Frage an das Gehirn

Entstehen die menschlichen Kulturen im Gehirn?

Fragesteller/in: Martina via Internet

Veröffentlicht: 17.08.2012

Ob unterschiedliche Sprachen, Sitten oder Traditionen: Die Menschheit hat eine immense Vielfalt an Kulturen hervorgebracht. Haben diese letztlich ihren Ursprung im Gehirn?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Professor Georg Northoff, Neuropsychiater am Institute of Mental Health Research der University of Ottawa, Kanada: Zunächst einmal können wir mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass das Gehirn eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass Kulturen überhaupt entstehen. Es stellt den spezifischen Bezug zur Umwelt her, verarbeitet und interpretiert Eindrücke und lässt uns auf diese reagieren. Und das bildet letztlich die Basis für das menschliche Miteinander, Kunst, Kultur und Riten.

Außerdem wissen wir, dass Menschen in unterschiedlichen Kulturen auch Unterschiede in ihren Denkorganen aufweisen. Ich habe zum Beispiel zwischen 2007 und 2009 gemeinsam mit einem chinesischen Kollegen eine Studie durchgeführt, bei der wir verglichen haben, wie erwachsene Menschen aus westlichen Kulturen und aus China auf Stimuli reagieren, die entweder sehr persönlich waren oder ihre Mutter betrafen. Solche Stimuli können etwa Bilder der Stadt sein, in der man lebt, Begriffe, die im Alltag wichtig sind, Wörter, die die Mutter häufig benutzt, ihre Stimme und so weiter. Wir wissen, dass Menschen in China ihr Selbst sehr stark über die Mutter definieren. Westlich geprägte Personen wie Europäer oder Kanadier dagegen haben ein sehr unabhängiges, individualisiertes „Ich“. Das spiegelte sich im Experiment auch in ihrer Gehirnaktivität wieder: Bei den „Westlern“ war die Aktivität in der so genannten Mittellinienstruktur erhöht, wenn wir sie mit sehr persönlichen Stimuli konfrontierten, nicht aber mit solchen, die die Mutter betrafen. Bei den chinesischen Probanden reagierte diese Struktur jedoch bei beiden Arten von Anregung gleichermaßen.

Nun mag man fragen: Beeinflusst die Umgebung, in der wir leben, also die Kultur, das Gehirn? Oder ist es umgekehrt, und die Menschen bringen unterschiedliche neurologische Voraussetzungen mit, so dass es zu einer Kulturenvielfalt kommt? Meines Erachtens kann man diese Frage aber so gar nicht stellen. Das ist für mich ein ganz zentraler Punkt. Denn Gehirn und Umwelt sind eng miteinander verknüpft und beeinflussen sich wechselseitig – ganz ähnlich wie das Herz und der Blutkreislauf untrennbar verbunden sind. Das Herz pumpt zwar das Blut, aber das Blut beeinflusst auch die Aktivität des Herzens.

Dieses Bild lässt sich gut auf die Beziehung zwischen Gehirn und Umwelt übertragen: Das Gehirn empfängt Signale aus der Umwelt, reagiert auf sie. Und es wird dadurch geprägt, denn neuronale Netzwerke entstehen durch den Input von außen. Genau das aber ist wiederum die Voraussetzung dafür, auf Stimuli in einer gewissen Weise zu reagieren. Das heißt ein und dasselbe Bild oder die selbe Musik werden in verschiedenen Regionen der Welt anders verarbeitet, weil die neuronalen Netzwerke aufgrund der unterschiedlichen Informationen aus der Umwelt auch unterschiedlich konstruiert sind. Es ist also eine wechselseitige Beziehung: Gehirn und Kultur entwickeln sich gemeinsam und beeinflussen sich dabei gegenseitig.

Aufgezeichnet von Stefanie Reinberger

zum Weiterlesen über die Wechselwirkung zwischen Gehirn und Umwelt:

Northoff, G. Das disziplinlose Gehirn. Was nun, Herr Kant? Irisiana. 2012

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