Frage an das Gehirn

Wie weit reicht die Erinnerung zurück?

Fragesteller/in: A.S. aus Hannover

Veröffentlicht: 22.06.2026

Kann man sich an Dinge erinnern, die einem als Baby passiert sind?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Markus Werkle-Bergner, Entwicklungspsychologe und Senior Research Scientist am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin:  Die Antwort auf diese Frage lautet eher Nein. Denn die Erinnerungen sind zwar gespeichert, wir können aber kaum auf sie zugreifen. Die sogenannte infantile Amnesie ist ein bekanntes Phänomen: Wir können uns an Ereignisse und Dinge der ersten ein bis drei Jahre unseres Lebens nicht erinnern, wenn wir im Erwachsenenalter danach gefragt werden. Das heißt jedoch nicht, dass im Baby- und Kleinkindalter keine Erinnerungen gespeichert werden. In diesem Alter entwickeln sich Sprache, Denken und Orientierung – das sind einschneidende Veränderungen, die mit Erinnerungen einhergehen. Sonst wäre Lernen nicht möglich. Dazu, dass Kinder Gedächtnisspuren (sogenannte Engramme) anlegen können, gibt es mittlerweile auch starke wissenschaftliche Evidenz aus Tierstudien.

Spannend ist also vor allem die Frage: Warum können wir die frühen Erinnerungen nicht abrufen? Dazu gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Eine Theorie ist, dass die sprachliche Entwicklung ausschlaggebend ist, weil das Denken bei den meisten Menschen in sprachlicher Form stattfindet. Es wird angenommen, dass wir uns an frühe Ereignisse unseres Lebens nicht erinnern können, weil sie vor dem Spracherwerb stattfanden. Dieser Ansatz wird jedoch in Frage gestellt durch die Erkenntnis, dass die infantile Amnesie auch bei verschiedenen Tieren auftritt, etwa bei Mäusen und Ratten.

Eine weiterer Erklärungsansatz ist, dass wir Erinnerungen im Erwachsenenalter anders abrufen, weil sich das Gehirn im Vergleich zur frühen Kindheit stark verändert. Erinnerungen auf dem selben Weg abzurufen wie als kleines Kind, könnte dadurch nicht mehr möglich sein. Auch der Einfluss von in der frühen Kindheit erworbenen räumlichen Fähigkeiten wird erforscht. In dieser Zeit ändert sich die Körperhaltung vom Liegen zum aufrechten Stehen und die Fortbewegungsart von Robben zu Krabbeln – so entwickeln sich neue Möglichkeiten, die Welt zu entdecken. In diesem Zuge entsteht die Fähigkeit, im Raum zu navigieren. Sogenannte Ortszellen im Gehirn entwickeln eine Art neuronales Navigationssystem. Es gibt Studien mit Menschen, denen zufolge diese mentalen Landkartensysteme auch genutzt werden, um abstraktere Inhalte abzulegen – etwa Erinnerungen. So entsteht möglicherweise mit dem Heranwachsen ein neuer Weg, Erinnerungen zu sortieren, was dazu führen könnte, dass wir auf Erinnerungen, die außerhalb dieses Systems abgelegt wurden, nicht mehr zugreifen können.

Die Erinnerung an die Babyjahre erschweren kann zudem die Tatsache, dass neuere Erinnerungen mit älteren in Konkurrenz stehen. Erinnerungen sind im Laufe des Lebens generell ähnlich, weil wir meist viele Jahre unseres Lebens in der gleichen Umgebung verbringen. Die Umgebung selbst ist dann beispielsweise kein Abrufreiz mehr für Erinnerungen. Damit wir uns gut an sie erinnern, müssen Ereignisse für uns besonders wichtig, einzigartig und emotional aufgeladen sein. Ereignisse, die aus der Masse an Erinnerungen herausstechen, sind also besser abrufbar.

Fotos und Bilder aus der Kindheit sind starke Hinweisreize und können es oft möglich machen, schwer zu erreichende Erinnerungen abrufbar zu machen. Andererseits werden Erinnerungen durch das wiederholte Ansehen von Bildern auch mit neuen Situationen gekoppelt. Die Frage ist: Inwieweit ist es die Erinnerung, die man selbst erlebt hat, und inwieweit wurde sie durch neue Erinnerungen verändert? Mit jedem Erinnern besteht die Möglichkeit, dass wir Erinnerungen anpassen und verändern.

Bei wissenschaftlichen Befragungen ist es aufgrund der beschriebenen Phänomene sehr schwierig zu sagen, ob es sich um eine autobiografische Erinnerung handelt, die tatsächlich im Sinne einer First-Person-Perspektive erlebt wurde, oder um eine konstruierte Erinnerung. An dieser Stelle fehlt mehr systematische Forschung, die Erinnerungen in frühester Kindheit selbst erzeugt. Nur so können Forschende genau wissen, was tatsächlich passiert ist und dies mit der Erinnerung der Befragten abgleichen. Diese Art der Forschung ist jedoch sehr teuer und arbeitsintensiv. Dennoch ist sie der einzige Weg, um dem Rätsel der Erinnerungen aus der frühen Kindheit wirklich auf die Spur zu kommen.

Aufgezeichnet von Natalie Steinmann

Erstveröffentlichung der Frage am 19.03.2017
Frage neu beantwortet am 19.07.2026

 

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