Frage an das Gehirn
Warum träumen wir?
Veröffentlicht: 01.04.2026
Warum produziert das Gehirn nachts Träume?
Die Antwort der Redaktion lautet:
Prof. Dr. Michael Schredl, Wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim: Träumen wird als subjektives Erleben während des Schlafens definiert. Mögliche Funktionen des Träumens werden von der physiologischen Funktion des Schlafens unterschieden. Dass der Schlaf als physiologischer Zustand wichtige Funktionen für die Gesundheit des Gehirns hat, ist unumstritten – etwa zum „Hausputz“ oder zur Gedächtniskonsolidierung. Will man überprüfen, ob Träume eine weitere Funktion haben, stellt sich jedoch das Hauptproblem, dass wir uns an 95-99 Prozent aller Träume gar nicht erinnern. Um die Funktion herauszufinden, wäre es ideal, wenn es Menschen gäbe, die träumen, und andere, die nicht träumen. Nur so können Unterschiede festgestellt werden. Da aber alle Menschen jede Nacht durchgängig im Schlaf träumen, ist das kein gangbarer Weg. Das heißt, wie Frage, was daher Träume, an die wir uns nicht erinnern, bewirken und was sie für eine Funktion haben lässt sich noch immer nicht beantworten.
Was aber recht gut untersucht ist: Erinnert man sich an Träume und beschäftigt sich im Wachzustand mit deren Inhalt, dann kann man aus den Träumen viel lernen. Die erinnerten Träume liefern dem Wachbewusstsein kreative Anregungen, Ideen oder Erkenntnisse. Aber gilt das generell?
Schlaf, das weiß man, übernimmt eine wichtige Funktion für die Gedächtniskonsolidierung. Nachts werden also Informationen, die tagsüber aufgenommen wurden, verbessert abgespeichert. Einige Forscher sind der Meinung, dass einige Träume von diesen Prozessen etwas mitbekommen, weil das menschliche Gedächtnis so funktioniert, dass neue Inhalte mit alten Erlebnissen verknüpft werden, was in Träumen auch oft passiert. Auf der anderen Seite kommt es sehr selten vor, dass Menschen von Lehrbuchinhalten träumen, daher ist die Theorie, dass Träume hauptsächlich eine Gedächtniskonsolidierungsfunktion widerspiegeln, nicht wirklich plausibel.
Bei der Bedrohungs-Simulations-Theorie wird vermutet, dass man im Traum übt, mit Bedrohungssituationen umzugehen. Das könnte in der Frühzeit des Menschen die Überlebenschancen verbessert haben. Diese Theorie hat aber den Haken, dass man im Traum meist nicht die beste Strategie anwendet, um aus einer Bedrohungssituation zu entkommen. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein Fluchttraum, bei dem man auf der Stelle läuft oder der Verfolger schneller wird. Daher kann man als Träumender nur etwas Sinnvolles lernen, wenn man sich an den Traum erinnert.
Da sich Träumen selten um kognitive Dinge wie Lernstoff, Lesen oder Computerarbeit drehen, sondern eher um Themen, die mit unseren Mitmenschen zu tun haben, hat eine finnische Arbeitsgruppe die Social-Simulation-Theorie aufgestellt. Diese Theorie sagt aus, dass im Traum soziale Fähigkeiten geübt werden. Das Problem ist jedoch, dass wenn sich eine Person an einen Traum nicht erinnert, kann man nicht feststellen, ob sie im Traum etwas Hilfreiches trainiert hat und dadurch besser geworden ist. Wenn sie den Traum jedoch erinnert, ist der Traum im Wachbewusstsein vorhanden. Das heißt, man kann eine geträumte Situation bewusst durchdenken und macht sich dann Gedanken über mögliche Lösungsansätze für schwierige Situationen. Die Funktion von Träumen lässt sich daher nicht wirklich untersucht werden und es gibt eine Art Patt-Situation.
Träume spiegeln wider, was man tagsüber lebt. Manchmal in einer dramatisierten Form oder häufig auch verknüpft mit ähnlichen Erfahrungen, die man früher erlebt hat. Das würde daher für eine Funktion im Sinne des lebenslangen Lernens sprechen, aber wie soll das Lernen funktionieren, wenn man sich an die meisten Träume nicht erinnert?
Somit ist nicht geklärt, ob nicht erinnerte Träume überhaupt etwas bewirken. Es könnte auch ähnlich sein wie beim Tagträumen. Da hat das Bewusstsein nichts zu tun und beginnt seine eigenen Inhalte zu produzieren, weil es keinen Leerlauf kennt.
Die Natur hat unser Gehirn so konstruiert, dass es Bewusstsein hat. Dieses ist tagsüber sehr relevant, um die Überlebenschancen zu verbessern, etwa für Nahrungssuche, Bilden sozialer Gemeinschaften und so weiter. Möglicherweise hat das Bewusstsein in der Nacht keine Extrafunktion, und die Natur hat sich lediglich nicht die Mühe gemacht, es in der Nacht „abzuschalten“.
In den letzten Jahren gab es mindestens 25 neue Theorien zur Funktion von Träumen. Die Grundidee hinter all diesen Theorien ist, dass in Träumen alte und neue Informationen miteinander verknüpft werden und dadurch die Zukunft besser bewältigt werden kann. Doch wenn die vielen Autoren und Autorinnen ehrlich sind, müssen sie zugeben, dass eine Prüfung der Hypothese aktuell nicht möglich ist.
Um die Funktion von Träumen wirklich untersuchen zu können, müssten Forschende in der Lage sein, Träume zu lesen, ohne dass die träumende Person sich im Wachzustand daran erinnert. Im Anschluss könnte analysiert werden, ob der von außen gelesene Traum die Fähigkeiten der Person verändert. In der Fachsprache wird diese Vorgehensweise als Mind Reading oder Dream Reading bezeichnet. Die Wissenschaft arbeitet bereits daran, dieses Problem mit bildgebenden Verfahren zu lösen, allerdings ist der Zusammenhang zwischen messbarer Gehirnaktivität und Bewusstseinsinhalten sehr komplex. Diese Forschung steckt in den Kinderschuhen und es kann noch Jahrzehnte dauern, bis sich Erfolge abzeichnen.
Aufgezeichnet von Stefanie Flunkert
Erstveröffentlichung der Frage am 1.1.2012
Frage neu beantwortet am 26.04.2026