Frage an das Gehirn
Welche Aufgabe hat das lymphatische System im Gehirn?
Veröffentlicht: 23.01.2023
Warum wurde erst so spät erkannt, dass das Gehirn ein lymphatisches System besitzt? Und welche Rolle spielt es?
Die Antwort der Redaktion lautet:
PD Dr Naomi Larsen, Leiterin der Arbeitsgruppe Glymphatic Flow and Blood-Brain-Barrier am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: Das lymphatische System unseres Körpers ist dafür verantwortlich, überschüssige Flüssigkeit und anfallende Abbauprodukte aus dem Gewebe abzutransportieren. Unser Gehirn zählt zu den Organen des menschlichen Körpers, die einen enorm hohen Stoffwechselumsatz aufweisen. Es fallen also besonders viele Abbauprodukte im Gewebe an. Darüber hinaus sind die zahlreichen Synapsen, über die die Nervenzellen miteinander kommunizieren, sehr sensibel für Konzentrationsveränderungen von Stoffen in ihrer Umgebung. Dementsprechend ist es sehr fragwürdig, weshalb gerade dieses empfindliche Hochleistungsorgan auf ein lymphatisches Säuberungssystem verzichten sollte. Doch offensichtlich fehlt es unserem Oberstübchen an klassischen Lymphgefäßen, wie wir sie im restlichen Körper finden.
Erst 2012 hat eine dänische Forschungsgruppe herausgefunden, dass das Gehirn einen ganz eigenen Reinigungsmechanismus besitzt. Dem Hirnwasser, das in den Ventrikeln (flüssigkeitsgefüllte Hohlräume im Inneren des Gehirns) produziert wird, kommt dabei eine besondere Rolle zu: Es wird in schmalen Räumen entlang der Arterien aus dem Ventrikelsystem in das Gehirn gepumpt und von dort mit Hilfe der Gliazellen (Stützzellen im Hirngewebe) über die Blut-Hirn-Schranke transportiert. Diese wichtige Funktion der Gliazellen verhalf dem neu gefundenen Flüssigkeitsstrom auch zu seinem neuen Namen: Das glymphatische System. Angekommen im Hirnparenchym diffundiert das Hirnwasser frei durch die Zellzwischenräume und nimmt auf diesem Weg die angefallenen Abfallprodukte mit. Abgeleitet wird es dann entlang der Venen und Hirnnerven zu den tiefen Halslymphknoten, wo sich das Lymphsystem des Gehirns dann schließlich mit dem des restlichen Körpers vereint.
Das glymphatische System ist von großer Relevanz für die einwandfreie Funktion unseres Gehirns. Kommt es zu einer Störung, so kann dies das empfindliche Gleichgewicht im Hirnparenchym zerstören und verheerende Folgen haben. Ein klassisches Beispiel dafür bietet Morbus Alzheimer, eine neurodegenerative Erkrankung, bei der es zu einer vermehrten Ablagerung von neurotoxischen Abbauprodukten kommt. Wissenschaftler haben festgestellt, dass ein verminderter glymphatischer Fluss hier mit einer zunehmenden kognitiven Einschränkung einhergeht. Doch auch bei neuroinflammatorischen Erkrankungen, bei Kopfschmerzen, beim Schlaganfall und bei der Entstehung chronischer Schmerzen spielt das glymphatische System möglicherweise eine Rolle.
Protokolliert von Johanna Rümenapp
Blut-Hirn-Schranke
Blut-Hirn-Schranke/-/blood brain barrier
Eine selektiv durchlässige Membran, die von den Zellen in den Wänden der kapillaren Blutgefäße im Gehirn gebildet wird. Sie schützt das Gehirn vor Schadstoffen über das Blut, erlaubt jedoch den Übergang von Nährstoffen und Sauerstoff aus dem Blut ins Gehirn.