Frage an das Gehirn

Können Neurowissenschaftler Gedanken lesen?

Fragesteller/in: Hermann B. aus Bochum

Veröffentlicht: 24.05.2026

Forschende können Gehirnaktivitäten immer genauer entschlüsseln. Aber verstehen sie auch den Inhalt, also unsere Gedanken?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Prof. Dr. John-Dylan Haynes, Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging (BCAN) und Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience (BCCN) der Berliner Charité:  Wenn man den Begriff „Gedankenlesen“ alltagssprachlich verwendet, versteht man darunter oft, dass man eine Person anschaut und durch eine geradezu magische Intuition dazu in der Lage ist, zu sehen, was diese Person denkt oder fühlt. Wir können tatsächlich aufgrund von Körpersprache, Mimik, Gestik, und Prosodie, also der Art, wie die Person spricht, zu einem gewissen Teil die Gefühlszustände von anderen Menschen einschätzen. Aber die Körperoberfläche verrät uns die Gedankenwelt nur sehr grob, etwa was jemand fühlt oder ob jemand wach ist. Wir sind also im Alltag darauf angewiesen, dass Menschen uns verraten, was in ihrer Gedankenwelt vor sich geht.

Nun hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass zwischen unseren Gedanken und unserer Hirnaktivität ein sehr enger Zusammenhang besteht. Das wirft die Frage auf, ob man mit Hilfe von technischen Messungen der Hirnaktivität in Erfahrung bringen kann, was eine Person gerade denkt. Vorweg sollte man kurz erklären, was man in diesem Forschungsgebiet unter Gedanken versteht, denn es geht dabei nicht nur um satzartige, sprachliche Gedanken („ich muss gleich noch einkaufen“). Gemeint sind auch Sinnesempfindungen und Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gefühle, Handlungspläne und vieles mehr. Gedanken umfassen also das gesamte Spektrum dessen, was man erleben kann. Prinzipiell sind auch alle diese Gedankenarten für Hirnforscher zugänglich.

Können wir also die Gedanken einer Person aufgrund einer Vermessung der Hirnaktivität in Erfahrung bringen? Die Antwort lautet „Jein“. Gedankenlesen im engeren Sinne würde bedeuten, dass die Hirnaktivität gelesen wird wie Buchstaben in einem Buch. Dies würde jedoch erfordern, dass man die Systematik der Aktivitätssprache des Gehirns verstanden hat, nämlich zum einen die Syntax, die Formen der Sprache, aber auch die Bedeutung der einzelnen sprachlichen Symbole, also die Semantik. An diesem Punkt ist man in der Hirnforschung noch lange nicht angekommen.

In dem Forschungsgebiet des sogenannten „Brain Reading“ geht man jedoch anders vor. Die Aktivitätsmuster des Gehirns werden nicht gelesen, sondern wie ein unverständlicher Code mit mathematischen Verfahren geknackt. Ähnlich wie beim Code der Enigma, der deutschen Verschlüsselungsmaschine aus dem Zweiten Weltkrieg, die man mit statistischen Verfahren dechiffriert hat. So ähnlich versucht man mit mathematischen und statistischen Verfahren aus der Hirnaktivität in Erfahrung zu bringen, was eine Person gerade denkt. Beim Brain Reading werden also die Hirnmuster nicht im engeren Sinne gelesen, sondern durch Codeknacken und Dechiffrieren werden die Gedanken entschlüsselt. Gerade durch die Möglichkeiten des Maschinellen Lernens und der Künstlichen Intelligenz ist man hier in den letzten Jahren sehr weit vorangekommen.

Dabei kann man sich derzeit den Gedanken immer nur zu einem bestimmten Grad annähern. Es gibt also heute noch keine perfekte Rekonstruktion. Außerdem muss man vorher gelernt haben, wie sich bestimmte Gedanken in individuellen Aktivitätsmustern im Gehirn einer bestimmten Person widerspiegeln. Man muss also zunächst ein individuelles Modell vermessen, wie Gedanken in einem individuellen Gehirn codiert sind. Dabei gilt: Extrem anschauliche Gedanken, wie zum Beispiel Bilder, Töne und Gefühle, lassen sich relativ gut dekodieren. Auch sehr grobe Kategorien lassen sich leicht erkennen. Aber für das Decodieren feiner Details der Gedanken ist die Auflösungskraft der heutigen MRT-Maschinen nicht ausreichend.

Ein Punkt macht die Arbeit besonders schwer: Die Aktivitätsmuster zu einem bestimmten Gedanken sind von Person zu Person verschieden. Zum einen sind individuelle Gehirne anatomisch unterschiedlich. Zum anderen sind auch die Lernerfahrungen und Assoziationen, die jede Person hat, verschieden. Mein Lieblingsbeispiel: Eine Person, die als Kind einen Hund hatte, der ein treuer Freund war, hat ein anderes Assoziationsfeld zu Hunden als eine andere Person, die als Kind von einem Hund gebissen wurde. Die unterschiedlichen Assoziationen spiegeln sich in den Aktivitätsmustern wider. Deswegen muss man beim Brain Reading die Analyse auf das individuelle Gehirn zuschneiden. Dazu gibt es verschiedene Wege. So kann man den mühsamen Weg gehen und für jede Person separat lernen, in welchen Aktivitätsmustern sich die Gedanken widerspiegeln. Oder man benutzt einen Trick:  Man lernt die Muster von einem Gehirn ins andere zu transformieren. Dazu würde man nur eine schnelle Kalibrierungsmessung benötigen, das wird aber immer noch aktuell beforscht.

Wichtig ist auch, sich diesem Thema aus ethischer Sicht zu nähern: Ist es überhaupt in Ordnung, auf dem Umweg über die Hirnaktivität etwas über die Gedanken einer Person in Erfahrung zu bringen? Denn damit könnte es möglich sein, die Gedanken einer Person zu decodieren, wenn sie gar nicht damit einverstanden ist oder nicht davon weiß. Man stößt hier auf ein ethisches Problem. Seit 16 Jahren veranstalten wir jedes Jahr in Berlin die Winter School Ethics of Neuroscience and AI, bei der wir intensiv mit Studierenden, Doktoranden, Postdocs und Forschenden über die ethischen Dimensionen des Brain Readings diskutieren. Dabei werden bestimmte Anwendungen, vor allem das sogenannte Neuromarketing, immer wieder skeptisch gesehen. Denn die meisten sind sich einig, dass es ethisch fragwürdig ist, mit Hilfe von Hirnscannern und KI-Verfahren Produkte so zu optimieren, dass sie einen unwiderstehlichen Kaufimpuls auslösen. Denn das würde einen dramatischen Eingriff in die Entscheidungsfreiheit darstellen.

Aufgezeichnet von Stefanie Flunkert

 

Erstveröffentlichung der Frage am 20.11.2011

Frage neu beantwortet am 21.06.2026

Themen

Lizenzbestimmungen

Keine Nutzungslizenz vergeben:
Nur anschauen erlaubt.