Frage an das Gehirn
Heilen per Entspannungsvideo?
Veröffentlicht: 01.03.2026
Sind ASMR-Videos nur ein Internet-Trend oder haben sie therapeutisches Potenzial?
Die Antwort der Redaktion lautet:
Antwort von Dr. Tobias Lohaus, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Neuropsychologischen Therapie Centrum (NTC) der Ruhr-Universität Bochum: Untersuchungen konnten bereits kurzfristige positive Effekte beim Betrachten von ASMR-Videos belegen. So sinken Herzschlag und Blutdruck, und die Deltawellen im Gehirn werden reduziert. Beides ist auch mit anderen bewussten entspannten Zuständen wie Meditation assoziiert. Verschiedene Studien zeigen also einen Zusammenhang von ASMR-Erleben und Entspannung und Wohlbefinden. Dabei profitieren jedoch besonders sogenannte Responder: Je stärker Menschen ASMR empfinden können, desto mehr profitieren sie auch vom Ansehen der Videos.
Ob ASMR therapeutisches Potential hat, lässt sich aktuell noch nicht wissenschaftlich beantworten. Doch ich gehe davon aus, dass es Menschen helfen kann. Bisher wurde noch nicht gezeigt, dass ASMR-Videos langfristige Effekte auf die psychische Gesundheit haben. Unser ASMR-Forschungsteam an der Ruhr-Universität Bochum startet darum gerade ein Projekt, das zeigen soll, ob es über längere Zeit positive Effekte gibt. Bisherige Studien beziehen sich außerdem nur auf gesunde Personen. Wie sich ASMR bei kranken Menschen auswirkt, muss noch untersucht werden.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Menschen, die ASMR erleben können, im Schnitt psychisch labiler und stresssensibler zu sein scheinen als andere. Entstehen dadurch Probleme, könnte ASMR gerade diesen Menschen zum Beispiel bei der Bewältigung von Stress helfen.
Ich selbst bin schon Patienten aus der Traumatherapie begegnet, die davon berichteten, im Rahmen ihrer Therapie exakt das empfunden zu haben, was ASMR ausmacht. Ich sehe dies als ersten Hinweis, dass ASMR-Empfinden in (Online-)Therapien hilfreich sein könnte.
Erwähnenswert ist diesem Zusammenhang ist auch, dass ASMR evolutionär ein sehr altes Phänomen ist. Menschen haben es früher beispielsweise bei sozialer Interaktion oder manche sogar beim Hören von Naturgeräuschen empfunden. So beschreibt beispielsweise Virginia Woolf in ihrem 1925 erschienen Roman „ Mrs. Dalloway“ offensichtlich das, was wir heute als ASMR bezeichnen . Die Youtube-Videos unserer Zeit rufen das Phänomen lediglich bewusst auf. Man kann also davon ausgehen, dass Menschen schon seit langer Zeit von dem angenehmen Kribbel-Empfinden profitieren. Ob das künftig auch im Rahmen von Therapien der Fall sein kann, wird die Forschung noch zeigen.
Aufgezeichnet von Natalie Steinmann.