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Steinzeitgeist in einem modernen Schädel

Der moderne Mensch verhält sich in vielem wie ein Mammutjäger aus der Altsteinzeit. Das behauptet zumindest die Evolutionspsychologie und erntet damit viel Kritik.

Quelle: M.U.


Nanu? Ein seltsames Wesen steigt in die U-Bahn ein. Das Gesicht wirkt ziemlich grobschlächtig, auf dem Kopf wallt zotteliges Haar, die Kleidung besteht aus Tierfellen und der ungepflegte Bursche hat … einen Speer in der Hand. Was er wohl damit will? Jagen kann man in der U-Bahn bestimmt nichts.

Und doch – so ähnlich stellt es sich die so genannte Evolutionspsychologie vor: Der Steinzeitmensch ist mitten unter uns, genauer: Wir alle sind in vielem der Steinzeitmensch. Zugegeben, natürlich nicht vom äußeren Erscheinungsbild her und nicht mit einem Speer in der Hand. Vielmehr soll uns ausgerechnet das mit einem Menschen aus der Altsteinzeit verbinden, was uns für gewöhnlich als ziemlich moderne Errungenschaft erscheint: unser von der Kultur beeinflusster Geist. Die Psychologin Leda Cosmides und der Anthropologe John Tooby bringen das so auf den Punkt: “Unser moderner Schädel beherbergt einen Steinzeitgeist.” Das Forscherehepaar von der University of California hat die Evolutionäre Psychologie im späten 20. Jahrhundert mitbegründet, die evolutionstheoretisches Gedankengut auf die menschliche Psyche überträgt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bereits Charles Darwin vermutete, dass auch der menschliche Geist der Evolution unterworfen ist.
  • In den 1990er-Jahren etablierte sich die Evolutionäre Psychologie durch Arbeiten von Leda Cosmides und John Tooby. Dieser Ansatz versucht, menschliches Verhalten evolutionär zu erklären.
  • Prägend für die Psyche sei das archaische Leben als Jäger und Sammler in der Altsteinzeit gewesen. An neuere Umweltbedingungen habe sich der menschliche Geist hingegen genetisch bislang nicht anpassen können, die behäbige Evolution sei dafür schlicht zu langsam.
  • Die Evolutionäre Psychologie betrachtet den menschlichen Geist als eine Art Computer, auf dem eine Vielzahl von Programmen laufen, die an jeweils ein bestimmtes Problem angepasst sind, wie die Reaktion auf Schlangengefahr oder die Notwendigkeit, einen fruchtbaren Partner zu finden.
  • Menschliches Fühlen und Verhalten wie Liebe und Kooperation erklärt die Evolutionäre Psychologie mit Vorteilen beim Kampf ums Überleben
  • Seit ihrem Bestehen reißt die Kritik an der Evolutionären Psychologie allerdings nicht ab

Moralische Emotionen

Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe untersucht Udo Rudolph von der TU Chemnitz moralische Emotionen, also Gefühle wie Reue, Scham, Ärger oder Empörung, die Bewertungen des eigenen oder fremden Handelns beinhalten. “Eine moralische Emotion wie Scham basiert auf der eigenen Einschätzung, dass ich etwas nicht gut oder richtig gemacht habe”, sagt Rudolph. Die Scham habe dabei aus evolutionspsychologischer Perspektive wohl eine doppelte Funktion. “Sie ist unter anderem ein Signal an uns selbst, – so fängt die betreffende Person an, darüber nachzudenken, was sie hätte besser machen können.” Und für die Mitmenschen ist sie ein Signal, dass man sich seiner Unzulänglichkeit bewusst ist und man in einem zweiten Schritt gemeinsam überlegen kann, wie man es besser machen kann.

Die Ursprünge dieses Ansatzes reichen weit zurück. Schon der Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin (1809-1882), ging davon aus, dass auch die mentalen Fertigkeiten des Menschen das Ergebnis von natürlicher und sexueller Selektion sind. Schließlich fänden sich schon bei höheren Säugetieren seelische Regungen wie etwa Eifersucht, Großzügigkeit oder Dankbarkeit. Einen evolutionären Blick auf mentale Phänomene warf bald 100 Jahre nach Darwins Tod der amerikanische Biologe Edward O. Wilson, der mit seinen Versuchen, das Sozialverhalten des Menschen biologisch herzuleiten, die moderne Soziobiologie begründete. Die Psychologie dagegen betrachtete den menschlichen Geist lange als unbeschriebenes Blatt, das erst allmählich durch Erfahrungen gefüllt wird. Erst in den 1990er Jahren erlebte dann die Evolutionäre Psychologie ihre Gründung durch Forscher wie Leda Cosmides und John Tooby.

Die grundlegende Idee dieses Ansatzes ist eigentlich ganz einfach und klingt einleuchtend: Angetrieben von technischen Innovationen hätten zwar gerade die letzten Jahrtausende der Menschheitsgeschichte immense Umwälzungen wie die Entstehung von Ackerbau und Viehzucht mit sich gebracht. Doch diese seien schlicht zu rasant verlaufen, um markante Spuren in unseren Genen zu hinterlassen. Das sehe man etwa daran, dass evolutionär alte Ängste vor Gefahren wie Schlangen, Spinnen oder großen Höhen viel verbreiteter seien als solche vor modernen Gefahren wie Autos oder Waffen. Die Evolution hinke letztlich solchen kulturellen Entwicklungen hinterher. So sieht es etwa David Buss von der University of Texas at Austin, einer der prominentesten Evolutionspsychologen.

Archaischer Camping-Trip

Die Aufmerksamkeit der evolutionären Psychologen gilt daher einem ganz bestimmten Zeitraum: der Altsteinzeit. Oder genauer: Bis zur Altsteinzeit, denn natürlich hatten Körper und Geist unserer Vorfahren schon vorher mit der Evolution zu tun. Doch im altsteinzeitlichen Rahmen von vor 2,6 Millionen Jahren bis vor rund 10.000 Jahren mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht seien die grundlegenden Umweltbedingungen relativ stabil gewesen, – und an diese habe sich der menschliche Geist letztlich angepasst. Der frühe Mensch betätigte sich als Jäger und Sammler und lebte als Nomade in kleinen Gruppen von 30 bis 150 Individuen. „Unsere Jäger-Sammler-Vorfahren waren auf einem Camping-Trip, der ein ganzes Leben lang andauerte“, schrieb das Ehepaar Cosmides und Tooby 2013 in einem Aufsatz. „Sie mussten dabei eine Menge unterschiedlicher Probleme lösen, um unter diesen Umständen zu überleben und sich fortzupflanzen.“ Jagen, mit anderen kooperieren, sich gegen Feinde verteidigen und fruchtbare und gesunde Partner ausfindig machen – das waren die Dinge, die unsere Vorfahren hauptsächlich umtrieben.

Cosmides und Tooby betrachten den menschlichen Geist als eine Art Computer, der aus einer Vielzahl von Programmen aufgebaut ist. Jedes dieser Programme sei darauf spezialisiert, ein bestimmtes Problem zu lösen, das die Umwelt an den altsteinzeitlichen Organismus gestellt hat. Wie es der belgische Evolutionstheoretiker Francis Heylighen von der Vrije Universiteit Brussel auf den Punkt bringt: „Wenn man etwas im Gras auf sich zu gleiten sieht, hat man nicht die Zeit sorgfältig seine Eigenschaft unter die Lupe zu nehmen, um zu bestimmen, ob es sich um eine giftige Schlange handelt: Man rennt am besten unmittelbar los.“ Diese speziellen Programme seien also ideal dafür, auf Probleme wie die Gefahr einer giftigen Schlange schnell und zuverlässig zu reagieren.

Neue Erklärungen für alte Verhaltensweisen

Die Evolutionäre Psychologie versucht letztlich durch Rekonstruktion unserer evolutionären Geschichte Eigenschaften und Verhaltensweisen des modernen Menschen zu erklären. Warum hat sich beispielsweise im Laufe der Evolution Kooperation ausgebildet, auch wenn diese für das Individuum hohe Kosten wie den eigenen Tod bedeuten können? “Tiere etwa, die für ihre Artgenossen Warnrufe ausstoßen, riskieren das eigene Leben”, so der Biopsychologe Udo Rudolph von der Technischen Universität Chemnitz. Die Evolutionspsychologie hat eine einleuchtend klingende Erklärung gefunden. “Wenn ich mich hilfsbereit verhalte, bekomme ich eine Reputation als hilfsbereiter Mensch und darf darauf hoffen, dass sich der andere mir gegenüber auch so verhält.” Aus solchem Verhalten entwickelte sich innerhalb einer Gesellschaft eine Norm, die kooperatives Verhalten begrüßt und letztlich für die Gruppe als Ganzes Überlebensvorteile brachte. 

Auch für eines der erhabensten Gefühle der Welt, die Liebe, hat die Evolutionäre Psychologie eine eher nüchterne Erklärung parat. Kein Lebewesen komme mit einem so unfertigen Gehirn auf die Welt wie der Mensch, sagt Rudolph. Aufgrund der daraus resultierenden, lange anhaltenden Schutzbedürftigkeit des Nachwuchses sei es sinnvoll, dass beide Eltern lange Zeit in den Nachwuchs investieren und kooperieren. “Liebe als Gefühl und als ein Aspekt dauerhafter Bindung zwischen erwachsenen Partnern trägt dazu bei, dass ich gerne mit einem Menschen über längere Zeit zusammen bin.” Liebe ist sozusagen der Kitt, der dafür sorgt, dass beide Eltern an einem Strang ziehen. Für Udo Rudolph hat die evolutionspsychologische Betrachtungsweise eine Reihe von Vorzügen. Sie frage nicht nur nach unmittelbaren Ursachen von menschlichem Verhalten, sondern auch nach entwicklungsgeschichtlichen Gründen und welche biologische Funktion ein bestimmtes Verhalten hat.

In Dauerfeuer der Kritik

Doch seit ihrem Bestehen reißt die Kritik an der Evolutionspsychologie nicht ab: “Die Evolutionäre Psychologie hat oft veraltete Vorstellungen vom Wesen und der Geschwindigkeit der Evolution”, bemängelt etwa der kognitive Neurobiologe Johan Bolhuis von der Utrecht University. “Die Evolution geht manchmal viel schneller vonstatten als früher gedacht.” In einem viel zitierten Aufsatz von 2011 verweist Bolhuis mit Kollegen darauf, dass Menschen auch in den letzten 50.000 Jahren genetischen Veränderungen unterworfen waren. Man denke nur an Genvarianten, die es auch Erwachsenen ermöglichten, Milch zu verdauen. Diese Laktosetoleranz kam erst vor etwa 7500 Jahren im Zuge der Landwirtschaft auf. Und noch viel entscheidender: Solche Veränderungen betrafen auch Gene, die im Gehirn eine Rolle spielen und etwa an der Entwicklung des Nervensystems beteiligt sind.

Außerdem kristallisierte sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten immer deutlicher heraus, dass das Gehirn äußerst plastisch ist und jede einzelne Erfahrung beeinflusst, wie sich Nervenzellen verknüpfen oder welche Gene im Gehirn aktiv werden. “Das Gehirn ist schlicht architektonisch zu komplex”, so Bolhuis, “als dass Gene im Detail seine Verschaltung festlegen”.

Beide Kritikpunkte wurden von der Evolutionspsychologie schon länger aufgegriffen – oder waren schlicht nie so gemeint. So haben Tooby und Cosmides die Varianz einzelner Gene schon in den 1990er Jahren anerkannt. Und dass das menschliche Gehirn plastisch ist und psychologische Adaptionen nicht sämtlich durch Gene determiniert werden, ist auch den Evolutionspsychologen klar: Auf unserem “Rechner” sind im Großen und Ganzen keine vorgefertigten Programme installiert. Vielmehr entstehen Hard- und Software durch ein ständiges Wechselspiel zwischen dem Individuum und seiner Umwelt. Und in vielen Fällen, etwa beim Lernen oder beim Fällen einer Entscheidung, arbeiten mehrere Hirnregionen zusammen, die in den verschiedensten Situationen flexibel eingesetzt werden.

So gesehen ist der Mensch also sicherlich kein Mammutjäger in modernem Gewand, sondern ein Wesen auf der Höhe der Zeit, das letztlich aus dem Zusammenspiel von Stammesgeschichte, Genetik, Kultur und Erziehung geprägt ist. Doch die Wurzeln seiner Psyche gehen tief.

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Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Lars Penke
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