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Alois Alzheimer – Irrenarzt mit Mikroskop

Die rätselhaften Symptome einer Patientin faszinierten ihn so sehr, dass er alles daran setzte, sie untersuchen zu können. Doch damit Alois Alzheimer berühmt wurde, brauchte es nicht nur seine Beharrlichkeit, sondern auch zahlreiche Fügungen.

Grafikerin: Meike Ufer


Von Auguste Deter kennt Alois Alzheimer zunächst nur die Krankenakte. Sie ist erst 51 Jahre alt, doch sie zeigt eine Verwirrtheit, die man sonst eher von sehr alten Menschen erwartet. Ihr Mann hat sie in die „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main eingeliefert. Damals, im Jahr 1901, ist Alois Alzheimer dort Oberarzt, sein Assistenzarzt Fritsche hat die Aufnahmeuntersuchung der Patientin gemacht. Was er darüber schreibt, macht Alois Alzheimer neugierig, er stattet Auguste Deter einen Besuch ab. Sein erstes Gespräch hat er genau dokumentiert:

  • „Wie heißen Sie?“
  • „Auguste.“
  • „Familienname?“
  • „Auguste.“
  • „Wie heißt Ihr Mann?“
  • „Ich glaube Auguste.“
  • „Ihr Mann?“
  • „Ach so, mein Mann ...“
  • „Sind Sie verheiratet?“
  • „Zu Auguste.“


So geht es das gesamte Gespräch weiter: Manchmal antwortet Auguste Deter normal, doch meistens passen ihre Antworten nicht richtig zu den Fragen. Das findet Alois Alzheimer so außerordentlich, dass er sofort beschließt, der Patientin eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Entscheidung ist folgenreich, denn sie bewirkt, dass der Name Alzheimer heute, mehr als 100 Jahre nach dieser Begegnung, eine weltweite Bekanntheit hat und untrennbar mit einer verbreiteten Form der Demenz verbunden ist. Doch damit dieser Ruhm zustande kommen konnte, brauchte es viele Fügungen – und die Beharrlichkeit von Alois Alzheimer, dessen Forschungsergebnisse zunächst von der Wissenschaftswelt ignoriert wurden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Alois Alzheimer begegnet Auguste Deter im Jahr 1901. Sie zeigt für eine 51-Jährige eine ungewöhnliche Verwirrtheit. Sie kann sich an fast nichts erinnern.
  • Selbst als Alois Alzheimer an eine andere Klinik wechselt, lässt er sich über den Krankheitsverlauf von Auguste Deter informieren.
  • Nach dem Tod von Auguste Deter findet Alois Alzheimer auffällige Hirnveränderungen: Der Cortex ist geschrumpft, unter dem Mikroskop sieht er ungewöhnliche Fibrillen und Plaques.
  • Als Alois Alzheimer sein Erkenntnisse über Auguste Deter bei einem Kongress vorträgt, reagiert die Wissenschaftswelt mit Desinteresse.
  • Sein Name wird mit dieser Krankheit erstmals in einem Lehrbuch seines Chefs Emil Kraepelin verknüpft: „Alzheimers Krankheit“.

Lebensdaten von Alois Alzheimer

14. Juni 1864: Alois Alzheimer kommt in Martkbreit in Unterfranken zur Welt

1884 – 1888: Medizin-Studium inklusive Promotion in Berlin, Würzburg und Tübingen

1888 – 1902: Arbeit als Arzt an der „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main

1895: Heirat mit der Witwe Cecile Geisenheimer, die ihm drei Kinder gebiert

1901: Tod von Cecile Alzheimer

1901: Erste Begegnung mit der Patientin Auguste Deter

1902 - 1912: Arbeit unter Emil Kraepelin, zunächst in Heidelberg, ab 1903 an der Psychiatrischen Klinik München

1906: Vortrag vor der „Versammlung südwestdeutscher Irrenärzte“ in Tübingen, in dem Alois Alzheimer erstmals die später nach ihm benannte Krankheit beschreibt

1912: Übernahme einer Professur an der Universität in Breslau

19.12.1915: Alois Alzheimer stirbt an Nierenversagen

Die erste Fügung ist besagte Frankfurter Anstalt, in der Alois Alzheimer zum Zeitpunkt der Begegnung mit Auguste Deter arbeitete. Denn diese Einrichtung beschränkte sich nicht – wie damals noch vielerorts üblich – darauf, die psychisch Kranken wegzusperren. Vielmehr wurde Wert darauf gelegt, die Patienten nach den seinerzeit modernsten psychiatrischen Erkenntnissen zu behandeln. Alkoholkranke etwa bekamen eine Arbeitstherapie, Wahnkranke Dauerbäder. Vor allem aber beschäftigten sich die Ärzte eingehend mit den Patienten – ansonsten wären die ungewöhnlichen Symptome von Auguste Deter nicht so detailliert beschrieben und untersucht worden.

„Schreiben Sie‚ ‘Frau Auguste Deter’“, fordert Alzheimer sie am ersten Untersuchungstag auf. Sie schreibt „Frau“, dann bricht sie ab, den Rest hat sie bereits vergessen. Als er ihr das nächste Wort vorsagt, schreibt sie erst „Augtr“ und dann „Auguse“. Als würde das früher vorhandene Wissen immer nur in kleinen Bruchstücken zurückkommen. Der Zettel mit den Schreibversuchen ist Teil der Krankenakte, die lange als verschollen galt und erst im Jahr 1995 im Archiv der Frankfurter Universitätsklinik gefunden wurde. Aus dieser Akte stammen auch der zitierte Dialog und das inzwischen um die Welt gegangene Foto der ersten diagnostizierten Alzheimer-Patientin Auguste Deter.

Die Wege von Arzt und Patientin trennen sich

„Ihr ganzes Gebaren trug den Stempel völliger Ratlosigkeit“, sagte Alzheimer später über sie. „Beim Lesen kommt sie von einer Zeile in die andere, liest buchstabierend oder mit sinnloser Betonung.“ Oft bekommt sie Schreianfälle, weil sie sich so sehr über ihre eigene Unfähigkeit ärgert. „Ich habe mich sozusagen verloren“, sagt sie einmal. Ihr Ehemann hat ein Jahr nach der Einweisung Schwierigkeiten, die Kosten für den Aufenthalt in der Anstalt zu bezahlen, Auguste soll in eine andere Klinik verlegt werden. Alois Alzheimer hat inzwischen so großes wissenschaftliches Interesse, dass er sich massiv für den Verbleib von Auguste Deter einsetzt. Er schreibt Atteste und Gesuche an die Behörden und überzeugt seinen Chef – mit Erfolg, sie bleibt.

Alois Alzheimer, Copyright: Images from the History of Medicine (NLM, public domain).
Alois Alzheimer, Copyright: Images from the History of Medicine (NLM, public domain).
Alois Alzheimer dagegen verlässt kurz darauf die Einrichtung, er möchte wissenschaftliche Karriere machen und sich bei einem berühmten Psychiater habilitieren: Emil Kraepelin. Bei ihm forscht er, zunächst in Heidelberg, später in München. Doch der Fall Auguste Deter lässt ihn nicht los, er informiert sich regelmäßig bei seinen früheren Kollegen in Frankfurt über ihren Krankheitsverlauf. So erfährt er, dass es der Patientin zunehmend schlechter geht. „Liegt immer mit angezogenen Beinen im Bett; regelmäßig unrein mit Kot und Urin; spricht nie etwas. Brummt nur vor sich hin, muss gefüttert werden. Gerät manchmal ohne ersichtliche Ursache in Erregung, bei der sie durch lautes Schreien und Brummen stört.“ So lautet ein Eintrag in die Krankenakte im Juli 1905. Ein Jahr darauf stirbt sie, an einer Blutvergiftung in Folge des Wundliegens.

Das Gehirn von Auguste Deter wird seziert

Nach ihrem Tod kommt es zu der entscheidendsten Fügung für Alois Alzheimers späteren Ruhm. Er ist schon seit vier Jahren nicht mehr der Arzt von Auguste Deter, er arbeitet in einer anderen Klinik in einer anderen Stadt. Dennoch gelingt es ihm, seinen ehemaligen Chef in Frankfurt zu etwas Unüblichem zu überreden: Er bekommt das Gehirn der Patientin mit der rätselhaften Krankheit nach München geschickt.

Für die Untersuchung des Organs ist Alois Alzheimer bestens ausgebildet – eine weitere Fügung: Während seines Studiums in Würzburg hatte ihn eine Koryphäe in die Geheimnisse der Mikroskopierkunst eingeweiht: Albert von Kölliker. Bei ihm lernten etwa auch der spätere Nobelpreisträger Alfonso Corti – Entdecker des Corti-Organs – und Franz von Leydig – Entdecker der Leydigschen Zwischenzellen. Franz Nissl, Erfinder der Nissl-Färbung und Entdecker der Nissl-Schollen, wurde ein guter Freund von Alois Alzheimer. Aus diesen Zeiten stammt seine Leidenschaft für die Untersuchung von Hirnschnitten; „Irrenarzt mit Mikroskop“ wird er häufiger genannt. Seine Fertigkeit auf diesem Gebiet kommt ihm bei der Analyse des Gehirns von Auguste Deter zugute.

Zunächst stellt er fest, dass die Hirnrinde stark geschrumpft ist. Mit dem Mikroskop entdeckt er zwei weitere Auffälligkeiten: Es sind ungewöhnliche Fibrillen zu sehen. Außerdem findet er in den Zellen seltsame klumpige Strukturen, sogenannte Plaques. Alois Alzheimer spekuliert, dass sich dort ein Stoffwechselprodukt eingelagert und die Krankheit befördert hat – eine Vermutung, die sich Jahrzehnte später als richtig erweist.

1906: Der Kongress in Tübingen

Stolz präsentiert 1906 Alois Alzheimer seine Ergebnisse auf der „Versammlung südwestdeutscher Irrenärzte“ in Tübingen. Viele bedeutende Wissenschaftler sind anwesend, unter ihnen die späteren Namengeber für Phänomene wie das Bumkesche Zeichen (Oswald Bumke), die Binswanger-Krankheit (Otto Binswanger) oder die Döderleinschen Drüsen (Albertz Döderlein). Sie alle ahnen nicht, was für wichtige Erkenntnisse ihnen Alois Alzheimer präsentiert. Keiner der anwesenden Forscher stellt eine Nachfrage – so unwichtig finden sie den Vortrag. Viel spannender ist es doch, über eine neue wissenschaftliche Disziplin zu streiten: die Psychoanalyse. Schließlich ist mit C.G. Jung ein Schüler von Sigmund Freud anwesend. Da sind Krankheiten, die sich nicht auf Kindheitserlebnisse zurückführen lassen, sondern – wie der Fall Auguste Deter – hirnphysiologische Ursachen haben, uninteressant. Im Protokoll der Veranstaltung steht über den später so häufig zitierten Vortrag von Alois Alzheimer: „für ein Referat nicht geeignet“. Er erscheint erst mit einem Jahr Verspätung in einem Fachmagazin.

Dass die Krankheit trotz dieser Ignoranz der Wissenschaftswelt seinen Namen bekommt, ist einer weiteren Fügung zu verdanken: Emil Kraepelin, sein Chef an der Klinik in München, ist Autor des zentralen Werks „Psychiatrie: ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte“. Die Überarbeitung für die 8. Auflage steht an, und darin erwähnt er seinen Mitarbeiter in dem Kapitel „Seniles und Präseniles Irresein“: „Eine eigentümliche Gruppe von Fällen mit sehr schweren Zellveränderungen hat Alzheimer beschrieben.“ Im Inhaltsverzeichnis steht erstmals der Name für das später so berühmte Leiden: „Alzheimers Krankheit“.

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Infos zum Beitrag
Datum:
21.09.2013
Schlagwörter:
Wissenschaftliche Betreuung:
Dr. Oliver H. Peters
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