Frage an das Gehirn

Geschlechtsunterschiede bei psychischen Erkrankungen?

Fragesteller/in: Anonym

Veröffentlicht: 05.03.2017

Warum sind viele psychiatrische Erkrankungen zwischen Männern und Frauen ungleich verteilt?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Antwort von Prof. Dr.  Ute Habel , Leiterin der Arbeitsgruppe Neuropsychologie und leitende Psychologin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Uniklinik RWTH Aachen: Das ist letztlich noch ungeklärt. Die medizinische Forschung hat sich in den letzten Jahren in ihren Untersuchungen vielfach auf den Mann als Norm gestützt und die Frau vernachlässigt. Seit den 1990er Jahren wendet man sich Geschlechtsunterschieden zwar stärker zu. Es gibt momentan aber keinen einzigen Faktor, der alleine die Unterschiede in der Verteilung erklären könnte.

Sichtbar wird das am Beispiel der Depression: Frauen erkranken doppelt so häufig an Depressionen wie Männer, ein Unterschied, der ab der Pubertät sichtbar wird. Dafür gibt es verschiedene Hypothesen:

Die ungleiche Verteilung könnte von den unterschiedlichen Einflüssen der Geschlechtshormone wie Östrogen und Progesteron herrühren. Es zeigte sich, dass es ein höheres Risiko für depressive Störungen in hormonellen Umstellungsphasen gibt, was z.B. am prämenstruellen Syndrom, der postpartalen oder postmenopausal einsetzenden Depression sichtbar wird. Ein anderer Grund könnte sein, dass Frauen eher zum Arzt gehen. Frauen tendieren auch generell eher zu Grübelverhalten, was Depressionen fördert. Ein viel diskutierter Erklärungsversuch ist zudem, ob Männer nicht eine ganz andere Depressionssymptomatik haben: Männer neigen eher zu aggressivem und reizbarem Verhalten wie auch verstärktem Suchtverhalten. Es könnte demnach sein, dass Männer Depressionen durch überstarken Alkoholgenuss zu überdecken versuchen und letztlich wegen Alkoholabhängigkeiten, die bei Männern häufiger sind, behandelt werden. Auch scheinen genetische Faktoren bei Frauen einen stärkeren Einfluss zu haben als bei Männern.

Auch andere psychiatrische Erkrankungen sind bei den Geschlechtern ungleich verteilt: Angst kommt doppelt so häufig bei Frauen vor. Eher bei weiblichen Personen zu finden sind auch Borderline- und Essstörungen. Sucht, Autismus und ADHD sind dafür häufiger bei Männern. Bei all diesen Erkrankungen gibt es kaum ausreichende Erklärungen für die unterschiedliche Häufigkeit zwischen den Geschlechtern. Das liegt natürlich auch daran, dass die genauen Ursachen der verschiedenen psychischen Störungen noch ungeklärt sind und daher auch diese Unterschiede noch unzureichend verstanden sind.

Wir wissen, dass das Gehirn von Männern und Frauen sowohl in der Struktur aber auch der Funktion unterschiedlich ist und hier die unterschiedlichen (Geschlechts-)Hormonkonzentrationen lebenslang ebenfalls unterschiedlich Einfluss nehmen. Psychische Erkrankungen sind auch Hirnerkrankungen. So ist z.B. auch bei posttraumatischen Belastungsstörungen gezeigt worden, dass das Verlernen von Angstreaktionen durch das Geschlechtshormon Östrogen bei Frauen moduliert wird. Daneben spielen aber auch psychosoziale Faktoren eine Rolle. Forscher konnten darüber hinaus auch zeigen, dass das Furchtsystem bei Frauen eher anspringt als bei Männern, was mit einer Interaktion zwischen Genotypen und dem Progesteron-Niveau zu tun hat.

Es gibt ferner Hinweise dafür, dass Männer eher durch Leistungsstress und Frauen eher durch sozialen Stress beeinträchtigt werden, und da chronischer Stress an ein höheres Krankheitsrisiko gebunden ist, könnte dies ebenfalls ein Risikofaktor für die Ausbildung individuell unterschiedlicher psychischer Erkrankungen sein.

Geschlechtsstereotype sind ebenfalls mächtige Einflussfaktoren im Bereich der Gesundheit. So werden beispielsweise bei Frauen mehr psychosomatische Störungen diagnostiziert, bei Männern dagegen eher somatische Krankheiten.

Aufgezeichnet von Martina Gauder

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Autismus

Autismus/-/autism

Gravierende Entwicklungsstörung, die sich oft in reduzierten sozialen Fähigkeiten, verminderter Kommunikation und stereotypem Verhalten ausdrückt.

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