Frage an das Gehirn

Was passiert bei einem Déjà-vu?

Fragesteller/in: Josephine M. aus Berlin

Veröffentlicht: 22.08.2026

Fast jeder kennt das seltsame Gefühl, eine neue Situation schon einmal genau so erlebt zu haben. Aber wie entsteht dieses Phänomen?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Chris Moulin, PhD, Professor für Kognitive Neuropsychologie an der Grenoble Alpes Universität, Frankreich: Während eines Déjà-vu entsteht ein Konflikt zwischen zwei Signalen im Gehirn. Ein Signal meldet, die Situation sei etwas Vertrautes. Das andere Signal, das zeitlich etwas versetzt auftreten kann, hält dagegen, das ist nicht möglich ist: Es kann keine echte Erinnerung abrufen. Es handelt sich also um einen Konflikt oder eine Diskrepanz zwischen zwei unterschiedlichen Bewertungen im selben Moment.

Unser Verständnis des Déjà-vu basiert auf unserem Wissen über die Funktionsweise der Gedächtnissysteme im Gehirn. Wir wissen, dass es ein System gibt, das immer aktiv ist und die Umgebung nach Dingen scannt, um unsere Aufmerksamkeit auf Neues zu lenken. Dieses System arbeitet sehr schnell und automatisch. Dann gibt es ein langsameres, anspruchsvolleres System, das versucht, Informationen abzurufen und Erinnerungen aus der Vergangenheit zu wecken.

Déjà-vus entstehen, wenn beide Systeme aus dem Gleichgewicht geraten. Das kommt zwar nicht häufig vor, aber wenn es passiert, entsteht das seltsame Gefühl, dass etwas vertraut ist, obwohl man sich nicht erklären kann, warum. Oder man ist sich sogar sicher, dass eine Situation so noch nie zuvor dagewesen ist. Diese Sichtweise ist inspiriert von unserem allgemeinen Verständnis darüber, wie das Gehirn im Hinblick auf das Gedächtnis funktioniert.

Die Analyse eines Déjà-vu ist schwierig. In den letzten etwa fünf Jahren gab es Fortschritte, weil einige Teams – eines geleitet von Anne Cleary in Colorado, USA, und ein anderes von Akira O’Connor in Schottland an der Universität St. Andrews – Experimente entwickelt haben, die bei gesunden Menschen etwas sehr Ähnliches wie ein Déjà-vu hervorrufen. Anne Cleary zeigt den Teilnehmenden virtuelle Realitäten, die sie glauben lassen, etwas zu erleben, das sie so ähnlich bereits einmal erlebt haben. Diese Ähnlichkeit wird als Vertrautheit interpretiert. Die Menschen denken, sie hätten die jeweilige Situation schon erlebt, obwohl dem in Wirklichkeit nicht so ist.

Das Team von Akira O’Connor in Schottland macht etwas Vergleichbares, jedoch mit Worten, und erzeugt dadurch ebenfalls den Eindruck eines Konflikts. Bei ihrer  jüngste Arbeit zum Thema Déjà-vu führten die Forschenden bei ihren Probanden auch Hirnscans mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie durch. So wurde sichtbar, was im Gehirn passiert, wenn jemand den Konflikt eines Déjà-vu erlebt.

Diese Methode war in den letzten Jahren ein Durchbruch. Dennoch ist es so, dass das, was Menschen in Experimenten als Déjà-vu erleben, zwar eine Analogie zum echten Déjà-vu ist. Es ist jedoch nicht so beeindruckend oder ungewöhnlich wie das spontane, seltene Déjà-vu im Alltag. Deshalb fragen wir die Teilnehmenden nach den Experimenten sehr genau, wie vergleichbar die Erfahrung mit einem echten Déjà-vu war. Obwohl die Menschen sagen, das, was sie erlebt haben, sei wie ein Déjà-vu, bewerten sie die Intensität als relativ schwach im Vergleich zu sehr starken Déjà-vus, die man im echten Leben erleben kann. Wenn man an einem Experiment teilnimmt und erwartet, etwas Ungewöhnliches zu erleben, ist die Erfahrung offensichtlich nicht so überraschend oder eindrucksvoll wie sonst. Und man weiß nie, in welchen Situationen Menschen ein Déjà-vu empfinden.

Wir haben auch daran gearbeitet, Déjà-vus mit anderen Erfahrungen zu vergleichen und dazu einen Blick in verschiedene Länder und Sprachen geworfen. Wir haben versucht, die Erlebnisse der Menschen zusammenzutragen und ihnen eine Definition zu geben, um zu prüfen, ob das, was sie als Déjà-vu bezeichnen, mit unserer Definition übereinstimmt. Das ist meist der Fall, aber es gibt doch einige Unterschiede. Viele Menschen sagen, sie hätten ein Déjà-vu erlebt, aber wenn man sie fragt, wie sehr sie unserer Definition zustimmen, zeigt sich, dass sie eine andere Vorstellung vom Déjà-vu haben.

Auf der sprachlichen Ebene haben wir ebenfalls Interessantes entdeckt. Der Begriff Déjà-vu wird in ganz Europa verwendet, nach unserem Wissen sogar in Russland. Es scheint, dass fast alle, die diesen Begriff verwenden, ihn auf dieselbe Weise verstehen. Interessant ist, dass der französische Begriff „déjà-vu“ einfach „schon gesehen“ bedeutet, und nicht unbedingt die seltsame Erfahrung meint, wie wir datunter verstehen. Deshalb haben wir untersucht, wie englischsprachige und französischsprachige Menschen Déjà-vu beschreiben. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass englischsprachige Personen unter Déjà-vu eben dieses Geheimnisvolle Erlebnis verstehen. Für französischsprachige Menschen hingegen ist es eine Fortsetzung normaler Gedächtniserfahrungen und des normalen Gefühls, etwas schon gesehen zu haben. Französischsprecher verwenden daher „le phénomène de déjà vu“ für das Gefühl, das wir einfach Déjà-vu nennen. Das sprachliche Element ist ein interessanter Punkt.

Erst vor Kurzem, haben wir zum Gegenteil von gearbeitet, dem Jamais-vu. Wir baten Menschen, dasselbe Wort immer wieder zu sagen, bis es ihnen fremd erschien. Dieses Gefühl der Fremdheit entsteht, weil man etwas sehr gut kennt, es aber unwirklich oder unbekannt erscheint. Es ist also das Gegenteil eines. Déjà-vu Für diese Forschung haben wir übrigens einen Ig-Nobelpreis für Literatur erhalten.

Wir haben an solchen Phänomenen gearbeitet, um eine Brücke zwischen all diesen verschiedenen seltsamen Erfahrungen zu schlagen. Wir argumentieren nun, dass sie letztlich alle ziemlich normal sind. Mehr noch: Sie treten zwar nicht häufig auf, aber wenn sie auftreten, sind sie ein Zeichen dafür, dass etwas Gutes passiert, nämlich, dass man ein gewisses Bewusstsein dafür bekommt, wie der eigene Geist funktioniert.

Aufgezeichnet von Stefanie Flunkert.

Frage erstmals veröffentlicht am 25.10.2011

Frage erneut beantwortet am 20.9.2026

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Reizen bzw. Informationen konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose verschiedener Erkrankungen und Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der sich im starken Magnetfeld ausrichtet. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

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