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Der Mensch – ein Schlaumeier

Jeder hat es, mehr oder weniger: Intelligenz. Doch selbst intelligente Forscher tun sich schwer: Was genau bedeutet der Begriff "Intelligenz" eigentlich?

Cpyright: Mr. Nico / photocase.com /


Es ist wie so oft mit abstrakten Begriffen: Wenn wir das Wort „Intelligenz“ hören oder lesen, wissen wir, was gemeint ist. Wir können auch Menschen oder Handlungen, die clever sind, relativ zuverlässig als intelligent identifizieren. Wenn wir allerdings eine Definition angeben sollen, wird es schwierig. Vielleicht fallen uns Begriffe mit mehr oder weniger ähnlicher Bedeutung ein. Aber knapp und präzise auf den Punkt zu bringen, was es bedeutet, intelligent zu sein: Das fällt uns schwer.

Das Wichtigste in Kürze

  • Intelligenz ist die allgemeine Fähigkeit, Informationen effizient zu verarbeiten. Eine wirklich präzise und gleichzeitig knappe Definition existiert aber nicht – abgesehen vielleicht von der Definition des US-Psychologen Edwin Boring aus dem Jahr 1923: „Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst.“ Damit ist das Definitionsproblem freilich auf den Test verlagert.
  • Eine Mehrheit unter den Intelligenzforschern sieht Intelligenz als einheitlichen Faktor („general factor“ oder g), der bei einer Vielzahl von Aufgabenstellungen zutage tritt und entscheidend beeinflusst, wie gut eine Testperson diese Aufgaben löst. Dieser allgemeine Faktor kommt im IQ zum Ausdruck.
  • Wie ein detaillierteres Modell von Intelligenz aussieht und welche Einflüsse sich wie auf die Intelligenz auswirken, sind seit mehr als hundert Jahren intensiv diskutierte Forschungsfragen. Inzwischen wird auch nach neurobiologischen Korrelaten von Intelligenz gesucht. Eine entscheidende Rolle spielen, so viel weiß man mittlerweile, der frontale und der parietale Cortex
  • Intelligenz ist „Startkapital“: sowohl für den beruflichen und allgemeinen Erfolg des Einzelnen wie auch für das Wohlergehen der Gesellschaft von großer Bedeutung. Intelligenz will aber auch entwickelt werden, was wiederum die Gesellschaft in die Pflicht nimmt.

Intelligenz als „Konstrukt“

Der Begriff „Konstrukt“ steht für eine Größe, die nicht direkt beobachtbar ist, sondern aus anderen, messbaren Größen abgeleitet („konstruiert“) werden muss. Typisches Beispiel für Konstrukte sind Persönlichkeitsmerkmale wie die Intelligenz: Messbar sind hier zunächst einmal nur die Antworten auf bestimmte Fragen beziehungsweise die Punktzahl, die beim Lösen bestimmter Aufgaben erreicht wird. Auf solche Messwerte kann, wenn sie von einer Vielzahl von Personen vorliegen, sodann das mathematisch-statistische Verfahren der Faktoranalyse angewendet werden. Es hat zum Ziel, aus der Vielzahl der Messwerte eben die zugrunde liegenden „Faktoren“ (auch: „latente Variablen“) herauszufinden, welche die Personen beschreiben. Bezogen auf Intelligenztests hat Charles Spearman so bereits in den 1920er Jahren herausgefunden, dass die Leistung eines Testteilnehmers bei Aufgaben unterschiedlichen Typs und aus verschiedenen Bereichen (sprachliche, mathematische, räumlich-visuelle Fähigkeiten) zum größten Teil aus einer einzigen Größe, dem „general factor“, ableitbar ist – eben der individuellen Intelligenz, die als Konstrukt die verschiedenen zugehörigen Aspekte vereint.

Sind wir also überhaupt intelligent genug, Intelligenz zu definieren?

Eigentlich schon. Aber es gibt ein Problem: Begriffe wie Dummheit oder Intelligenz sind „kernprägnant und randunscharf“, wie es der Biologe und Psychologe Ernst Pöppel Anfang 2014 in einem Interview formulierte: Jeder wisse, wovon die Rede ist, aber eine exakte Definition sei unmöglich. Dieselbe Schwierigkeit kommt zum Ausdruck, wenn Intelligenz als „Sammelbegriff“ für verschiedene Aspekte kognitiver Leistungsfähigkeit oder als „Konstrukt“ beschrieben wird (siehe Das Wichtigste in Kürze).

Definitionsproblem – Problemdefinition

Um trotzdem auf eine griffige Formel zu kommen, ersann der US-Psychologe Edwin Boring 1923 die folgende Definition: „Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst.“ Das klingt weniger nach einer substanziellen Definition als vielmehr nach einer Zirkeldefinition oder nach einer Ausflucht. Doch für den Marburger Intelligenzforscher Detlef Rost ergibt Borings Definition durchaus Sinn: Der Begriff sei damit „ziemlich gut definiert“, schreibt Rost in seinem „Handbuch Intelligenz“ – vorausgesetzt, man gebe an, welchen Intelligenztest man meine.

Borings Definition verlagert das Problem also vom abstrakten Begriff auf einen konkreten Messvorgang, Fachleute nennen das „Operationalisierung“. Hilfreich kann das insofern sein, als man, ausgehend von unserem intuitiven Vorverständnis von Intelligenz, ja durchaus Intelligenztests entwerfen kann. Wirklich aussagekräftig ist die Definition damit aber freilich nur für diejenigen, die sich eingehend mit dem Konzept und den Anforderungen von Intelligenztests beschäftigt haben, wie sie ursprünglich bereits vor über 100 Jahren entwickelt wurden (mehr dazu in  Intelligenz in Zahlen). Und auch dann bleibt es schwierig: Immerhin haben Studien zum Beispiel einen Trainingseffekt nachgewiesen. Dieser führt dazu, dass man bei mehrmaligen IQ-Tests zunehmend besser abschneidet. Dass man dabei tatsächlich intelligenter geworden ist, würde wohl niemand behaupten.

Deshalb finden sich in der Geschichte der Intelligenzforschung viele weitere Definitionsversuche. So schrieb der deutsche Psychologe William Stern 1912: „Intelligenz ist die Fähigkeit des Individuums, sein Denken bewusst auf neue Forderungen einzustellen; sie ist die allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens.“ Der österreichische Sozialpsychologe Peter Hofstätter nannte Intelligenz 1966 die „Befähigung zum Auffinden von Ordnung“ und „Befähigung zum Auffinden von Redundanz“ in der Welt. Und die US-amerikanische Bildungspsychologin Linda Gottfredson schrieb 1994 – in einem von mehr als 50 Fachkollegen unterzeichneten Versuch, den wissenschaftlichen Konsens zusammenzufassen (siehe zum Weiterlesen): „Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die – unter anderem – die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken, zum Planen, zur Problemlösung, zum abstrakten Denken, zum Verständnis komplexer Ideen, zum schnellen Lernen und zum Lernen aus Erfahrung umfasst.“

Intelligenz versus Genie, Wissen, Kreativität

So unterschiedlich die Definitionen klingen, gemeinsam ist ihnen immerhin: Intelligenz hat damit zu tun, dass ein Mensch Informationen effizient verarbeitet, sich flexibel auf neue gedankliche Anforderungen einstellt und somit anstehende Aufgaben vergleichsweise gut und schnell bewältigt.

Intelligenz besitzt jeder Mensch (und auch manche Tiere), aber in unterschiedlichem Maß: Vergleicht man die Intelligenzquotienten (IQ) vieler Menschen, so entspricht die Verteilung einer Glockenkurve oder Normalverteilung. Die Mehrheit ist normal intelligent mit einem IQ um 100; nur wenige weichen stark nach oben oder unten ab wie beispielsweise die Hochbegabten mit einem IQ über 130. Zu ihnen zählt immerhin einer von 50 Menschen. Ebenso viele haben auf der anderen Seite einen IQ von unter 70; hier spricht man von Intelligenzminderung.

Warum Menschen so unterschiedlich intelligent sind, wurde in der Vergangenheit oft heiß diskutiert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Frage inzwischen geklärt, wenigstens grob: Sowohl die Gene als auch verschiedene Einwirkungen auf den heranwachsenden Menschen (wie etwa die Ernährung) haben entscheidende Anteile an der Entwicklung der Intelligenz. Welche Faktoren im Einzelnen wie beteiligt sind, darum geht es in  Was uns schlau macht.

Bei großer Intelligenz kommt einem vielleicht auch der Begriff Genie in den Sinn. Er ist aber wirklichen Ausnahmeerscheinungen vorbehalten. Gleichzeitig kann sich der Begriff Genie auch auf Leistungen beziehen, die nicht unmittelbar mit Intelligenz zu tun haben. Ein „genialer Künstler“ muss nicht hochbegabt sein – und ein hochbegabter Künstler muss nicht genial sein.

Ebenfalls nicht zu verwechseln ist Intelligenz mit Wissen und Bildung: Diese muss man erwerben und sie sind stark vom jeweiligen kulturellen Kontext abhängig – Intelligenz dagegen ist eine universelle Eigenschaft, die nicht etwa erst in der Schule erworben wird, aber sehr wohl zum Einsatz kommt, wenn man sich Wissen und Bildung aneignet.

Auch sollte man nicht Intelligenz mit Kreativität gleichsetzen, sondern eher sehen, wie diese beiden zusammenhängen: Einer – empirisch allerdings nicht eindeutig belegten – These zufolge setzt Kreativität Intelligenz voraus, ist allerdings nicht dasselbe: Intelligente Menschen können durchaus unkreativ sein. Schließlich ist auch Begabung verwandt, aber nicht deckungsgleich mit Intelligenz: Begabt sein kann man in verschiedenen Bereichen wie Sport, Kunst, Musik – überdurchschnittliche Intelligenz könnte man insofern auffassen als die Begabung, kognitive Herausforderungen besonders gut zu bewältigen.

Intelligenz – wichtige Ressource für die Gesellschaft

Aus Sicht der meisten Wissenschaftler ist Intelligenz dabei ein weitgehend einheitliches Ganzes: Sie äußert sich zwar in unterschiedlichen Bereichen, etwa in sprachlichen Fähigkeiten, beim mathematischen Denken oder im visuell-räumlichen Vorstellungsvermögen. Aber trotzdem ist es, wie empirische Studien immer wieder gezeigt haben, zum größten Teil eine einzige kognitive Kenngröße, die alledem zugrunde liegt. Intelligenzforscher bezeichnen diese Größe mit „general factor“, kurz g – sie ist es, die im IQ zum Ausdruck kommt. Ob beziehungsweise wie es sein kann, dass dieser allgemeine Faktor sich so entscheidend auf viele unterschiedliche kognitive Fähigkeiten auswirkt: Mit dieser Frage befasst sich eine Vielzahl konkurrierender Strukturmodelle von Intelligenz, um die es detaillierter in  Inflation der Intelligenzen geht. Dass es aber im Wesentlichen eine und nicht viele verschiedene Intelligenzen gibt, dafür sprechen auch die Befunde der Hirnforscher, die Intelligenz hauptsächlich im Frontal- und Parietallappen verorten  Anatomie der Intelligenz.

Warum aber macht man sich überhaupt so viel Mühe, Intelligenz wissenschaftlich möglichst präzise zu erfassen – so viel Aufwand wurde bereits betrieben, dass der bereits eingangs zitierte Detlef Rost Intelligenz das „am besten erforschte Merkmal der Psychologie“ nennt? Das dürfte damit zusammenhängen, dass es kaum ein wichtigeres Persönlichkeitsmerkmal gibt, wenn es um Erfolg im Leben geht: Mit dem IQ lässt sich der schulische, berufliche und allgemeine Lebenserfolg so gut vorhersagen wie mit keinem anderen Persönlichkeitsmerkmal – jedenfalls wenn man die Bevölkerung im breiten Querschnitt betrachtet und nicht nur ausgewählte Untergruppen. Das heißt andererseits nicht, dass es nicht individuelle Ausnahmen von der Regel geben kann. Wie Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer in dem Buch „Intelligenz. Große Unterschiede und ihre Folgen“ schreiben, ist Intelligenz allein kein Selbstläufer: „Leistungsmotivation, Selbstdisziplin und Interesse“ müssten hinzukommen.

Intelligenz sei dabei eher ein „Startkapital“. Das hat Stern und Neubauer zufolge allerdings nicht nur Konsequenzen für den Einzelnen. Auch ein Gemeinwesen als Ganzes ist – Stichwort Wissensgesellschaft – auf viele intellektuell fähige Menschen angewiesen. Gleichzeitig ist die Gesellschaft aber auch in der Pflicht, wie Elsbeth Stern im Audiointerview erläutert: Denn auch wenn es sich bei Intelligenz um eine individuelle Ressource handelt, kann sie sich nur in Gemeinschaft entwickeln.

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Infos zum Beitrag
Datum:
01.04.2014
Wissenschaftliche Betreuung:
Dr. Alexander Soutschek
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