Frage an das Gehirn

Spiegelt sich ADHS bei Kindern auch im Gehirn wider?

Fragesteller/in: Christine Ziegelmayer per E-Mail

Veröffentlicht: 11.04.2014

Sie können nicht ruhig sitzen bleiben, sich beherrschen oder über eine längere Zeit konzentrieren: Kinder mit der Aufmerksamkeitsdefizit-​/​Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Kann man bei den Kleinen Auffälligkeiten im Gehirn finden?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Antwort von Kerstin Konrad, Professorin für Klinische Neuropsychologie des Kindes– und Jugendalters der RWTH Aachen:

Ja, das kann man. Es gibt zum Beispiel Untersuchungen mit Magnetresonanztomografie, bei denen Forscher die Entwicklung der Großhirnrinde bei gesunden Kindern und mit der von Kindern mit ADHS verglichen haben. Auch in der normalen Entwicklung handelt es sich dabei um einen langanhaltenden Prozess. Die Dicke der Großhirnrinde, des Cortex, nimmt im Bereich des Frontallappens bis zur Pubertät zu und dann wieder ab. Im Vergleich zu gesunden Kindern ist diese Reifung bei Kindern mit ADHS verzögert. Das bedeutet leider nicht, dass sie in dieser Hinsicht einfach nur ein bisschen später dran sind und als Erwachsene dann alle gesund werden. Bei nur ungefähr einem Drittel gehen die Symptome zurück.

Die erwähnte langsamere Entwicklung betrifft vor allem den präfrontalen Cortex im Frontallappen hinter der Stirn, aber auch den Parietallappen. Beide Hirnregionen sind für die Aufmerksamkeit und die Kontrolle von Reaktionen und Handlungen wichtig. Das passt insgesamt gut zu der Symptomatik. Denn die Betroffenen haben in vielen Situationen eine schlechte Aufmerksamkeit, können sich nur schwer konzentrieren. Und eine schwach ausgeprägte Kontrolle von Reaktionen führt zu der ADHS-​typischen Impulsivität.

Zudem gibt es auch noch Untersuchungen, die sich die Tätigkeit des Gehirns mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie angeschaut haben. Unter anderem hat man Kinder im Scanner untersucht, während sie Aufgaben zur Aufmerksamkeit oder zur Unterdrückung von Reaktionen bewältigen mussten. Einer der robustesten Befunde über viele Studien hinweg ist: Der für die Aufmerksamkeit und die Kontrolle von Impulsen wichtige Frontallappen ist weniger aktiv als bei gesunden Kindern.

Außerdem ist das Belohnungssystem in den Basalganglien unterhalb der Großhirnrinde bei Kindern mit ADHS nicht nur von der Struktur her häufig verkleinert. Es regt sich auch vergleichsweise weniger, wenn eine Belohnung winkt. Das für die Motivation so wichtige Belohnungssystem ist also bei ihnen verändert. Auch das passt insgesamt gut ins Bild. Denn wenn Kinder mit ADHS etwas interessiert und damit auch motiviert, können sie sich oft wunderbar konzentrieren. In langweiligen Situationen wie Hausaufgaben machen, wo sie sich selbst motivieren müssten, schaffen sie es oft nicht, ihre Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.

Eine weitere wichtige Rolle spielt bei Kindern mit ADHS vermutlich der Botenstoff Dopamin, der eine besondere Bedeutung für die Belohnungsverarbeitung und Motivation hat. Eine Störung der chemischen Signalübermittlung bei ADHS kann dazu führen, dass die Nervenzellen weniger aktiv sind und ihre Kommunikation mit anderen Nervenzellen gestört ist. Hier setzt das bekannte und auch umstrittene Ritalin an.

Bei all dem muss man beachten, dass diese Veränderungen nur bei Gruppenauswertungen als grundsätzliche Tendenzen sichtbar sind. Sie sind derzeit noch nicht geeignet, um im Einzelfall ADHS zu diagnostizieren.

Antwort aufgezeichnet von Christian Wolf

Frontallappen

Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe

Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-​Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Frontallappen

Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe

Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-​Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.

Parietallappen

Parietallappen/Lobus parietalis/parietal lobe

Wird auch Scheitellappen genannt und ist einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Er liegt hinter dem Frontal– und oberhalb des Occipitallappens. In seinem vorderen Bereich finden somatosensorische Prozesse statt, im hinteren werden sensorische Informationen integriert, wodurch eine Handhabung von Objekten und die Orientierung im Raum ermöglicht werden.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Basalganglien

Basalganglien/Nuclei basales/basal ganglia

Basalganglien sind eine Gruppe subcorticaler Kerne (unterhalb der Großhirnrinde gelegen) im Telencephalon. Zu den Basalganglien zählen der Globus pallidus und das Striatum, manche Autoren schließen weitere Strukturen mit ein, wie z. B. das Claustrum. Die Basalganglien werden primär mit der Willkürmotorik in Verbindung gebracht.

Motivation

Motivation/-/motivation

Ein Motiv ist ein Beweggrund. Wird dieser wirksam, spürt das Lebewesen Motivation – es strebt danach, sein Bedürfnis zu befriedigen. Zum Beispiel nach Nahrung, Schutz oder Fortpflanzung.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

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