Frage an das Gehirn

Sind Gehirn und Geist ein und dasselbe?

Fragesteller/in: Evelyn H. aus Kaiserslautern

Veröffentlicht: 17.09.2023

Unterscheiden sich Psyche und Gehirn? Wenn ja: Was ist der Unterschied?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Prof. Dr. med. Dr. phil. Henrik Walter – Leiter des Forschungsbereichs Mind & Brain an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin: Grundsätzlich kann man zunächst sagen, dass das Gehirn ein physisches Organ und die Psyche die Summe aller bewussten und unbewussten geistigen Aktivitäten ist. Das Gehirn ist also ein materielles „Ding“, ein Objekt, die Psyche etwas Prozesshaftes. Beide hängen eng miteinander zusammen.

Doch wie genau? An dieser Stelle gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Sichtweisen: Die erste – dualistische – Sichtweise versteht Gehirn und Geist als etwas grundlegend Verschiedenes. Das entspricht dem intuitiven Alltagsverständnis. Das Gehirn ist etwas, das man anfassen kann, die Psyche dagegen etwas, das man erlebt. Dem Dualismus zufolge ist sie mit dem Gehirn zwar verbunden und beeinflusst es, aber davon verschieden und kann im Prinzip vom Gehirn getrennt existieren. Dies entspricht dem traditionellen Konzept einer Seele.

Die zweite Sichtweise, die in wissenschaftlichen Kreisen vorherrscht, betrachtet Gehirn und Geist dagegen nicht als getrennt, sondern als untrennbare Einheit: Der Geist ist eine Funktion des Gehirns, so ähnlich wie Verdauung eine Funktion des Magen-Darm-Traktes ist. Das würde bedeuten, dass geistige Funktionen mit bestimmten Funktionen des Gehirns identisch sind.

Das klassische philosophische Argument gegen diese so genannte Identitätsthese lautet, dass Gehirn und Psyche nicht die identischen Eigenschaften haben. Das Objekt Gehirn kann ich anfassen und es nimmt Raum ein, doch ein Gedanke hat keine räumlichen Eigenschaften. Daher, so schon Descartes, könnten sie nicht identisch sein. Wer dies annehme, unterliege einer Kategorienverwechslung. Der Geist (Psyche) sei eine von der Materie (Gehirn) verschiedene „Substanz“.

Die interessanten Fragen in zeitgenössischen Diskussionen drehen sich jedoch um die Frage, was denn die Kernmerkmale („mark of the mental“) des Geistigen, Psychischen, Mentalen sind, die es als solches auszeichnen. Und wie diese im oder mit dem Gehirn realisiert werden können. Philosophen nennen in der Regel zwei zentrale Merkmale: Bewusstsein bzw. subjektives Erleben einerseits und Bedeutungshaftigkeit („Intentionalität“) andererseits. Mit Intentionalität ist gemeint, dass das, was wir denken, sich auf etwas bezieht.

Aus meiner Sicht ist die zweite Frage die interessantere und wissenschaftlich fruchtbarere. Bedeutung erlangen Hirn- und damit psychische Zustände nur dadurch, dass die Prozesse, durch die wir Bedeutung generieren, nur dann funktionieren, wenn das Gehirn in einem Organismus beheimatet ist. Dessen Körper also mit der Umwelt interagiert. Diese Auffassung wird Externalismus genannt. Bedeutung entsteht also nicht allein durch die feuernden Neuronen, sondern dadurch, dass diese Neuronen über den Körper in Interaktion mit der Umwelt sind. Wenn das stimmt, dann ist ein wesentliches Merkmal des Psychischen nicht zu erklären ohne die Interaktion von verkörpertem Gehirn und Umwelt. Daraus folgt, dass ohne diese Wechselwirkung nichts von Bedeutung für die Psyche existieren kann. Deswegen kann die Psyche nicht nur das Gehirn sein, auch wenn sie ohne Gehirn nicht sein kann.

Aufgezeichnet von Anke Lorenz-Hoppe

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

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