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Licht im dunklen Winterloch

Werden die Tage kürzer und grauer, fallen manche Menschen schlapp und antriebslos in eine Winterdepression. Denn der Mangel an Tageslicht sorgt für einen ungünstigen Hormon- und Botenstoffcocktail.

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Es ist zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer inmitten der trüben Jahreszeit. Das Weihnachtsfest ist nicht nur die beste Gelegenheit, im Kreise der Familie zu entspannen und Kraft zu tanken. Mit feierlichem Glanz und flackernden Kerzen sorgt es für ein kleines bisschen Helligkeit im trüben Dunkel des Winters – der Jahreszeit, in der viele Menschen in ein mehr oder minder tiefes Stimmungsloch fallen.

In der Natur zeichnet der Wechsel der Jahreszeiten deutliche Spuren: Laubbäume haben längst ihr Blätterkleid abgeworfen, Schnee bedeckt Wiesen und Felder, Gewässer frieren zu und viele Tierarten haben sich zum Winterschlaf zurückgezogen. Und so mancher Mensch würde es ihnen wohl am liebsten gleichtun: Wenn die Tage kürzer und dunkler werden, steigt der Schlafbedarf, Energie und Antrieb lassen nach und das drückt letztlich auf die Laune.

Das Wichtigste in Kürze

  • In der dunklen Jahreszeit leiden viele Menschen unter dem Winterblues, manche gar an einer echten Winterdepression. Die Betroffenen fühlen sich müde und schlapp.
  • Auslöser der saisonal abhängigen Depression ist der Mangel an Tageslicht.
  • Ausgedehnte Dunkelperioden sorgen vermutlich dafür, dass das Schlafhormon Melatonin vermehrt und länger ausgeschüttet wird. Außerdem gerät der Wach-Schlaf-Rhythmus aus dem Gleichgewicht.
  • An dunklen Tagen ist zudem die Verweildauer des Botenstoffs Serotonin im synaptischen Spalt verkürzt und damit die Wirkdauer des „Glückshormons“ reduziert. Auch das macht der Psyche zu schaffen.

Winterblues vs. Winterdepression

Ein eher harmloser Winterblues und eine echte Winterdepression lassen sich nicht immer ganz leicht unterscheiden. Maßgeblich ist letztlich die Dauer und wie stark die Symptome ausfallen. Beim Winterblues ist die Stimmung nur vorübergehend getrübt. Die Winterdepression sucht die Betroffenen hingegen alljährlich wiederkehrend heim und hält bis zum Frühjahr an. Ist die saisonal bedingte Niedergeschlagenheit in den letzten fünf Jahren drei bis viermal aufgetreten, spricht man von einer echten Winterdepression. Sie wirkt sich massiv auf das Privat- und Berufsleben aus.

Gedrückte Stimmung und Depression

Ein gelegentliches Stimmungstief gehört zum Leben dazu und ist noch keine Depression im klinischen Sinne. „Die Grenzen zwischen einer Winterdepression – einer echten Erkrankung – und einer gedrückten Stimmung sind fließend“, sagt Jürgen Zulley, Psychologe und Schlafforscher an der Universität Regensburg. Die Abgrenzung zwischen einem harmlosen Novemberblues und einer ausgewachsenen Winterdepression fällt daher auch Spezialisten nicht immer leicht. Über die Diagnose entscheidet letztlich wie stark die Beschwerden ausgeprägt sind, wie lange sie anhalten, und ob sie einmalig sind oder wiederkehren (siehe Info-Kasten).

Lange Zeit waren Forscher skeptisch, doch mittlerweile ist die Winterdepression als Krankheitsbild anerkannt. Sie gilt als eine saisonal abhängige Depression und damit als eine Unterform depressiver Erkrankungen. Das winterliche Stimmungstief kehrt alle Jahre wieder, beginnt in den Herbstmonaten und endet im Frühjahr. Seine Verbreitung ist eng mit den Lichtverhältnissen in verschiedenen Breitengraden verknüpft: Hierzulande sind rund ein Prozent der Allgemeinbevölkerung betroffen, während die Zahl der Winterdepressiven in südlichen Ländern gering ist. Skandinavier trifft es dagegen weit häufiger als uns Mitteleuropäer.

Spezialität der Winterdepression: Heißhunger und Schlafbedürfnis

Erstmals beschrieben hat die Erkrankung der Psychiater Norman Rosenthal im Jahr 1984 – gemeinsam mit Kollegen vom National Institute of Mental Health. Motivation für Rosenthals Forschungsarbeit war ursprünglich seine eigene Winterdepression, deren Gründe er erkunden wollte. Rosenthal erkannte: In der typischen Winterdepression spiegeln sich viele Symptome der allgemeinem Depression wider, die Antriebslosigkeit etwa, sowie die gedrückte Stimmung und die Ängstlichkeit. Klagen aber beispielsweise Patienten mit einer allgemeinen Depression oft über Schlafstörungen, würden die winterdepressiven Menschen am liebsten den halben Tag im Bett verbringen. Und statt unter Appetitlosigkeit zu leiden, verspüren sie einen regelrechten Heißhunger – besonders auf Süßes. In der Folge bunkern sie eher Pfunde, als depressionsbedingt abzumagern.

Den Auslöser der winterlichen Depression sehen viele Forscher im Mangel an natürlichem Tageslicht in der dunklen Jahreszeit. Das legen zumindest einige Studien nahe. Die fehlende Helligkeit könnte dabei über das Schlafhormon Melatonin Einfluss auf Körper und Geist nehmen. Ist es dunkel, schüttet die Zirbeldrüse im Zwischenhirn Melatonin aus. Es lenkt den Tag-Nacht-Rhythmus des Körpers und macht eher schlapp und müde. Von einigen Säugetieren weiß man bereits, dass sich die Periode, in der das Hormon freigesetzt wird, verlängert, wenn die Zeit zwischen Morgen- und Abenddämmerung kürzer wird. Forscher um Rosenthal fanden 2001 heraus, dass auch bei Menschen mit Winterdepression die nächtliche Melatoninausschüttung während der dunklen Jahreszeit länger anhält.

Melatonin macht müde

„Wir haben im Winter mit den kürzeren Tagen und den längeren Nächten eine höhere Melatoninausschüttung“, bestätigt Zulley. Das habe eine gedrücktere Stimmung zur Folge. Bei Menschen, die auf die erhöhte Freisetzung von Melatonin empfindlich reagieren, könne sie sogar in einer Depression münden. Und dass ausgerechnet ein Schlafhormon beim Winterblues mitmischt, mag letztlich auch das verstärkte Schlummerbedürfnis der Betroffenen erklären.

Möglicherweise gerät bei Patienten in den trüben Monaten zudem der Rhythmus von Tag und Nacht, Wachen und Schlafen aus dem Gleichgewicht. Auch hier spielt wieder das Melatonin eine gewichtige Rolle. Den bisherigen Studien zufolge scheint es bei den meisten Patienten nachts länger ausgeschüttet zu werden als bei gesunden Menschen – aufgrund der verzögerten Morgendämmerung, die Signal gibt, die Sekretion des Hormons zu drosseln. Die Folge: Die Betroffenen kommen morgens schlechter aus dem Bett. Bei anderen hingegen setzt die Sekretion des Schlafhormons vorzeitig ein – ebenso wie die Abenddämmerung. Diese Menschen würden am liebsten schon ganz früh ins Bett fallen.

Serotoninmangel als Ursache?

Auch das Botenstoffsystem im Gehirn könnte zur Winterdepression seinen Teil beitragen. Ein verringerter Pegel des „Glückshormons“ Serotonin etwa, steht schon lange unter Verdacht, bei der allgemeinen Depression eine Rolle zu spielen. Und diese könnte beim jahreszeitlich bedingten Stimmungsloch noch viel größer sein. Denn der Serotoninspiegel befindet sich im Winter in seinem Jahrestief, im Sommer dagegen im absoluten Hoch. Außerdem lässt sich eine akute Winterdepression mit Medikamenten, die das Niveau an diesem Botenstoff pushen, recht erfolgreich bekämpfen.

Einen möglichen Grund dafür, dass der Serotoninspiegel in der tristen Jahreszeit auf seinen Tiefpunkt sackt, fand 2008 ein Forscherteam um den Psychiater Jeffrey Meyer von der University of Toronto. Über mehrere Jahre hinweg beobachteten die Wissenschaftler eine Gruppe von fast 90 gesunden Freiwilligen und erfassten per Positronenemissionstomografie im Verlauf der Jahreszeiten die Wirksamkeit von Serotonin-Transportern in diversen Hirnarealen. Dabei handelt es sich um Proteine, die sich an den freigesetzten Botenstoff heften, ihn aus dem synaptischen Spalt zurück in die Zelle transportieren und dadurch seine Wirkung beenden.

Das Ergebnis der Untersuchung: Das so genannte Bindungspotenzial der Transporter war im Herbst und Winter höher als im Frühling oder Sommer. Die höchsten Werte fanden sich dabei an den Tagen mit der geringsten Sonnenscheindauer, wie ein Abgleich mit meteorologischen Daten ergab. Demnach führt eine verstärkte Transporteraktivität an dunklen Tagen zu einer geringeren Menge von freiem, extrazellulärem Serotonin. Und das könnte letztlich den Mangel an Energie, die Müdigkeit und den gesteigerten Schlafbedarf in der trüben Jahreszeit erklären. So haben sich im Kampf gegen den Winterblues unter anderem Wirkstoffe bewährt, die als selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer verhindern, dass das Glückshormon vorschnell aus dem synaptischen Spalt verschwindet, und so seine Wirkungsdauer verlängern.

Mehr Licht, bitte!

Neben solchen Medikamenten scheint aber vor allem Licht gegen das saisonale Stimmungstief zu helfen. Die Lichttherapie kommt bereits seit mehr als 20 Jahren bei der Winterdepression zum Einsatz. Der Patient setzt sich dafür einige Wochen lang täglich vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang vor ein spezielles Lichtgerät und gönnt sich eine ausgiebige Lichtdusche. So lassen sich kurze Herbst- und Wintertage künstlich verlängern. Dosis und Dauer variieren dabei von Patient zu Patient. Grundsätzlich haben sich eine halbe Stunde bei einer Beleuchtungsstärke von 10.000 Lux oder zwei Stunden bei 2.500 Lux als besonders wirksam erwiesen. Zum Vergleich: Ein heller Sonnentag misst bis zu 100.000 Lux.

Wichtig sei die richtige Anwendung, betont Jürgen Zulley. „Die Behandlung muss regelmäßig und jeweils lange genug durchgeführt werden.“ Außerdem müssen die Patienten nahe genug an der Lichtquelle sitzen. Allerdings hilft die Therapie auch bei optimaler Anwendung längst nicht bei jedem. Und natürlich bringt auch der Kerzenglanz am Weihnachtsbaum nur ein symbolisches Licht in die dunkle Zeit. Zur Behandlung einer Depression vermag es sicher nicht viel beizutragen. Dazu kommt: Am besten wirkt immer noch natürliches Tageslicht. Das sollten auch Menschen ohne Winterdepressionen bedenken. Selbst ein bedeckter Himmel ist deutlich heller als jede künstliche Lichtquelle. Daher sollten wir uns auch in den trüben Monaten öfter mal nach draußen wagen und dem Körper so viel natürliches Tageslicht gönnen, wie es sich einrichten lässt. Wie wäre es zum Beispiel mit einem ausgedehnten Verdauungsspaziergang nach dem üppigen Festmahl an den Feiertagen? Stimmungsvolles Kerzenlicht können Sie danach immer noch genießen.

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Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Florian Holsboer
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