Frage an das Gehirn

Neurowissenschaftliche Erklärung zu Akupunktur?

Fragesteller/in: Skeptiker25

Veröffentlicht: 07.01.2018

Welche neurowissenschaftliche Erklärung gibt es für die schmerzlindernde Wirkung der Akupunktur?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Antwort von PD Dr. Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz und Oberarzt der Klinik für Anaesthesiologie am Klinikum der Universität München sowie 1. Vorsitzender der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur:  Akupunktur wirkt nicht nur im Gehirn selbst, sondern auf drei Ebenen gegen Schmerzen: Peripher im ganzen Körper, also zum Beispiel direkt an der Einstichstelle, auf Ebene des Rückenmarks und im Gehirn selbst.

Zunächst zur peripheren Wirkung: Setzt man eine Nadel, gibt es eine kleine Verletzung. Dadurch wird eine Zelle zerstört und die Stoffe, die in der Zelle vorkommen, werden in hoher Konzentration ausgeschüttet – etwa das Molekül ATP, das – Studien zufolge – wichtig für die schmerzlindernde Wirkung von Akupunktur ist. Aber auch Opioide und Endocannabinoide, die Schmerzen lindern können, werden frei. Zusätzlich spielen mechanische Reize eine Rolle: Die Nadeln können an der Einstichstelle fasziale Triggerpunkte aktivieren oder Faszien dehnen und so Schmerzen lindern.

Ein weiterer wichtiger Effekt ist die absteigende Schmerzhemmung, die auf Ebene des Rückenmarks stattfindet. Schmerzempfinden wird dabei durch neue, mit dem alten Schmerz konkurrierende Schmerzreize oder durch andersartige Reize gemindert. Das funktioniert auf ähnliche Weise auch im Alltag: Fasse ich auf eine heiße Herdplatte, habe ich schlagartig keine Kopfschmerzen mehr, weil der neue Schmerz überwiegt. Lege ich eine Wärmflasche auf den Bauch, schmerzt er durch den neuen, andersartigen Reiz weniger. Die Akupunktur wirkt sowohl über konkurrierenden Schmerz, als auch über neue Reize. Die Reize des ursprünglichen Schmerzes und die Akupunkturreize laufen im Rückenmark zusammen. Dadurch wird die absteigende Schmerzhemmung aktiviert.

Im Gehirn selbst wirkt die Akupunktur vor allem über die Ausschüttung von endogenen Opioiden, den Endorphinen, aus der Hypophyse in den Blutkreislauf. Aktiviert wird auch das Hormon ATPH, das zur Cortison-Ausschüttung führt. Cortison wiederum regt die Nebenniere an und hat eine entzündungshemmende Wirkung. Außerdem wird durch die Akupunktur ATCH ausgeschüttet. Das Hormon ist eine Vorstufe von Cortison und Geschlechtshormonen. Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum die Akupunktur häufig eine positive Wirkung bei hormonell bedingten Erkrankungen von Frauen hat.

Aktuellste Hirnforschung zeigt außerdem, dass Akupunktur verschiedene Zentren des Gehirns beeinflusst, die für die differenzierte Wahrnehmung von Schmerz zuständig sind: Schmerzen empfinden wir sensorisch und wir bewerten sie kognitiv, schätzen also ein, ob sie gefährlich für uns sind. Außerdem nehmen wir sie auf emotionaler Ebene wahr. Dafür zuständig sind der sensorische Cortex, die neocortikalen Netzwerke – also die Areale, in denen wir Gefühle empfinden – und der präfrontale Cortex. Diese Bereiche werden durch die Akupunktur teilweise deaktiviert oder gehemmt. Das Schmerzempfinden wird dadurch vermindert.

Eine Forschungsgruppe aus Harvard hat außerdem neue Erkenntnisse über die Wirkung der Akupunktur auf das Schmerzgedächtnis gewonnen. Empfindet jemand über lange Zeit einen Schmerzimpuls, breitet sich dieser an der Großhirnrinde weiter aus. Durch die Plastizität des Gehirns wird das Einflussgebiet des Schmerzes größer. Ein Schmerz am Daumen wird so irgendwann zum Schmerz in der ganzen Hand. Dieses Schmerzgedächtnis kann nach den neuen Erkenntnissen durch die Akupunktur verändert werden – ein wichtiger Effekt, der sich über Schmerzmedikation nicht erreichen lässt.

Aufgezeichnet von Natalie Steinmann

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