Fremde Wesen im Kopf

Grafik: MW

Viren, Bakterien, Pilze, Einzeller und Würmer: Schaffen sie es in den Kopf, richten sie dort eine Menge Unheil an. Während manche Eindringlinge subtil die Persönlichkeit verändern, lösen andere gleich das ganze Gehirn auf.

Scientific support: Prof. Dr. Petra Wahle

Published: 02.05.2023

Difficulty: easy

Das Wichtigste in Kürze
  • Fremde Mächte im Gehirn gibt es nicht nur in Gruselgeschichten, sondern auch in der Natur. Viele Mikroorganismen und Parasiten können das Nervensystem beeinflussen, damit ihre Wirte sich so verhalten, wie es den Eindringlingen nützt.
  • Besonders schauerliche Beispiele liefert das Insektenreich. Würmer lassen ihre Wirtsinsekten in den Tod stürzen; Pilze und Egel bringen Ameisen dazu, sich an Grashalmspitzen festzubeißen; und Wespenlarven übernehmen die Kontrolle über Raupen.
  • Zahlreiche Erreger können beim Menschen Hirnentzündungen auslösen. Bandwurmlarven können sich im Gehirn verkapseln und es gibt sogar eine hirnfressende Amöbe.
  • Mitunter wird auch das Verhalten beeinflusst; etwa durch das Tollwutvirus, welches seine Opfer durch Eingriffe in die Hirnchemie in Angst und Schrecken versetzt. 
  • Subtiler und gleichzeitig besonders erfolgreich geht der Einzeller Toxoplasma gondii vor. Da er sich nur in Katzen als Endwirt geschlechtlich fortpflanzen kann, bringt er seine vielfältigen Zwischenwirte dazu, sich furchtloser zu verhalten, was dazu führt, dass sie leichter gefressen werden.
  • Auch Menschen infizieren sich mit T. gondii, in Deutschland sogar jeder zweite. Außer Ungeborenen und Personen mit geschwächtem Immunsystem, die schwere Schäden davontragen können, merkt kaum jemand etwas davon.
Alzheimer durch Zahnfleischentzündung?

Schon mehrfach wurde das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, mit Infektionen durch Viren oder Bakterien in Verbindung gebracht. Einige Forscher haben das Bakterium Porphyromonas gingivalis in Verdacht, das chronische Zahnfleischentzündungen auslösen kann. Mehrere  Studien  lieferten Belege dafür, dass es ins Gehirn eindringen kann und dort mit Nervengiften Schaden anrichtet. Es beeinflusst gleich zwei Proteine, die an der Demenzerkrankung beteiligt sind: Das Tau-Protein wird offenbar unter dem Einfluss von Bakteriengiften zersetzt, und bestimmte Protein-Bruchstücke, die Beta-Amyloide werden in Varianten umgewandelt, die sich leichter im Gehirn ablagern und dadurch Nervenzellen zerstören können. 

Der Mensch neigt zur Besessenheit, keine Frage. Unsere Fähigkeit, über die Grenzen der eigenen Existenz hinauszudenken, lädt seit eh und je zu Mutmaßungen ein, dass es noch andere geistige Mächte geben könnte. Und die Idee, dass allerlei Götter und Dämonen sogar direkt ins menschliche Gehirn eindringen, bietet Stoff für Gruselgeschichten und diente in vorwissenschaftlichen Zeiten als plausible Erklärung für psychisch auffälliges Verhalten.

Doch ganz in das Reich der religiösen Überzeugungen oder Hirngespinste lässt sich die Sorge um fremde Kräfte im Oberstübchen nicht verbannen. So liefert die Biologie eine ganze Reihe handfester Indizien für Besessenheit, die realer kaum sein könnte. So lassen sich an sich wasserscheue  Gottesanbeterinnen von Saitenwürmern dazu treiben, ins Wasser zu springen , damit die Parasiten dort ihren Lebenszyklus vervollständigen können. Dazu scheidet der Wurm im Inneren des Insekts kurzerhand Eiweißstoffe aus, die visuelle Schaltkreise im Wirtsgehirn verändern. Fortan fühlt sich die Gottesanbeterin offenbar magisch von der besonderen Lichtqualität angezogen, die entsteht, wenn die Sonne von Wasseroberflächen reflektiert wird. Aus der Gottesanbeterin wird eine Wasseranbeterin, die sich unverzagt in den eigenen Tod stürzt – und so den Saitenwurm in seine nasse Hochzeitsstube geleitet.

Die Liste derartiger Gruselgeschichten ist lang: Da gibt es  Pilze, die Ameisen mithilfe chemischer Signale dazu bringen, Grashalmspitzen zu erklettern und sich dort festzubeißen , damit der Wind die Sporen der Pilze verbreiten kann.  Leberegel wenden den gleichen Trick an , um befallene Ameisen näher an grasende Schafe zu führen, in deren Gallengängen sie die nächste Phase ihres Lebenszyklus verbringen.  Wespenlarven, die in Raupen heranwachsen, lassen ihren Wirt am Ende seines Lebens eine Art Teufelstanz aufführen , um ihre sich verpuppenden Geschwister während der Metamorphose vor Fressfeinden zu beschützen. Und  Wurzelkrebse, die Krabben kuckucksähnlich ihre Eier unterjubeln , vermögen sogar Krabbenmännchen so umzupolen, dass diese sich wie Weibchen verhalten und sich der Brutpflege ihrer Parasiten widmen. 

Auch Menschen sind nicht gefeit vor Eindringlingen. Die meisten von uns tragen tausende winziger Milben im Gesicht, die sich unbemerkt vom Hauttalg ernähren. Würmer, Einzeller, Bakterien und Viren besiedeln unsere Körper. Viele schaden uns, indem sie Krankheiten auslösen, Nährstoffe stehlen oder Gewebe zerstören. Andere hingegen helfen unserem Wohlbefinden oder halten Schädlinge in Schach. So ist der richtige Mix an Darmbakterien nicht nur wichtig für eine gut funktionierende Verdauung und ein leistungsfähiges Immunsystem, sondern kann  auch positiv auf das Gehirn wirken . Manche Bakterien produzieren oder verstoffwechseln nämlich Neurotransmitter und tragen so dazu bei, Depressionen und Ängste zu vermeiden oder zu mildern ▸ Darm ganz ohne Charme

Invasion im Oberstübchen

Richtig gruselig wird es jedoch, wenn sich fremde Wesen den Weg direkt in unser Gehirn bahnen. Der in verunreinigtem Süßwasser lebende, amöbenartige Einzeller  Naegleria fowleri  befällt, wenn auch sehr selten, die menschliche Nasenschleimhaut und wandert von dort aus entlang des Riechnervs ins Gehirn. Dort teilt er sich und zerfrisst buchstäblich das Gehirn. Die Opfer bekommen erst Kopfschmerzen, dann Halluzinationen. Trotz Anwendung eines ganzen Cocktails von Antibiotika und anderen Medikamenten endeten in den USA 150 von 154 bekannten Fällen tödlich. 

Viel kleiner als die Amöben, aber nicht minder fatal, sind die Viren, die Tollwut auslösen. Sie reisen über Wunden durch das Blut ins Gehirn und infizieren dort mit Vorliebe Nervenzellen im Hippocampus, dem Hypothalamus und der Amygdala – alles Regionen, die für das emotionale Erleben wichtig sind.  Das Virus verändert die Funktion der infizierten Zellen , was dazu führt, dass Betroffene starke Angst empfinden, Wutanfälle bekommen, schreien, schlagen oder beißen. Da das Virus vor allem über Bisse in seinen nächsten Wirt gelangt, erhöht es so seine Übertragungschancen. Weltweit sterben jährlich etwa 50.000 Menschen an einer Tollwutinfektion. Es gibt aber einen Impfstoff und in Europa ist das Virus selten.

Eine Hirninvasion mit Verhaltensänderungen gelingt auch Trypanosomen, den Erregen der Schlafkrankheit. Und selbst die Larven von Schweinebandwürmern und ähnlichen Parasiten schaffen es hin und wieder ins menschliche Gehirn, verkapseln sich dort und schädigen das umliegende Gewebe. Eine ganze Reihe weiterer Mikroorganismen, Viren wie „Corona“ ▸ Long Covid, und sogar abnormal gefaltete Eiweißpartikel können zudem Hirnentzündungen auslösen, die mit neurologischen Symptomen und Verhaltensänderungen einhergehen ▸ Prionen: Eiweiße, die wahnsinnig machen. Inzwischen wachsen zudem die Hinweise, dass Infektionen eine Rolle in neurodegenerativen Prozessen wie  Alzheimer - oder  Parkinson -Erkrankungen spielen könnten (siehe Kasten).   

Aus dem Gruselkabinett der Eindringlinge, die sich in unserem Gehirn einnisten können, sticht einer durch seinen großen Erfolg hervor: der Einzeller Toxoplasma gondii: Er verändert das Verhalten seines Zwischenwirts und kann beim Menschen, wenn es dumm läuft, sogar schizophrenieähnliche Symptome hervorrufen oder „Rage Disorder“.

Waghalsig wider Willen

Die halbmondförmigen Winzlinge sind nur rund fünf Mikrometer klein und mögen Katzen jeglicher Art. Nur in Vertretern dieser Raubtierfamilie können sie sich geschlechtlich fortpflanzen. Wenn ihre Eier dann über Katzenkot in die Umwelt gelangen, schlüpft und gedeiht Toxoplasma in einer Fülle von Zwischenwirten. In deren Zellen vermehren die Einzeller sich zunächst rasant asexuell durch Zellteilung und bilden später vor allem in den Muskeln und im Gehirn Zysten, in denen sie jahrelang überdauern können. 

Auch unter Menschen ist Toxoplasma  in Deutschland weit verbreitet . Jeder zweite trägt im Schnitt die Parasiten in sich; bei den über 70-jährigen sind es sogar knapp 80 Prozent. Die gegenüber anderen Ländern hohe Durchseuchung hierzulande liegt neben der Katzenliebe der Deutschen vermutlich an ihrer Schwäche für rohes Hackfleisch in Gerichten wie Mettbrötchen und Hackepeter, das lebende Toxo-Zysten enthält. Die meisten Menschen bemerken eine Infektion gar nicht oder leiden nur kurz an Erkältungssymptomen. Personen mit geschwächtem Immunsystem oder Ungeborenen, die sich im Mutterleib anstecken, drohen schwerere Schäden. 

Was aber treibt Toxoplasma in unserem Gehirn? Hierzu gibt es beunruhigende Daten aus der Tierwelt. Zurück in seinen Endwirt schafft Toxoplasma es nämlich nur, wenn die Katze den Zwischenwirt frisst, und da hilft der Parasit gerne ein wenig nach.  Infizierte Nager verlieren beispielsweise ihre Furcht vor dem Duft von Katzenurin  und halten sich folglich nicht mehr so konsequent von ihren Räubern fern.  Sie fühlen sich sogar sexuell angezogen von dem Geruch  oder werden auch insgesamt  furchtloser, impulsiver, und risikobereiter . Eine derartige „Heldenmaus“ bekommt über kurz oder lang ein ernsthaftes Katzenproblem! Anderen Zwischenwirten ergeht es ähnlich.  Infizierte Hyänenbabys verhalten sich so vorwitzig , dass sie im Vergleich zu nicht-infizierten Artgenossen häufiger von Löwen gefressen werden. Und auch Schimpansen, deren einziger Fressfeind Leoparden sind, entwickeln nach einer Toxo-Infektion eine Vorliebe für den Duft des Urins der gefleckten Großkatzen – und werden dadurch zu leichter Beute.

Dramatischer Effekt – aber begrenztes Risiko

Trotz all dieser Hinweise ist umstritten, ob man als mettessende, katzenbegeisterte Person wirklich Angst vor den Parasiten haben muss. Dies könnte wie bei vielen anderen Infektionen und Erkrankungen auch davon abhängen, wie spezifische Varianten des Erregers mit der genetischen Ausstattung und dem Immunsystem seines jeweiligen Wirts zusammenwirken. Dass in Deutschland nicht jeder zweite Mensch psychisch auffällig ist, deutet darauf hin,  dass die Effekte im Mittel eher klein sind . Die Wahrscheinlichkeit, eine Schizophrenie zu entwickeln, erhöht sich durch eine Toxoplasma-Infektion beispielsweise nach aktuellen Schätzungen um das Zweieinhalbfache. Da die Erkrankung aber sehr selten ist, bleibt auch das absolute Risiko sehr gering. 

Wer die Toxoplasmen trotzdem unheimlich findet, sollte am ehesten auf den Verzehr von rohem Fleisch verzichten. Seine Katzen abschaffen muss man hingegen nicht, denn infektiöse Eier scheiden diese nur während der akuten Infektionsphase aus, die meist im jungen Alter stattfindet, und das nur bei Freigängern, die draußen jagen. Definitiv nicht von der Hand weisen lässt sich allerdings der große Schaden, den Toxoplasma bei Ungeborenen anrichten kann. Schwangere sollten sich daher, sofern sie noch nicht zur infizierten Hälfte der Bevölkerung gehören, tunlichst vor einer Neuansteckung hüten und die Reinigung des Katzenklos lieber anderen Menschen im Haushalt überlassen. Am besten eignen sich dafür bereits infizierte männlicher Mitbewohner, denn diese finden zumindest laut Jaroslav Flegr den Geruch des Katzenurins tatsächlich als anziehend.

Dramatischer Effekt – aber begrenztes Risiko

Trotz all dieser Hinweise ist umstritten, ob man als mettessende, katzenbegeisterte Person wirklich Angst vor den Parasiten haben muss. Dies könnte wie bei vielen anderen Infektionen und Erkrankungen auch davon abhängen, wie spezifische Varianten des Erregers mit der genetischen Ausstattung und dem Immunsystem seines jeweiligen Wirts zusammenwirken. Dass in Deutschland nicht jeder zweite Mensch psychisch auffällig ist, deutet darauf hin,  dass die Effekte im Mittel eher klein sind . Die Wahrscheinlichkeit, eine Schizophrenie zu entwickeln, erhöht sich durch eine Toxoplasma-Infektion beispielsweise nach aktuellen Schätzungen um das Zweieinhalbfache. Da die Erkrankung aber sehr selten ist, bleibt auch das absolute Risiko sehr gering. 

Wer die Toxoplasmen trotzdem unheimlich findet, sollte am ehesten auf den Verzehr von rohem Fleisch verzichten. Seine Katzen abschaffen muss man hingegen nicht, denn infektiöse Eier scheiden diese nur während der akuten Infektionsphase aus, die meist im jungen Alter stattfindet, und das nur bei Freigängern, die draußen jagen. Definitiv nicht von der Hand weisen lässt sich allerdings der große Schaden, den Toxoplasma bei Ungeborenen anrichten kann. Schwangere sollten sich daher, sofern sie noch nicht zur infizierten Hälfte der Bevölkerung gehören, tunlichst vor einer Neuansteckung hüten und die Reinigung des Katzenklos lieber anderen Menschen im Haushalt überlassen. Am besten eignen sich dafür bereits infizierte männlicher Mitbewohner, denn diese finden zumindest laut Jaroslav Flegr den Geruch des Katzenurins tatsächlich als anziehend.

Zum Weiterlesen

  • Libersat F, Kaiser M, Emanuel S. Mind Control: How Parasites Manipulate Cognitive Functions in Their Insect Hosts. Front Psychol. 2018;9:572. ( zum Volltext ) URL: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00572
  • Tong WH, Pavey C, O'Handley R, Vyas A. Behavioral biology of Toxoplasma gondii infection. Parasit Vectors. 2021;14(1):77.  ( zum Volltext ) URL:  https://doi.org/10.1186/s13071-020-04528-x
  • Underwood, E. (2019):  Reality check: Can cat poop cause mental illness?  Science Magazine. ( zum Volltext ) URL: https://www.science.org/content/article/reality-check-can-cat-poop-cause-mental-illness

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