Frage an das Gehirn

Kann Stress zum Schlaganfall oder Herzinfarkt führen?

Fragesteller/in: Anonym aus Heidelberg via E-Mail

Veröffentlicht: 25.11.2013

Angeblich geht diesen Erkrankungen oft psychischer Stress voraus, zum Beispiel Streit mit dem Partner oder berufliche Probleme. Stimmt das wirklich?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Professor Dr. Arno Villringer, Max Planck Institut für Kognitions– und Neurowissenschaften, Direktor der Abteilung Neurologie, Leipzig:

Ja, in der Tat. Um genau zu sein: Akute Schlaganfälle, denen stressige Situationen vorausgehen, sind häufiger als solche, bei denen das nicht der Fall ist. Zwar beträgt der Unterschied nur wenige Prozent, er ist aber durch eine große Zahl an Untersuchungen belegt. Besonders prominent ist eine Studie der Deutschen Schlaganfallgesellschaft zur Fußballweltmeisterschaft 2006. Dort untersuchte man, ob spannende Spiele die Schlaganfall-​Häufigkeit erhöhen. Interessanterweise war das nicht der Fall – allerdings ergab eine andere Untersuchung, dass sich das Herzinfarkt-​Risiko durch nervenaufreibende Spiele mehr als verdoppelt.

Allerdings entstehen Schlaganfall oder Herzinfarkt meist auf der Grundlage einer längerfristigen Erkrankung, deren Verlauf sich in drei grobe Phasen unterteilen lässt. Ganz am Anfang entwickeln die Personen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht. Auf der Basis dieser Faktoren kommt es dann in der zweiten Phase zu einer Erkrankung der Gefäße wie Atherosklerose, umgangssprachlich auch als „Arterienverkalkung“ bezeichnet. Dabei verlieren die Gefäßwände an Elastizität und verengen sich, was den Blutfluss behindert. Verschließt sich ein Gefäß im Gehirn oder Herzen in Phase drei ganz, kommt es zum Herzinfarkt beziehungsweise Schlaganfall.

Stress kann in allen drei Phasen eine wesentliche Rolle spielen: Wir wissen, dass Stress zu Bluthochdruck und Adipositas führen kann, und möglicherweise begünstigt er auch den Übergang von Adipositas zu Diabetes. Wahrscheinlich schädigen körperliche Stressreaktionen, also zum Beispiel die Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin auch die Endothelzellen, die den Innenraum der Arterien auskleiden und zum Beispiel eine wichtige Rolle bei der Regulation des Blutdrucks spielen.

Der gefährliche Stress ist meist der negative Stress. Dazu zählen sicherlich Krisen in der Partnerschaft und der Familie oder der Tod eines nahe stehenden Menschen. Was das Berufsleben betrifft, ist die Sache weniger eindeutig. Einem Job, in dem man ständig viel zu tun und den ganzen Tag auf Achse ist, kann man nämlich durchaus gern nachgehen. Problematisch wird es erst dann, wenn man seine Arbeit nicht frei gestalten kann, sondern fremdgesteuert wird, wenn sich das Gefühl einstellt, mit der Situation nicht klarzukommen, wenn man Hilflosigkeit oder Angst erlebt.

Wer die Risikofaktoren im Griff hat – also nicht raucht, nicht übergewichtig ist und gesund lebt – muss sich zunächst einmal keine Sorgen machen. Wer allerdings häufig negativen Stress empfindet, sollte versuchen, diesen gezielt abzubauen, zum Beispiel mit autogenem Training oder Meditation. Wissenschaftlich gut belegt ist auch die positive Wirkung der „Mindfulness-​Based Stress Reduction“, der „Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion“, die der amerikanische Biologe Jon Kabat-​Zinn entwickelte.

Aufgezeichnet von Claudia Christine Wolf

Schlaganfall

Schlaganfall/Apoplexia cerebri/stroke

Bei einem Schlaganfall werden das Gehirn oder Teile davon zeitweilig nicht mehr richtig mit Blut versorgt. Dadurch kommt es zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und dem Energieträger Glukose. Häufigster Auslöser des Schlafanfalls ist eine Verengung der Arterien. Zu den häufigsten Symptomen zählen plötzliche Sehstörungen, Schwindel sowie Lähmungserscheinungen. Als Langzeitfolgen können verschiedene Arten von Gefühls– und Bewegungsstörungen auftreten. In Deutschland ging 2006 jeder dritte Todesfall auf einen Schlaganfall zurück.

Cortisol

Cortisol/-/cortisol

Ein Hormon der Nebennierenrinde, das vor allem ein wichtiges Stresshormon darstellt. Es gehört in die Gruppe der Glucocorticoide und beeinflusst im Körper den Kohlenhydrat– und Eiweißstoffwechsel.

Adrenalin

Adrenalin/-/adrenaline

Gehört neben Dopamin und Noradrenalin zu den Catecholaminen. Adrenalin ist das klassische Stresshormon. Es wird im Nebennierenmark produziert und bewirkt eine Steigerung der Herzfrequenz sowie der Stärke des Herzschlags und bereitet so den Körper auf erhöhte Belastung vor. Im Gehirn wirkt Adrenalin auch als Neurotransmitter (Botenstoff), hier bindet es an sogenannte Adenorezeptoren.

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