Frage an das Gehirn

Warum heißt es "alt und weise"?

Fragesteller/in: Anne-Marie P. aus Lüneburg

Veröffentlicht: 19.01.2012

Eigentlich baut der Mensch im Alter ab und wird langsamer – auch was seine Gehirnleistungen betrifft. Trotzdem gelten Ältere oft als besonders weise. Warum?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Ute Kunzmann, Entwicklungspsychologin im Institut für Psychologie der Universität Leipzig: Zunächst einmal belegen viele Studien, dass die geistige Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter nachlässt. Das betrifft vor allem die Effizienz und Geschwindigkeit von Denkprozessen. Und wahrscheinlich lassen schon ab Zwanzig einige basale Gehirnfunktionen langsam nach. Allerdings: Diese Hinweise stammen aus dem Labor. Im Alltag mag es anders aussehen. Wirft man nämlich einen Blick auf Führungspositionen, politische Ämter oder Chefarztposten, so sind sie nicht selten von Personen der Altersgruppe 50 plus besetzt.

Erfahrung spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle, aber auch die Fähigkeit zu reflektieren. In einer unserer Studien konfrontierten wir Probanden mit Problemen der Art: Ein guter Freund ruft an und sagt, er wolle sich umbringen. Oder: Eine Dreizehnjährige beschließt, dass sie von zu Hause ausziehen will. Statt einfach zu antworten, wie sie in den jeweiligen Situationen handeln würden, baten wir die Freiwilligen, ihren Denkprozess zu schildern. Wir wollten wissen, durch welche Überlegungen sie zu einer Lösung kommen.

Dabei stellte sich heraus, dass ältere Teilnehmer sich eher im Klaren darüber waren, dass sie niemals alle Eventualitäten kennen. Sie betrachteten das Problem weniger isoliert, bezogen also beispielsweise mit ein, dass das Mädchen aufgrund einer bestimmten Lebenssituation von zu Hause weg will, und es möglicherweise gar nicht primär darum geht auszuziehen. Oder, dass man den Freund zwar vom Selbstmord abhalten kann, er aber langfristig Hilfe benötigt, damit er nicht wieder in eine solche Situation kommt. Wir haben aber auch festgestellt, dass bereits Jugendliche ab etwa 15 Jahren beginnen, verschiedene Aspekte eines Problems zu beleuchten. Die ältere Generation hat die „Weisheit“ demnach nicht für sich gepachtet. Ganz im Gegenteil: Um zur Weisheit zu gelangen, bedarf es vieler Faktoren, wie gute Mentoren und die Offenheit für neue Erfahrungen. Besonders alt muss man dafür nicht sein.

Aber was heißt überhaupt weise? Da gibt es zum einen den Aspekt, welches Wissen jemand angesammelt hat. Man muss jedoch auch die emotionale Ebene mit einbeziehen, Empathie etwa oder Gelassenheit. Und hier scheint sich tatsächlich eine positive Entwicklung zu vollziehen. So zeigen einige unserer Studien, aber auch Untersuchungen von Kollegen, dass Alter mit einer höheren Gelassenheit einhergeht.

Dafür gibt es zwei Erklärungsmodelle. Entweder hat die Erfahrung gelehrt, dass auch Probleme vergänglich sind. Oder es liegt daran, dass mit zunehmendem Alter die verbleibende Lebenszeit immer kürzer wird. Das ist den Menschen zwar nicht ständig bewusst, aber dennoch scheinen sich Hochbetagte weniger auf längerfristige Ziele zu konzentrieren. Vielmehr wollen sie im Hier und Jetzt bedeutungsvolle und positive Erfahrungen machen.

Aufgezeichnet von Stefanie Reinberger

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

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