Frage an das Gehirn

Haben Gedanken eine eigene Sprache?

Fragesteller/in: Silke G. aus Heilbronn

Veröffentlicht: 11.01.2012

Wenn Gedanken eine Sprache hätten, welche wäre das? Klänge sie so wie unsere Muttersprache oder hätte sie eine ganz eigene Grammatik?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Horst M. Müller, AG Experimentelle Neurolinguistik, CITEC, Universität Bielefeld: Gedanken haben durchaus eine eigene „Sprache“. Allerdings darf man unter dieser Gedankensprache keine Lautsprache verstehen, sondern Sprache in einem weiteren Sinn. Denn auch Tiere, die ein Selbstbewusstsein haben, wie beispielsweise Menschenaffen, sind zu ähnlichen kognitiven Operationen fähig wie wir Menschen. Sie können also denken, ohne über eine menschliche Sprache zu verfügen. Ebenso haben gehörlos geborene Kinder, die noch nie eine Lautsprache gehört haben und gar nicht wissen, was das ist, trotzdem gedankliche Vorstellungen von der Welt. Wie andere Kinder spielen sie mit Puppen, Eisenbahnen, Autos, obwohl sie lediglich über eine „innere Sprache“ verfügen. Diese „innere Sprache“ funktioniert nach ganz anderen Regeln und vor allem wesentlich schneller als etwa Lautsprache, welche Inhalte vergleichsweise langsam wiedergibt.

Lautsprache ist ein Instrument, ein Symbol– und Zeichensystem, das über Stellvertreter lediglich einen Umgang mit Gedanken ermöglicht. Diese Sprache ist zwar nicht notwendig für das Zustandekommen von Gedanken, kann jedoch als Gedankenstütze dienen. So können wir uns Gedankeninhalte, die lautsprachlich kodiert wurden, besser merken. Wenn Menschen ihren Tag planen, oder sich konzentrieren wollen, reden sie die Gedankeninhalte oft vor sich hin. Dennoch sind Gedanken weitgehend unbeeinflusst von der jeweiligen Lautsprache. Zum Beispiel fangen Menschen, die in ein anderes Land umziehen, oft schon nach kurzer Zeit an, in der neuen Sprache zu träumen und zu denken.

Gedanken sind innere mentale Konstrukte, die durch die Wahrnehmung der Umwelt und der Simulation von Realität entstehen. Sie bestehen aus miteinander wechselwirkenden Emotionen, Gefühlen, Bildern und anderen Empfindungen. Ihr biologischer Zweck ist, Individuen Prognosen über die Zukunft zu ermöglichen und damit zum Beispiel die Futtersuche, Partnerwahl oder Aufzucht der Nachkommen zu optimieren. Es ist unglaublich hilfreich und viel effektiver, sich bei Problemen, erst einmal hinzusetzen, nachzudenken und verschiedene Lösungsansätze im Kopf durchzuspielen, als durch Versuch und Irrtum den richtigen Weg zu finden.

Da die Lautsprache erst vor etwa 80 bis 200.000 Jahren entstanden ist, muss es die mentalen Konstrukte schon vorher gegeben haben. Schließlich konnten die Menschen auch ohne Lautsprache schon interagieren und sich ein Bild von der Welt machen. In den 1950er und 60er-​Jahren entstand unter Sprachwissenschaftlern die Idee einer Tiefenstruktur der Sprache. Sie beschreibt eine präverbalen Botschaft, eine abstrakte Basisstruktur, die mentale Repräsentationen mit semantischen Relationen verbindet und die Vorstufe dessen ist, was man sprechen will. Die Art der Repräsentation hängt dabei natürlich bei allen Lebewesen von den jeweiligen Sinnessystemen ab, die zur Verfügung stehen. Das kann bei schwachelektrischen Fischen der elektrische Sinn sein oder der Infrarotsinn bei Schlangen. Neben den Emotionen spielen bei Menschen das akustische und das visuelle Sinnessystem die tragende Rolle für die Bildung von Gedanken. Neuere Theorien gehen davon aus, dass auch die eigene Körperwahrnehmung sehr wichtig ist. Das Stichwort dazu lautet: Embodiment.

Aufgezeichnet von Leonie Seng

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Embodied Cognition

Embodied cognition/-/embodied cognition

Ein Begriff der Kognitionswissenschaft, nach dem Körperzustände auf den Geist zurückwirken. Embodied Cognition kann übersetzt werden mit „leiblich verankerte Kognition“ oder „verkörperlichtes Denken“. Geist, Körper und Umwelt werden als Teile eines dynamischen Systems verstanden, in dem kognitive Prozesse als komplexe Interaktionen zwischen den Komponenten ablaufen. So kann z.B. Gestikulieren die mathematischen Fähigkeiten unterstützen.

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