Der Temporallappen
Der Schläfenlappen, der Lobus temporalis, ist – gleich nach dem Frontallappen – der zweitgrößte der vier Lobi des Großhirns. Er ist ein abwechslungsreicher Hirnteil, sowohl anatomisch als auch funktional. Das macht ihn sehr interessant.
Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Horst-Werner Korf
Veröffentlicht: 28.11.2025
Niveau: mittel
Die beiden Temporallappen umrahmen den Hirnstamm. Sie bestehen aus iso- und allocorticalen Regionen und enthalten zudem die nicht-corticalen Kerngebiete der Amygdala. Der Temporallappen ist wahrlich „multimodal", er dient mit vielen verschiedenen Zentren zahlreichen Funktionen: dem Riechen, dem Hören, dem Sprechen, dem Verstehen, dem visuellen Erkennen und der Gedächtnisbildung.
Temporallappen
Temporallappen/Lobus temporalis/temporal lobe
Der Temporallappen ist einer der vier Großhirnlappen und ist lateral (seitlich) unten gelegen. Er enthält wichtige Areale wie den auditiven Cortex und Teile des Wernicke-Zentrums sowie Areale für höhere visuelle Verarbeitung; in seiner Tiefe liegt der mediale Temporallappen mit Strukturen wie dem Hippocampus.
Bevor Missverständnisse aufkommen, sollten wir eines klären: Die Anatomie meint mit „Schläfe“ die Region knapp vor und direkt über den Ohren. Darunter liegt der größte Teil des Temporalappens. Die Schläfe der Umgangssprache dagegen liegt weiter vorn. Und unter ihr liegt bereits der Frontallappen.
Frontallappen
Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe
Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.
Regionen und Aufbau
Der Schläfenlappen geht zum Hinterhaupt und zum Scheitel hin ohne scharfe Grenze in Parietal- und Okzipitallappen über. Vom Frontallappen ist er durch eine tiefe Furche, die Fissura lateralis, getrennt. In deren Tiefe liegt die Insula. Beim Blick von unten auf das Gehirn sieht man, dass die beiden Schläfenlappen den Hirnstamm „umrahmen“. Immerhin: Ihr vorderer, stumpfer Pol liegt tatsächlich am Hinterrand der umgangssprachlichen Schläfe.
Betrachtet man den Temporallappen unter dem Mikroskop, zeigen sich neben Zentren mit dem typischen Sechsschichten-Aufbau des Neocortex auch zahlreiche allocorticale Zentren – also „andersgeschichtete“, nicht-sechsschichtige Cortices. Zudem ist der Schläfenlappen die Heimstatt der Amygdala, die aus schichtartigen – mithin also corticalen – und ungeschichteten Ansammlungen von Nervenzellen besteht. Bei dieser Vielfalt gilt es, den Temporallappen „Stück für Stück“, also regionenweise zu besprechen.
Okzipitallappen
Okzipitallappen/Lobus occipitalis/occipital lobe
Einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Der Okzipital– oder Hinterhauptslappen liegt über dem Kleinhirn. Nach vorne grenzt er an den Scheitel– sowie an den Schläfenlappen an. Der Sulcus calcarinus unterteilt den Okzipitallappen in eine obere und eine untere Hälfte, den Cuneus und den Gyrus lingualis. Funktional findet in diesem Bereich des Gehirns die zentrale Verarbeitung visueller Informationen statt — sowohl die primäre als auch die sekundäre Sehrinde haben ihren Sitz im Okzipitallappen.
Frontallappen
Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe
Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.
Hirnstamm
Hirnstamm/Truncus cerebri/brainstem
Der „Stamm“ des Gehirns, an dem alle anderen Gehirnstrukturen sozusagen „aufgehängt“ sind. Er umfasst – von unten nach oben – die Medulla oblongata, die Pons und das Mesencephalon. Nach unten geht er in das Rückenmark über. Er ist ein Zentrum lebenswichtiger Funktionen wie der Atmung und des Herzschlags und beinhaltet auf- und absteigende Bahnen zwischen Großhirn, Kleinhirn und Rückenmark.
Temporallappen
Temporallappen/Lobus temporalis/temporal lobe
Der Temporallappen ist einer der vier Großhirnlappen und ist lateral (seitlich) unten gelegen. Er enthält wichtige Areale wie den auditiven Cortex und Teile des Wernicke-Zentrums sowie Areale für höhere visuelle Verarbeitung; in seiner Tiefe liegt der mediale Temporallappen mit Strukturen wie dem Hippocampus.
Neocortex
Neocortex/-/neocortex
Der Neocortex ist der stammesgeschichtlich jüngste Teil der Großhirnrinde. Da er relativ gleichförmig in sechs Schichten aufgebaut ist, spricht man auch vom Isocortex.
Ton und Bild und Sprache
Die vielleicht bekannteste Funktion des Temporallappens ist das Hören. Bekannt – ja. Augenfällig – nein. Denn das primäre Hörzentrum, die so genannten Heschl’schen Querwindungen, sind in der tiefen Fissura lateralis verborgen. In diesen Windungen endet – nach einigen synaptischen Umschaltungen in Hirnstamm und Thalamus – die Hörbahn, die Signale von den Sinneszellen in der Schnecke des Ohres überträgt. Das primäre Hörzentrum in den Heschl’schen Querwindungen ist nur etwa briefmarkengroß. Wesentlich größer sind die nachgeschalteten sekundären und tertiären auditorischen Zentren. Sie liegen in der oberen und mittleren Windung des Temporallappens und nehmen fast die gesamte corticale Fläche des Temporallappens in Beschlag, die man in der Seitenansicht sehen kann. Damit ist das Hören eines der flächengreifendsten Systeme unseres Großhirns – Sprache und Musik erfordern offenbar einen hohen „Rechenaufwand“.
Dort, wo die obere und die mittlere temporale Windung nach hinten hin in die Cortices des Okzipitallappens übergehen – der überwiegend im Dienste des visuellen Systems steht –, „überschneiden“ sich auditorische und visuelle Funktionen. Dort finden sich lexikalische Zentren, die mit der Erkennung geschriebener und gesprochener Worte zu tun haben. Besonders bekannt ist das sensorische Wernicke-Sprachzentrum, das in der dominanten – meist linken – Hemisphäre lokalisiert ist. Eine Läsion in diesem Bereich führt zu Störungen des Sprach- und Schriftverständnisses.
Hirnstamm
Hirnstamm/Truncus cerebri/brainstem
Der „Stamm“ des Gehirns, an dem alle anderen Gehirnstrukturen sozusagen „aufgehängt“ sind. Er umfasst – von unten nach oben – die Medulla oblongata, die Pons und das Mesencephalon. Nach unten geht er in das Rückenmark über. Er ist ein Zentrum lebenswichtiger Funktionen wie der Atmung und des Herzschlags und beinhaltet auf- und absteigende Bahnen zwischen Großhirn, Kleinhirn und Rückenmark.
Hemisphäre
Hemisphäre/-/hemisphere
Großhirn und Kleinhirn bestehen aus je zwei Hälften – der rechten und der linken Hemisphäre. Im Großhirn sind sie verbunden durch drei Bahnen (Kommissuren). Die größte Kommissur ist der Balken, das Corpus callosum.
Läsion
Läsion/-/lesion
Eine Läsion ist eine Schädigung organischen Gewebes.
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Duft und Schrecken
Schaut man von unten auf den Temporallappen, entdeckt man auf seiner Innenfläche, knapp hinter seinem stumpfen Vorderpol, eine kleine, nach innen gerichtete Vorwölbung. Man nennt sie Uncus, den Haken. Dieser Haken hat es in sich: An seiner dreischichtigen, allocorticalen Oberfläche endet die Riechbahn. Gleich unter diesen Riechrinden, ja sogar einen Teil der Riechrinden bildend, liegt die Amygdala, der Mandelkern. Die Amygdala gehört funktional zum limbischen System und ist für die affektive Einfärbung unseres Erlebens zuständig. Wobei es allerdings überwiegend die dunklen Farben sind – Furcht und Schrecken –, mit denen sie unsere Seelenräume ausmalt.
Amygdala
Amygdala/Corpus amygdaloideum/amygdala
Ein wichtiges Kerngebiet im Temporallappen, welches mit Emotionen in Verbindung gebracht wird: es bewertet den emotionalen Gehalt einer Situation und reagiert besonders auf Bedrohung. In diesem Zusammenhang wird sie auch durch Schmerzreize aktiviert und spielt eine wichtige Rolle in der emotionalen Bewertung sensorischer Reize. Darüber hinaus ist sie an der Verknüpfung von Emotionen mit Erinnerungen, der emotionalen Lernfähigkeit sowie an sozialem Verhalten beteiligt. Die Amygdala – zu Deutsch Mandelkern – wird zum limbischen System gezählt.
Erinnern und Vergessen
Auch für das Gedächtnis spielt der Temporallappen eine wichtige Rolle. Und erneut sind es allocorticale, also nicht typisch sechsschichtige Rindenfelder, die diesen Funktionen dienen – und auch sie rechnet man zum limbischen System. Die am weitesten innen gelegene, breite Windung des Temporallappens, die man in der Untersicht sehen kann, ist der Gyrus parahippocampalis In ihm liegt der entorhinale Cortex, der eine Art Schnittstelle zwischen eben jetzt gerade Erlebtem und dem System der Erinnerung darstellt. Gleich daneben und etwas darüber liegt die Hippocampusformation. Um sie zu Gesicht zu bekommen, müsste man den Temporallappen abschneiden und von innen beschauen. Im Zusammenspiel sind diese beiden – Hippocampusformation und entorhinaler Cortex – sowohl für das „Einlesen“ von neuen Gedächtnisinhalten als auch für den Abruf bereits vorhandener Erinnerungen zuständig.
Erinnerungen sind nicht auf Wissen und Biographie begrenzt. Sie ermöglichen uns vielmehr die Orientierung im Alltag. Wichtige Schnittstellen zwischen visuellem System und Gedächtnis bilden hier die Isocortices auf der hinteren Unterfläche des Temporallappens. So hat man im spindelförmigen Gyrus fusiformis Zentren gefunden, die mit der (Wieder-)Erkennung von Gesichtern zu tun haben.
Obwohl wir viel über den Temporallappen wissen, noch weitgehend unklar, was sich in den übrigen isocorticalen Regionen, vor allem aber ganz vorne, an seinem stumpfen Vorderpol, abspielt.
Gedächtnis
Gedächtnis/-/memory
Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.
Temporallappen
Temporallappen/Lobus temporalis/temporal lobe
Der Temporallappen ist einer der vier Großhirnlappen und ist lateral (seitlich) unten gelegen. Er enthält wichtige Areale wie den auditiven Cortex und Teile des Wernicke-Zentrums sowie Areale für höhere visuelle Verarbeitung; in seiner Tiefe liegt der mediale Temporallappen mit Strukturen wie dem Hippocampus.
Gyrus parahippocampalis
Gyrus parahippocampalis/-/parahippocampal cortex
Der Gyrus parahippocampalis verläuft im unteren, inneren Temporallappen entlang des Hippocampus. Sein anteriorer Teil wird vom entorhinalen Cortex überzogen. Er ist mit zahlreichen Arealen der Großhirnrinde verbunden und projiziert seinerseits an den Hippocampus, als dessen Tor er auch gilt. Damit ist er unter anderem an der Verfestigung von expliziten Gedächtnisinhalten beteiligt. Darüber hinaus enthält der posterior gelegene Teil des Gyrus parahippocampalis das sogenannte parahippocampale Areal (Parahippocampal Place Area, PPA), das besonders auf komplexe visuelle Szenen wie Räume, Landschaften oder Straßen reagiert und damit eine wichtige Rolle bei der räumlichen Orientierung und Ortserkennung spielt.
Cortex
Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex
Cortex bezeichnet eine Ansammlung von Neuronen, typischerweise in Form einer dünnen Oberfläche. Meist ist allerdings der Cortex cerebri gemeint, die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.
Gyrus fusiformis
Gyrus fusiformis/Gyrus fusiformis/fusiforme gyrus
Der Gyrus fusiformis liegt im inferioren, also inneren Temporallappen und spielt eine wichtige Rolle bei der Erkennung von Objekten. Im rechten Gyrus fusiformis wird die Gesichtserkennung vermutet, weshalb diese Struktur auch als fusiformes Gesichtsareal bezeichnet wird.
Erstveröffentlichung am 5. September 2011
Letztes Update am 28. November 2025