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Der Nachwuchs – eine erste Bedienungsanleitung

Das Unboxing ist vorbei, das noch etwas zerknautschte und wackelige neue Wesen ausgepackt. Und nun? Unsere Quick-Start-Anleitung hat nur drei Punkte: Kuscheln, Trösten, Helfen lassen.

Grafik: MW


Schwanger? Frischgebackene Eltern? Wer nicht zuvor Geburt und Pflege von Säuglingen bereits in der eigenen Familie oder im Freundeskreis hautnah miterlebt hat, betritt nun Neuland: Wer ist dieses werdende Wesen, was kann, will und braucht es?

Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Antwort auf diese Fragen schrecklich einfach: „Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im Übrigen aber vollkommen in Ruhe gelassen. Am besten ist das Kind in einem anderen Zimmer untergebracht, in dem es dann auch allein bleibt.“ Dieser Rat stammt von der Lungenärztin und Hitler-Verehrerin Johanna Haarer, die 1934 einen Bestseller der Ratgeberliteratur verfasste: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ verkaufte sich auch nach dem Krieg – nur grob um Nazi-Begriffe bereinigt – blendend; bis 1987 gingen 1,2 Millionen Exemplare über den Ladentisch. Die Wirkung des Buches bis in die Generation der jetzigen jungen Eltern hinein ist nicht zu unterschätzen, findet die Historikerin Miriam Gebhardt: „Den potenziellen Eltern von heute sitzen die kruden Vorstellungen mindestens zweier Generationen in den Knochen“, schreibt sie zum Beispiel in der ZEIT

Das Wichtigste in Kürze

  • Satt, sauber, ausgeschlafen? Kinder brauchen etwas mehr als das.
  • Durch emotionale Ansprache von den Eltern bauen Babys eine sichere Bindung zu ihnen auf. Diese ist essenziell für eine gesunde geistige und körperliche Entwicklung.
  • Wichtig ist auch eine feinfühlige Reaktion auf die Bedürfnisse des Kindes.
  • Der schnellste und schönste Weg zu einer sicheren Bindung ist viel liebevoller Körperkontakt mit dem Kind von Anfang an.
  • Ein Baby einfach schreien zu lassen, ist  nie zu empfehlen. Ab dem zweiten Halbjahr und je älter das Kind wird, kann es langsam lernen, sich auch alleine zu beruhigen.
  • Die erste (Kennen-)Lernzeit mit dem neuen Nachwuchs kann trotz aller guten Vorsätze sehr anstrengen und schwierig sein. Junge Eltern sollten die ihnen zur Verfügung stehenden Hilfsmöglichkeiten kennen und annehmen.

Fabrikeinstellung – zur Grundausstattung des Säuglings

Das zerbrechlich wirkende, unbekannte Wesen, das neue Eltern direkt nach der Geburt in den Armen halten, kann auf den ersten Blick noch nicht viel. Der Kopf wackelt, der Blick wirkt noch verschwommen, das erste Lächeln ist noch einige Wochen entfernt. Doch neugeborene Säuglinge beherrschen bereits eine ganze Reihe Tricks Klein, aber oho!:

  • Greifreflex: Bei Druck auf die Handfläche oder Fußsohle greift das Baby zu oder krallt die Zehen. Dieser Reflex gilt als Überbleibsel aus der Zeit, als die Babys unserer Vorfahren sich, modernen Affenkindern vergleichbar, aktiv im Fell der Eltern festklammerten.
  • Such- und Saugreflexe: Das Baby dreht den Kopf auf der Suche nach einer Brustwarze hin und her. Berührt man seinen Mundwinkel, wendet es das Gesicht der Berührung zu. Hat es die Brustwarze oder ein vergleichbares Objekt wie einen Finger, Schnuller oder eine Nasenspitze gefunden, fängt das Baby an zu saugen.
  • Bewegungsreflexe: Ihr Ursprung und ihre Bedeutung sind oft nicht klar, aber auf bestimmte Reize reagieren Neugeborene mit erstaunlich komplexen Verhaltensweisen. Sie führen im Wasser Schwimmbewegungen aus, halten unter Wasser automatisch die Luft an, oder machen Gehbewegungen, wenn sie unter den Achseln gehalten werden und mit den Füßen den Boden berühren. Diese Reflexe erlöschen lange bevor ein Kind später richtig laufen oder schwimmen lernt.
  • Auch jenseits von Reflexen können Neugeborene oft mehr als man auf den ersten Blick vermuten mag: Sie erkennen zum Beispiel die Stimme und den Geruch der Mutter und können Gesichter und verschiedene Sprachen unterscheiden.

Haarer prägte das Bild eines Säuglings, der gerne „zum Zeitvertreib schreit“ und unnachgiebig auf den rechten Weg zu bringen ist: „Versagt auch der Schnuller, dann liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen oder auf dem Schoß zu halten [...]. Nach kurzer Zeit fordert es die Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr [...] – und der kleine aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“

Babys brauchen Nähe und Einfühlsamkeit

Inzwischen ist längst bekannt, dass Haarer und andere Befürworter emotionaler und körperlicher Distanz zum Kind gründlich danebenlagen. Das zeigte schon Haarers Zeitgenosse, der jüdische Psychoanalytiker und Entwicklungspsychologe René Spitz, der 1938 in die USA emigrierte. In einer berühmten Studie verglich Spitz Babys, die mit nur minimaler Interaktion von Erwachsenen in einem Waisenhaus aufwuchsen, mit Kindern von Gefängnisinsassinnen, die zumindest für mehrere Stunden am Tag von ihren Müttern betreut werden konnten. Trotz ansonsten vergleichbarer Umweltbedingungen litten die Waisenkinder deutlich häufiger an Entwicklungsverzögerungen, psychischen Problemen und schlechter Gesundheit. Spitz führte diese Defizite auf den Entzug fast jeglicher emotionaler Ansprache im Waisenhaus zurück.

Dass Kinder von Anfang an Nähe und Einfühlsamkeit der Eltern brauchen, gilt in der modernen Säuglings- und Kleinkindforschung längst als akzeptiert. In den 1950er bis 1980er Jahren erarbeiteten die Forscher John Bowlby und Mary Ainsworth an der Londoner Tavistock Clinic die dieser Erkenntnis zugrundeliegende Bindungstheorie. Kinder, die in den ersten Wochen, Monaten und Jahren ihres Lebens eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen entwickeln, fühlen sich bei ihnen geborgen und sind auf viele Jahre hinaus besser vor Stress und psychologischen Störungen geschützt.

„Eine gute Bindungsbeziehung entsteht, wenn die Eltern sensitiv auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen“, sagt die Entwicklungspsychologin Agnes von Wyl von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. „Entscheidend dafür ist das feinfühlige Verhalten der Eltern, also dass sie in der Lage sind, die Signale des Kindes ohne Verzögerung wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren und sie angemessen und innerhalb einer für das Kind noch tolerablen Zeit zu befriedigen.“

Ratschläge widersprechen sich oft

Leichter gesagt als getan? Gerade junge Eltern ohne Vorerfahrung fühlen sich schnell verunsichert. Schon während der Schwangerschaft prasseln Ratschläge von Familie, Hebamme, Ärzten oder Büchern auf sie ein – die oft genug im Konflikt miteinander stehen. Soll die Mutter Aufregung und Süßigkeiten vermeiden, um den Fetus vor Stresshormonen oder späteren schlechten Essgewohnheiten zu schützen Wie die Schwangere, so die Kinder? Stillt man das Baby spontan nach Intuition, nach einem festen Stundenplan oder gar nicht? Soll es im Elternbett schlafen, im eigenen Bettchen oder gar im eigenen Zimmer? Und vor allem: Woher soll man wissen, was das Weinen eines Neugeborenen jeweils bedeutet und was das Baby gerade jetzt nun braucht?

Die korrekten Antworten auf viele dieser Fragen findet man weder bei der Ratgeberexegese noch in wissenschaftlichen Studien, denn sie hängen vor allem von zwei Faktoren ab: den Vorlieben der Eltern und der Persönlichkeit des Kindes Woher hat sie das nur?. „Es kommt darauf an, dass man für das jeweilige Kind und die jeweilige Eltern-Kind-Beziehung die bestmögliche Lösung findet“, sagt von Wyl. Das sieht die Psychologin und Direktorin des bayrischen Instituts für Frühpädagogik, Fabienne Becker-Stoll genauso: „Feinfühliges Verhalten heißt, auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Manche brauchen zum Beispiel Routine, andere sind spontaner. Einige wollen so viel wie möglich getragen werden, anderen ist das häufiger mal zu eng.”

Schnellanleitung: Drei Tipps

Nichtsdestotrotz gibt es drei Tipps, die sich neue Eltern als Schnellanleitung für den neuen Nachwuchs zu Herzen nehmen können:

Erstens: Es ist unmöglich, einem jungen Baby mit zu viel Körperkontakt und Aufmerksamkeit zu schaden. Solange es Kind und Eltern guttut, gilt „viel hilft viel“. Das Menschenkind kommt wie die Babys anderer Primaten vergleichsweise unreif und hilfebedürftig auf die Welt Die Entwicklung eines Gehirns. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass auch das frühkindliche Gehirn besonders auf sensorische und emotionale Reize reagiert, die in körperlicher Nähe zu Bezugspersonen entstehen, und dass diese auch seine Reifung entscheidend beeinflussen Wie das Denken entsteht. „Nichts baut Stress so ab oder ist ein besseres Gehirntraining als liebevoller, feinfühliger Körperkontakt“, sagt Becker-Stoll.

Ein wichtiger Schlüssel zur Magie des Kuschelns ist das Hormon Oxytocin. Bei Mutter, Kind und Vater flutet das Gehirn den Körper mit Oxytocin, wann immer es zu Schmusekontakten kommt. Das Hormon spielt eine wichtige Rolle während der Geburt; es wird beim Stillen ausgeschüttet und wenn Kind und Eltern einander berühren, sich riechen, anblicken oder hören. Je höher die Oxytocinwerte, zeigen Studien, desto dauerhaft sicherer entwickeln sich die Bindung zwischen Eltern und Kind und die Feinfühligkeit im Umgang miteinander.

Weinen ist ein Notsignal

Zweitens: Zumindest junge Babys sollte man auf keinen Fall alleine schreien lassen. Für Neugeborene, die noch kaum Ausdrucks- oder Handlungsmöglichkeiten abseits der engen Interaktion mit den Eltern haben, ist anhaltendes und verzweifeltes Weinen ein Notsignal. Es kommt entweder zum Einsatz, wenn sie dauerhaft unangenehmen Empfindungen wie etwa Schmerz ausgesetzt sind oder wenn ihre Bedürfnisse nicht in einem für sie angemessenen Zeitraum befriedigt werden. Bereits vorher signalisieren Babys etwa, wenn sie hungrig sind: durch leiseres Schnorcheln, Grunzen oder Meckern. Für die Eltern lohnt es sich, bereits darauf zu reagieren, sagt von Wyl: „Studien zeigen, dass Säuglinge, die in den ersten drei Monaten immer gleich beruhigt werden, sich später besser regulieren können.“

Wird ein weinendes junges Baby hingegen von seinen Eltern ignoriert, kann es zu erhöhten Ausschüttungen von Stresshormonen wie Cortisol kommen. Becker-Stoll warnt daher vor Schlaftrainings, bei denen man das Baby alleine schreien lässt: „Jedes Kind hört irgendwann auf zu schreien, aber Stresshormone überschwemmen trotzdem das Gehirn und hemmen den Stressabbau nachhaltig. Kinder, die aufhören zu weinen, weil sie wissen, dass es nichts bringt, drohen eine gestörte Bindung zu den Eltern zu entwickeln und haben ein höheres Risiko für spätere psychische Erkrankungen.“ Von Wyl meint, dass ältere Babys durchaus auch lernen können durchzuschlafen. Das könne unter Umständen auch heißen, dass sie in dieser Phase auch weinen, aber nicht, dass man Kinder einfach schreien lasse: „Nach einem halben Jahr kann man dem Säugling sukzessive mehr Raum geben, sich selber zu beruhigen, und weniger unmittelbar auf Schreien reagieren.“

Aktuelle Studien stützen diesen Standpunkt: Kinder, die als Babys Schlaftrainings mitgemacht hatten, unterschieden sich im Alter von fünf Jahren nicht von solchen, die ein solches Training nicht erlebt haben. Schlaftrainings – die im Übrigen längst nicht alle darauf setzen, das Baby schreien zu lassen – versprechen daher vor allem kurzfristige Erleichterung. Langfristig hingegen, zeigte eine weitere Arbeit, findet jedes Kind seinen eigenen Schlafrhythmus offenbar unabhängig von den Trainingsversuchen der Eltern.

Eltern brauchen Unterstützung

Drittens: Sich in den ersten Tagen, Wochen und Monaten die Zeit zu nehmen, die individuellen Signale, Bedürfnisse und Eigenarten seines Babys kennenzulernen und angemessen darauf zu reagieren, ist harte Arbeit. Insbesondere Schlafmangel und Erschöpfung können selbst entspannt eingestellte Eltern pflegeleichter Babys an die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit bringen. Gibt es andere Probleme wie Stillschwierigkeiten oder postnatale Depression, kann sich die erste Zeit mit dem Nachwuchs erst recht schwierig gestalten.

Becker-Stoll, die mit einem ihrer Kinder selbst erlebte, was es heißt, ein so genanntes „Schreikind“ zu haben, sagt, sie hätte in dieser Zeit ihr gesamtes Hab und Gut für zwei Stunden Schlaf hergegeben. Ihr wichtigster Tipp für neue Eltern ist daher, so früh wie möglich für ein gutes Netz von Unterstützung zu sorgen. Zu den Hilfsangeboten gehören neben den Besuchen der Hebamme und Hilfe durch Familie und Freunde auch Stillberatungen oder das Engagement einer Mütterpflege, die eine Rundhilfe im Wochenbett anbietet und von der Krankenkasse in der Regel zum Großteil bezahlt wird. „Lieber früher Hilfe holen als später“, sagt Becker-Stoll. „Lasst euch Gutscheine schenken für Zeit, Wäsche oder Essen. Die beste Vorbereitung für die erste Zeit mit dem neuen Nachwuchs ist Hilfe am Nest.”

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3D-Gehirn
Infos zum Beitrag
Datum:
01.04.2016
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Martin Korte
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