mit Kontrollpersonen aus unterschiedlichen Nicht-Kontaktsportarten verglichen. Die Daten werten wir aktuell aus und sind sehr gespannt auf die Ergebnisse.

Aufgezeichnet von Anke Lorenz-Hoppe

 

 

 

 

 

 

 

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