Frage an das Gehirn

Kann ein Computer Hirnströme steuern?

Veröffentlicht: 13.01.2019

Eine Realschülerin der 8. Klasse fragt: Ist es möglich Hirnströme mit dem Computer zu steuern?

Die Antwort der Redaktion lautet:

PD Dr. Meike Wiedemann, Neurobiologin, Heilpraktikerin, Hypnosetherapeutin und Dozentin für Bio- und Neurofeedback an der Universität Stuttgart-Hohenheim.

In gewisser Weise ja. Da mögen manche an Transkranielle Magnetstimulation (TMS) denken, weil diese Technik dem Gehirn Aktivitätsmuster vorgibt. Allerdings ist der Effekt von TMS nur kurzfristig. Ich denke bei dieser Frage eher an Neurofeedback. Bei dieser Technik treten langfristige Effekte ein, indem man die Hirnströme von Probanden ableitet, um Computeranimationen zu steuern. Und weil man die Ergebnisse zurück zum Probanden spielt, verändern sich dadurch letztendlich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Gehirnströme.

Das Verfahren funktioniert so: die Probanden tragen eine EEG-Haube. Über Elektroden auf der Kopfhaut werden dabei die elektrischen Signale des Gehirns abgeleitet. Das Signal wird verstärkt, und aus dem Spektrum an Signalen werden bestimmte Anteile extrahiert, die dann zurück an die Probanden gemeldet werden. Mit der Zeit lernen die Probanden dann, bestimmte Anteile ihrer Gehirnaktivität zu verändern. Sie können so trainieren, gewisse Frequenzen zu verstärken, andere hingegen abzuschwächen. Bei Schlaflosigkeit trainiert man beispielsweise, Alpha-Wellen zu verstärken. In Fällen von Konzentrationsschwächen würde man diese reduzieren und dafür Beta-Frequenzen verstärken. Die Probanden trainieren also, entspannt zu sein, wenn sie entspannt sein wollen, und konzentriert zu sein, wenn sie konzentriert sein wollen.

Das geschieht natürlich eher unbewusst als bewusst, was aber für die Wirksamkeit keinen Unterschied macht. Die Rückmeldung erfolgt meistens optisch über einen Bildschirm, manchmal auch akustisch oder kinästhetisch über Vibrationseinheiten. Die Gehirnaktivität wird also aus sich selbst heraus verändert, indem das Gehirn Input über seine eigene Aktivität bekommt. Der Computer, der so dazu beiträgt, die Gehirnaktivität zu „steuern“, übernimmt die Funktion eines Spiegels. Im Prinzip ist das wie bei Baletttänzern. Die üben vor einem Spiegel, um anhand des visuellen Feedbacks ihres Spiegelbildes die eigene Bewegung zu verändern.

Ganz ähnlich lässt sich Neurofeedback für das eigene Umlernen oder Neulernen nutzen. Deshalb braucht man für langfristige Erfolge auch Wiederholungen. Aber nach etwa 20 Sitzungen (je nach Ausgangssituation und Ziel), die anfangs zwei bis drei mal pro Woche erfolgen, dann einmal pro Woche und dann immer seltener, treten Effekte auf, die bleiben. Gelernt ist gelernt, das ist wie beim Fahrradfahren. Dann hat man seine Gehirnströme erwiesenermaßen und langfristig Computer-gestützt geändert.

Aufgezeichnet von Jochen Müller

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