Question to the brain

Was passiert beim Blackout im Gehirn?

Questioner: RealschülerIn, 8. Klasse

Published: 01.10.2017

Was passiert im Gehirn beim Blackout. Und was kann man dagegen tun?

The editor's reply is:

Antwort von Prof. Dr. Dominique de Quervain, Universität Basel: Bei einem Blackout in einer stressigen Prüfungssituation versucht man, sich an etwas zu erinnern, aber es kommt einem einfach nicht in den Sinn. Die Information per se ist aber nicht weg. Das merkt man spätestens dann, wenn man die Prüfung verlässt. Die Information ist da, man konnte sie nur in dem Moment nicht abrufen.

Woran das liegt, haben wir Ende der 90er Jahre untersucht. Dazu mussten Ratten im Wasser eine versteckte Plattform wiederfinden. Wir stellten fest, dass ein Hormon, welches beim Menschen das Cortisol ist, dafür verantwortlich war, dass sich die Ratten weniger gut an gespeicherte Informationen erinnern konnten. Dieses so genannte Stresshormon hat eine verzögerte Freisetzung. Das bedeutet, dass es erst circa 15 bis 20 Minuten nach einem akuten Stressor freigesetzt wird. Und es war genau nach dieser Verzögerung, als im Versuch auch die Gedächtnisdefizite feststellbar waren. Unmittelbar nach dem Stressor, also etwa zwei Minuten später, war die Information noch abrufbar.

Vergleichbare Ergebnisse erhielten wir auch beim Menschen. Bei diesem Experiment mussten unsere Probanden eine Liste von 60 Wörtern lernen. Am nächsten Tag bekamen sie entweder ein Placebo oder eine Tablette, die so viel Cortisol beinhaltete, wie man in etwa bei einer akuten Stresssituation ausschüttet. Die Probanden, die die Cortisol-Tablette bekamen, konnten sich weniger gut an die Wörter erinnern als die Kontrollgruppe. Das zeigt, dass dieses Stresshormon auch wirklich der Grund für die Gedächtnisdefizite ist.

In weiteren Studien konnten wir zeigen, dass Cortisol die Aktivität des Hippocampus, einem Hirngebiet, welches für den Gedächtnisabruf wichtig ist, hemmt. Das Hormon bindet dort an bestimmte Rezeptoren an der Membran von Nervenzellen. Was danach passiert, darüber haben wir aber noch keine genauen Kenntnisse.

Vor einem Blackout kann man sich am besten schützen, indem man sich gut auf die Prüfungssituation vorbereitet. Je besser Informationen abgespeichert sind, umso schwieriger ist es, sie zu stören – auch durch das Stresshormon Cortisol. Man erinnert sich vielleicht nicht an die Dinge, die gerade abgefragt werden. Aber wenn der Prüfer nach der eigenen Adresse fragen würde, wüsste man das in der Regel noch. Natürlich kann man nicht alles in dieser Stärke abspeichern und lernen. Aber je besser man sich vorbereitet, umso sicherer ist man auch und damit vielleicht auch weniger nervös. Eine gute Vorbereitung hat also mehrere positive Effekte.

Ferner kann man versuchen, direkt vor der Prüfung, also wirklich Minuten vorher, noch etwas zu lernen oder zu wiederholen. Denn in den meisten Untersuchungen ist das Kurzzeitgedächtnis weniger oder sogar gar nicht von der Wirkung des Cortisols betroffen.

Bei einem akuten Blackout ist es schwierig, etwas dagegen zu tun. Man kann versuchen, in diesem Moment ein bisschen Zeit zu gewinnen, beispielsweise die Frage wiederholen: Habe ich das richtig verstanden? Durch diesen Zeitgewinn gelingt es eventuell, sich ein bisschen zu beruhigen, und man kann hoffen, dass der Zugriff dann wieder funktioniert.

Wenn sich die Blackouts mehren, sich also mit der Zeit zu einer richtigen Prüfungsangst entwickeln, ist das sehr belastend. Dann sollte man einen Experten, also einen Psychologen oder Psychiater aufsuchen und sich beraten lassen, ob nicht psychotherapeutisch oder pharmakologisch etwas zu machen ist.

Neben dem Blackout in Prüfungen gibt es noch eine zweite Form des Blackouts: den Filmriss nach zu starkem Alkoholkonsum. Ein Übermaß an Alkohol kann zu einer so genannten anterograden Amnesie führen. Das bedeutet, dass man keine oder nur wenige neue Informationen abspeichert. Es ist also keine Erinnerungsblockade, sondern ein Speicherproblem. Da hilft nur: beim nächsten Mal weniger trinken.

Aufgezeichnet von Nicole Paschek

Cortisol

Cortisol/-/cortisol

Ein Hormon der Nebennierenrinde, das vor allem ein wichtiges Stresshormon darstellt. Es gehört in die Gruppe der Glucocorticoide und beeinflusst im Körper den Kohlenhydrat– und Eiweißstoffwechsel.

Hormon

Hormon/-/hormone

Hormone sind chemische Botenstoffe im Körper. Sie dienen der meist langsamen Übermittlung von Informationen, in der Regel zwischen dem Gehirn und dem Körper, z.B. der Regulation des Blutzuckerspiegels. Viele Hormone werden in Drüsenzellen gebildet und in das Blut abgegeben. Am Zielort, z.B einem Organ, docken sie an Bindestellen an und lösen Prozesse im Inneren der Zelle aus. Hormone haben eine breitere Wirkung als Neurotransmitter, sie können verschiedene Funktionen in vielen Zellen des Körpers beeinflussen.

Rezeptor

Rezeptor/-/receptor

Signalempfänger in der Zellmembran. Chemisch gesehen ein Protein, das dafür verantwortlich ist, dass eine Zelle ein externes Signal mit einer bestimmten Reaktion beantwortet. Das externe Signal kann beispielsweise ein chemischer Botenstoff (Transmitter) sein, den eine aktivierte Nervenzelle in den synaptischen Spalt entlässt. Ein Rezeptor in der Membran der nachgeschalteten Zelle erkennt das Signal und sorgt dafür, dass diese Zelle ebenfalls aktiviert wird. Rezeptoren sind sowohl spezifisch für die Signalsubstanzen, auf die sie reagieren, als auch in Bezug auf die Antwortprozesse, die sie auslösen.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Kurzzeitgedächtnis

Kurzzeitgedächtnis/-/short-term memory

Als Kurzzeitgedächtnis wird eine Art Zwischenspeicher des Gehirns bezeichnet, in dem Informationen mehrere Minuten lang behalten werden können. Der Umfang ist mit 7±2 Informationseinheiten (Chunks) sehr begrenzt. Dies können beispielsweise Zahlen, Buchstaben oder Wörter sein.

Anterograde Amnesie

Anterograde Amnesie/-/anterograde amnesia

Eine Form der Gedächtnisstörung, bei der die Bildung eines Neugedächtnisses – also der Speicherung neuer Informationen – ab dem Zeitpunkt der Schädigung nicht mehr möglich ist. Erinnerungen aus der Zeit davor können nach wie vor abgerufen werden. Betroffene vergessen meist auch ihre Vergesslichkeit.

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