Frage an das Gehirn

Wann ist ein Mensch tot?

Fragesteller/in: Heike B.

Veröffentlicht: 06.11.2011

Durch die moderne Medizin und ihre vielfältigen Methoden, das Leben zu erhalten und zu verlängern, ist eine scheinbar einfache Frage komplex geworden: Wann ist ein Mensch tot?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Professor Walter F. Haupt, Neurologe und Intensivmediziner in der Uniklinik Köln: Eine eindeutige Antwort geben die Richtlinien der Bundesärztekammer: Ein Mensch ist tot, wenn die Diagnose des Hirntods und deren Dokumentation abgeschlossen ist und der letzte beteiligte Arzt seine Unterschrift unter das Diagnoseprotokoll setzt. Dieser Zeitpunkt wird dann als Todeszeitpunkt eingetragen, jedenfalls im intensivmedizinischen Kontext.

Normalerweise kann ja jeder Arzt einen Totenschein ausstellen, wenn sichere äußere Todeszeichen wie etwa Totenstarre oder Totenflecke vorliegen. Dann ist klar, dass Geist und Körper dauerhaft aufgehört haben zu funktionieren. Schwieriger ist es auf der Intensivstation, wo der Kreislauf für lange Zeit künstlich aufrechterhalten werden kann und dadurch die meisten Organe weiter funktionieren, obwohl die Gehirnfunktion irreversibel erloschen ist. Für solche Fälle hat der Bundestag 1997 im Rahmen des Transplantationsgesetzes mit Zweidrittelmehrheit festgeschrieben, was seit vielen Jahren Praxis war: dass der Hirntod die Voraussetzung für Organentnahmen ist. Definiert ist dieser sogenannte Gesamthirntod als Zustand, in dem die Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms unumkehrbar erloschen ist.

Nach welchen Kriterien dies festgestellt wird, dafür gibt es genaue Richtlinien der Bundesärztekammer. Sie sind in einem umfassenden Protokollvordruck zusammengefasst, der jedes Mal von den beteiligten Ärzten abgearbeitet wird. Da muss zunächst als Voraussetzung feststehen, dass eine primäre oder sekundäre Hirnschädigung vorliegt – Beispiele wären Schlaganfall (primär) oder Sauerstoffmangel (sekundär). Andere Gründe wie etwa Vergiftungen, die einen vorübergehenden Ausfall der Hirnfunktionen bewirken könnten, müssen ausgeschlossen sein. Dann müssen zwei speziell qualifizierte Ärzte unabhängig voneinander eine Reihe klinischer Tests durchführen, darunter die bekannte Pupillenreflex-​Untersuchung mit der Taschenlampe. Fallen alle Tests negativ aus, steht fest, dass der Patient kein Bewusstsein, keine Hirnstamm-​Reflexe und keine spontane Atmung mehr hat. Schließlich muss nachgewiesen werden, dass diese Ausfälle unumkehrbar sind. Dies kann, je nach Art des Hirnschadens und Alter, durch apparative Zusatzuntersuchungen wie ein EEG oder durch eine Wiederholung der klinischen Tests nach 12, 24 oder 72 Stunden geschehen.

Dass es um das Hirntod-​Kriterium immer wieder Diskussionen gibt, kann ich aus menschlicher Sicht verstehen: Steht man am Bett eines hirntoten Intensivpatienten, wirkt er nicht tot, sondern eher bewusstlos. Aus medizinisch-​wissenschaftlicher Sicht ist der Hirntod aber die einzig sinnvolle Definition. Denn das Gehirn – und nicht etwa das Herz – ist das Zentralorgan des Menschen. Wenn es aufhört zu funktionieren, hört der Mensch als Individuum mit seinen Gedanken, seinen Erinnerungen, seiner Persönlichkeit auf zu existieren. Und dass die genannten Richtlinien bei korrekter Anwendung das Eintreten des Hirntods zuverlässig feststellen, zeigen viele tausend wissenschaftlich dokumentierte Fälle. Umgekehrt ist noch nie ein Mensch nach korrekter durchgeführter Hirntod-​Diagnose wieder aufgewacht.

Aufgezeichnet von Ulrich Pontes

Cerebellum

Kleinhirn/Cerebellum/cerebellum

Das Cerebellum (Kleinhirn) ist ein wichtiger Teil des Gehirns, an der Hinterseite des Hirnstamms und unterhalb des Okzipitallappens gelegen. Es besteht aus zwei Kleinhirnhemisphären, die vom Kleinhirncortex (Kleinhirnrinde) bedeckt werden und spielt unter anderem eine wichtige Rolle bei automatisierten motorischen Prozessen.

Schlaganfall

Schlaganfall/Apoplexia cerebri/stroke

Bei einem Schlaganfall werden das Gehirn oder Teile davon zeitweilig nicht mehr richtig mit Blut versorgt. Dadurch kommt es zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und dem Energieträger Glukose. Häufigster Auslöser des Schlafanfalls ist eine Verengung der Arterien. Zu den häufigsten Symptomen zählen plötzliche Sehstörungen, Schwindel sowie Lähmungserscheinungen. Als Langzeitfolgen können verschiedene Arten von Gefühls– und Bewegungsstörungen auftreten. In Deutschland ging 2006 jeder dritte Todesfall auf einen Schlaganfall zurück.

EEG

Elektroencephalogramm/-/electroencephalography

Bei dem Elektroencephalogramm, kurz EEG handelt es sich um eine Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns (Hirnströme). Die Hirnströme werden an der Kopfoberfläche oder mittels implantierter Elektroden im Gehirn selbst gemessen. Die Zeitauflösung liegt im Millisekundenbereich, die räumliche Auflösung ist hingegen sehr schlecht. Entdecker der elektrischen Hirnwellen bzw. des EEG ist der Neurologe Hans Berger (1873−1941) aus Jena.

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