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Krankheit der tausend Gesichter

Über 200.000 Menschen leben in Deutschland mit Multipler Sklerose. Hier die Eckdaten, doch eines gleich vorab: Dank zahlreicher Therapieansätze können die meisten Patienten trotz Einschränkungen ein ausgefülltes Leben führen.

Grafik: MW

 

Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, hat sie, der Schlagersänger Howard Carpendale ebenso, und auch der Dichter Heinrich Heine hatte sie wahrscheinlich. Über 200.000 Menschen leben in Deutschland mit der Nervenkrankheit Multiple Sklerose. Fehlgeleitete Zellen des Immunsystems greifen das zentrale Nervensystem an und lösen so in Gehirn und Rückenmark Entzündungen aus, die zu einer Vielfalt von Symptomen und sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufen führen können. Deshalb wird die Multiple Sklerose auch die “Krankheit der 1000 Gesichter” genannt.

“Die typischen Erstsymptome sind Missempfindungen, Kribbeln und Taubheitsgefühle aber auch eine der Krankheit manchmal lange vorangehende Erschöpfbarkeit, die Betroffene sich nicht anders erklären können”, sagt Judith Haas, die Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Sehstörungen treten in 20 bis 30 Prozent der Fälle früh auf. Weitere schwerwiegendere Symptomen, die im Zusammenhang mit einer Multiplen Sklerose auftreten können, sind Koordinationsprobleme und Lähmungen. Auch Blasen-, Potenz- und Konzentrationsstörungen können auftreten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Fehlprogrammierte Teile des Immunsystems greifen Nervenzellen an und die Zellen, die die sie umgebende schützende Myelinschicht bilden, und verursachen so Entzündungen und Vernarbungen, die die Leitfähigkeit von Nerven beeinträchtigen.
  • Je nachdem, wo solche Entzündungsherde auftreten, kann es zu sehr unterschiedlichen Symptomen kommen. Sie reichen von Kribbeln und Taubheitsgefühlen und Erschöpfung über Seh-  und Blasenstörungen bis hin zu Koordinationsschwierigkeiten und Lähmungen.
  • Die Krankheit verläuft insbesondere in den ersten Jahren oft schubförmig. Während eines Schubs kommt es über einige Tage oder Wochen zu Symptomen, die danach wieder für lange Zeit ganz oder teilweise abklingen können. Später geht die Krankheit oft in eine stetig fortschreitende Form über; manche Patienten haben diese von Anfang an.
  • Besteht aufgrund von Symptomen ein Verdacht auf Multiple Sklerose, kann die Erkrankung mithilfe von neurologischen Untersuchungen, einem MRT und über den Nachweis bestimmter Entzündungsmarker in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit sicher diagnostiziert werden.
  • Multiple Sklerose ist bislang nicht heilbar. Es stehen jedoch viele Medikamente zur Verfügung, die einen akuten Entzündungsschub dämpfen, Symptome lindern und den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen können, und die einem Großteil der Patienten langfristig eine gute Lebensqualität ermöglichen. Ein gesunder Lebensstil kann sich ebenfalls positiv auswirken.
  • Zur Entstehung einer Multiplen Sklerose tragen neben genetischen Risikofaktoren vermutlich Umweltfaktoren bei, z. B. Vitamin-D-Mangel oder zu viel Nikotin oder Kochsalz. Auch Hormone spielen eine Rolle.
  • Die aktuelle Forschung sucht nach neuen Wirkstoffen, um das fehlgesteuerte Immunsystem zu beeinflussen oder zu dämpfen und Reparaturprozesse zu fördern. Langfristig könnten Fortschritte in der Stammzellforschung sogar die Aussicht auf eine Heilung bringen.

Die Symptome haben eine gemeinsame Ursache. Entzündungen im zentralen Nervensystem schädigen die Nervenzellen und die sie umgebende schützende Myelinschicht. Sie wird von den Fortsätzen anderer Zellen, den Oligodendrozyten, gebildet und sorgt dafür, dass elektrische Signale effizient übertragen werden. Je größer die Schäden sind, desto stärker wird die Weiterleitung von Signalen entlang von Nervenfasern beeinträchtigt.

Doch welche Störungen auftreten, hängt vom Ort der Entzündungsherde im Nervensystem ab. Längst nicht jeder Patient hat im Verlauf der Erkrankung mit allen Symptomen zu kämpfen. Viele Beschwerden treten zudem gerade anfangs nur vorübergehend oder unter körperlicher Belastung auf, und häufig erstmals im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, wenn die meisten Patienten ansonsten noch körperlich fit sind. Bis zur Diagnose verstreichen daher im Schnitt derzeit drei Jahre, weil Ärzte und Patienten gerade bei wenig eindeutigen Frühsymptomen oft nicht an Multiple Sklerose denken.

Erhärtet sich der Verdacht dann doch, kann eine Kombination aus Untersuchungsverfahren gemeinsam mit der ausführlichen Erfassung der bisherigen Krankheitsgeschichte schnell Klarheit bringen. Dazu gehören neben neurologischen Tests unter anderem von Augen, Reflexen und Koordination sowie einer elektrophysiologischen Untersuchung der Leitfähigkeit von Nervenfasern vor allem eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns und des Rückenmarks sowie die Entnahme von Nervenwasser (Lumbalpunktion). Das MRT macht die für eine Multiple Sklerose typischen Entzündungsherde und vernarbten Gewebebereiche sichtbar. In der bei der Lumbalpunktion entnommenen Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) finden sich bei fast allen Betroffenen bestimmte Entzündungsmarker.

Judith Haas findet drei Jahre bis zur Gewissheit eindeutig zu lang. Sie beurteilt es positiv, dass inzwischen viele Patienten nach Internetrecherchen selbst Verdacht schöpfen und auf eine frühe Diagnostik drängen: “Es ist ganz wichtig, unmittelbar nach dem ersten Schub eine Therapie zu beginnen. Alle Studien zeigen, dass man einen verpassten frühen Therapiestart später nicht mehr einholt.” Multiple Sklerose gilt zwar bislang als nicht heilbar, doch mit der richtigen Therapiekombination lassen sich Krankheitsverlauf und Lebensqualität entscheidend beeinflussen.

Die Therapie umfasst drei Säulen: die Milderung akuter Entzündungsschübe (Schubtherapie); Eingriffe in das Immunsystem um neuen Schüben vorzubeugen (verlaufsmodifizierende Therapie); und die direkte Behandlung der jeweiligen Symptome (symptomatische Therapie). Gerade in den ersten Jahren verläuft die Erkrankung bei den meisten Patienten schubförmig, bevor sie später in eine stetig fortschreitende Form übergeht. In einigen Fällen (10 bis 15 Prozent) verläuft die Erkrankung ohne Schübe chronisch fortschreitend. Bei einem Schub treten Symptome über wenige Tage oder Wochen hinweg auf und bilden sich dann für längere Zeit wieder ganz oder teilweise zurück. In so einer akuten Phase können entzündungshemmende Medikamente wie Kortikoide oder in schweren Fällen auch eine Plasmapherese, eine Art der „Blutwäsche“, den Angriff der eigenen Immunzellen auf das Nervensystem bremsen. Die langfristige Behandlung mit verlaufsmodifizierenden Wirkstoffen zielt hingegen darauf ab, die Häufigkeit und Schwere künftiger Schübe zu mindern oder bei der stetig fortschreitenden Krankheitsform die Verschlimmerung zu verlangsamen. Dazu wird die aus dem Gleichgewicht geratene Immunantwort der Patienten je nach Krankheitsbild und Medikament entweder umprogrammiert (Immunmodulation) oder unterdrückt (Immunsuppression).

Auch der Lebensstil kann vermutlich den Krankheitsverlauf beeinflussen – und womöglich auch, ob die Krankheit überhaupt ausbricht. Rauchen, Alkoholkonsum, viel Kochsalz in der Nahrung, übertriebene Keimfreiheit in der Kindheit und Vitamin-D-Mangel beispielsweise erhöhen manchen Studien zufolge das Erkrankungsrisiko. Letzteres könnte auch erklären, warum Multiple Sklerose in Äquatornähe seltener auftritt. Dort wird nämlich die körpereigene Vitamin-D-Produktion dank reichlich Sonnenschein erhöht. „Da das Erkrankungsrisiko außerdem genetisch beeinflusst wird, empfehlen wir den Kindern von Multiple-Sklerose-Patienten unbedingt eine Nahrungsergänzung mit Vitamin D“, sagt Haas. Wer bereits erkrankt ist, kann mit gesunder Ernährung, geeigneten Sport- und Rehamaßnahmen sowie Entspannungstechniken zumindest bestimmte Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern.

Hormone spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Weibliche Geschlechtshormone, insbesondere Östrogen, stärken das Immunsystem und erhöhen so einerseits das Risiko, eine Autoimmunerkrankung überhaupt zu entwickeln. Sie sorgen jedoch andererseits auch für bessere Reparaturprozesse im Körper. Das erklärt einerseits, warum etwa doppelt so viele Frauen wie Männer an Multipler Sklerose erkranken, andererseits aber auch, warum sie sich in der Regel auch besser von Schüben erholen. Dies gilt zumindest bis zur Menopause, wenn die Hormonproduktion abnimmt. In dieser Lebensphase geht die Krankheit daher auch häufig in eine stetig fortschreitende Form über.

Jungen Patientinnen empfiehlt Haas, die Pille zu nehmen, da diese für einen stabilen Östrogenspiegel sorgt – oder sich gleich einen eventuell vorhandenen Kinderwunsch zu erfüllen: „Schwangerschaft ist einer der besten Therapien gegen Multiple Sklerose überhaupt. Gerade im letzten Schwangerschaftsdrittel bleiben Schübe meist völlig aus.“, sagt sie. Allerdings muss in den ersten drei Monaten nach der Geburt wieder mit einem deutlichen Anstieg der Schubrate gerechnet werden.

Der Einfluss von Hormonen auf die Entstehung und den Verlauf von Multipler Sklerose ist auch ein aktueller Forschungsschwerpunkt, mit dem Ziel, begleitende Hormontherapien zu entwickeln. Andere Fragen, mit denen Wissenschaftler sich derzeit befassen, drehen sich um ein besseres Verständnis der Immunmechanismen und Entzündungsprozesse. Untersucht wird beispielsweise die Rolle der Darmflora oder wie aggressive Immunzellen sich im zentralen Nervensystem „verstecken“ können. Langfristig versprechen Wissenschaftler sich auch von Stammzelltherapieansätzen weitere Fortschritte – bis hin zu einer möglichen Heilung.

Bei aller Hoffnung auf künftige Durchbrüche gilt es zunächst, das aktuelle Therapiearsenal besser zu nutzen, findet Haas. „Wir haben in Deutschland das Problem, dass hochwirksame Therapien nicht in dem Maß eingesetzt werden, wie wir es aus anderen Ländern kennen.“ Verbesserungen erhofft sie sich von der jüngsten Änderung des Paragraphen 116b des Sozialgesetzbuches. Dies würde es ermöglichen, die in Kliniken verfügbare hochspezialisierte Versorgung, den Patienten auch außerhalb von Krankenhäusern zukommen zu lassen.

Mit dem Zugang zu einer Reihe verschiedener Therapieansätze haben Patienten heute zahlreiche Möglichkeiten, den vielfältigen Gesichtern ihrer Erkrankung zu begegnen und trotz Einschränkungen ein ausgefülltes Leben zu führen. Viele sind in ihrer Freiheit kaum eingeschränkt, die Krankheitsaktivität oft nicht messbar. Das betonte auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer kürzlich in einem Interview mit der Rhein-Zeitung: „Ich habe gedacht, dass das Leben, das ich bis dahin geführt hatte, zu Ende geht. Doch irgendwann habe ich es geschafft, den Schalter umzulegen: Ich habe beschlossen, mich nicht durch die Krankheit behindern zu lassen, sondern meine Träume und Pläne beizubehalten.“

3D-Gehirn
Infos zum Beitrag
Datum:
01.05.2017
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Heinz Wiendl
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Nur anschauen erlaubt.
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