Frage an das Gehirn

Wie verändern sich Neuronen bei Demenz?

Fragesteller/in: Doris S. aus Hamburg

Veröffentlicht: 19.07.2026

Welche Veränderungen durchlaufen Gehirnzellen bei einer Demenz aus neurobiologischer Sicht?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Antwort von Prof. Dr. Roland Brandt, Leiter der Abteilung Neurobiologie an der Universität Osnabrück und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Alzheimer Forschung Initiative:  Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form kognitiver Beeinträchtigungen und betrifft 60 bis 70 Prozent aller Demenzpatienten. Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter stark an. Beim genauen Blick in das Gehirn von Alzheimer-Patienten, lassen sich Veränderungen innerhalb und außerhalb der Zellen beobachten.

Zunächst verändern sich bei Alzheimer die Synapsen als Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen und können sogar ganz verloren gehen; die Kommunikation zwischen den Nervenzellen ist damit beeinträchtigt. Schuld daran sind senile Plaques, mikroskopisch kleine Ablagerungen zwischen den Zellen, die hauptsächlich aus verklumpten Beta-Amyloid-Peptiden bestehen, einem Spaltprodukt eines längeren Vorläuferproteins. Alzheimer tritt auch deswegen häufiger mit zunehmendem Alter auf, weil die Produktion von intakten Proteinen im Gehirn mit steigendem Alter schlechter funktioniert und falsch gefaltete Moleküle sich dann zu Plaques verkleben können. In den frühen Stadien von Alzheimer äußert sich die gestörte Kommunikation zwischen den Nervenzellen in einer verminderten Gedächtnisleistung. Diese frühe Beeinträchtigung kann durch Training verbessert werden und hier kommen auch die neuen Antikörpertherapien ins Spiel, wie das erste EU-weit zugelassene Antikörper-Medikament Leqembi (Lecanemab), das darauf abzielt, die Menge an senilen Plaques zu reduzieren, um damit das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.

Im fortgeschritteneren Stadium der Alzheimer-Krankheit kommen Veränderungen innerhalb der Nervenzellen hinzu. Alzheimer-Fibrillen, fadenförmige Proteinablagerungen, bilden sich in den Zellen aus aggregierten Tau-Proteinen. Diese Fibrillen – oder ihre Vorstufen - führen dazu, dass die Nervenzellen absterben. Der Hippocampus und der entorhinale Kortex, Hirnregionen, die eine Schlüsselrolle für das Gedächtnis spielen, sind dabei früh betroffen. Entstandene Schäden durch das Absterben von Nervenzellen lassen sich in der Regel nicht rückgängig machen, da die Regenerationsfähigkeit der Nervenzellen sehr begrenzt ist. Mit zunehmenden Schädigungen kommt es dann zu einer fortschreitenden Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit bis hin zu einer völligen Desorientierung. 

Das Verständnis, dass das Tau-Protein eine Schlüsselrolle für das Absterben der Nervenzellen spielt, hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Früher war man der Meinung, dass hauptsächlich senile Plaques an der Erkrankung schuld seien. Veränderungen des Tau-Proteins korrelieren jedoch viel stärker mit dem Absterben von Nervenzellen als die Plaques und werden auch in neu entwickelten Bluttests bestimmt. Krankhafte Veränderungen vom Tau-Protein kommen auch bei anderen Erkrankungen als Alzheimer vor, bei denen es zum Absterben von Nervenzellen kommt. Dazu gehört beispielsweise die Boxer-Enzephalopathie, heute meist als chronisch-traumatische Encephalopathie (CTE) beteichnet, die durch häufige Kopfverletzungen ausgelöst wird. Dies kann dazu führen, dass zum Beispiel professionelle American-Football-Spieler sehr früh Demenz-Erkrankungen entwickeln, wie man das in den USA beobachtet hat. Auch häufiges Kopfballspielen im Fußball könnte ein entsprechendes Risiko darstellen. Die Verhinderung der Bildung von Tau-Aggregaten ist daher auch ein wichtiges Ziel für neue Therapieoptionen, und auch mein Team arbeitet an entsprechenden Inhibitoren, die die Aggregation von Tau verhindern und seine normale Funktion wiederherstellen.

Der Tod der Nervenzellen ist auch deswegen so dramatisch, weil er weitere Veränderungen im Gehirn zur Folge hat: Absterbende Nervenzellen reduzieren die Produktion von Acetylcholin, einem wichtigen Neurotransmitter für die geistige Leistungsfähigkeit. Dies wiederum beeinträchtigt die Kommunikation zwischen den Nervenzellen. Hier kommen symptomatische Behandlungen der Alzheimer-Krankheit ins Spiel, wie beispielsweise die Acetylcholinesterase-Hemmer wie Donepezil oder Galantamin. Beim Absterben von Nervenzellen werden auch schädliche Inhaltstoffe ins Gehirn freigesetzt, die es schwächen und Entzündungen verursachen können. Dabei spielen Gliazellen wie Astrozyten und Mikroglia eine Rolle; diese Zellen kommen neben den Nervenzellen im Gehirn vor und haben wichtige Hilfsfunktionen. Gliazellen können aber ein zweischneidiges Schwert sein: Einerseits bekämpfen sie Krankheitserreger, andererseits können sie auch Schäden an den Nervenzellen verursachen, die dann zu weiteren Beeinträchtigungen führen. Doch nicht nur Entzündungsprozesse im Gehirn selbst spielen eine Rolle, der ganze Körper ist relevant: Entzündungen im peripheren System, beispielsweise ausgelöst durch Virusinfektionen oder chirurgische Eingriffe, oder, neueren Studien zufolge, auch durch Darmentzündungen und sogar das orale Mikrobiom, können zur Entstehung von Alzheimer beitragen.

In den letzten Jahren ist außerdem das Bewusstsein dafür gestiegen, dass es sich bei Alzheimer auch um eine Erkrankung handelt, bei der der Lebensstil eine wichtige Rolle spielt. Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, lässt sich durch eine gesunde Ernährung, die Vermeidung von Übergewicht, körperliche Aktivität und geistige Anregung verringern. So kann jeder selbst dazu beitragen, das Risiko für diese schreckliche Erkrankung zumindest etwas für sich zu reduzieren.

Aufgezeichnet von Natalie Steinmann

Erstveröffentlichung der Frage am 18.01.2013

Frage neu Beantworter am 23.08.2026

Lizenzbestimmungen

Keine Nutzungslizenz vergeben:
Nur anschauen erlaubt.