Zu komplizierter Müll im Gehirn

Autor: Ragnar Vogt

Forscher haben eine mögliche Antwort gefunden auf die Frage, warum wir schlafen müssen: weil dann Abfall aus dem Gehirn entsorgt wird. Das fanden viele Journalisten spannend. In ihren Artikeln sind allerdings einige über die Komplexität der Studie gestolpert.

Veröffentlicht: 04.11.2013

Es ist ein Rätsel: Warum schlafen wir? Etwa acht Stunden täglich sind wir ohne Bewusstsein. Unsere Vorfahren konnten in der Zeit nicht jagen und sammeln, sie waren wehrlos den Angriffen von Raubtieren ausgeliefert. Und dennoch müssen wir uns regelmäßig dem gefährlichen und unproduktiven Zustand Schlaf aussetzen – ebenso wie alle Tiere.

Warum ist das so? Diese Frage beschäftigt uns Menschen schon seit der Antike – wenn nicht sogar länger. Erscheint es doch wahrscheinlich, dass auch ein Urmenschenkind, das Heia machen sollte, fragte: Warum? Und weil es solch eine Menschheitsfrage ist, ist es nicht verwunderlich, dass in den Medien eine Science-​Studie die Runde machte, die einen neuen Erklärungsansatz liefert: Forscher der US-​Universität Rochester haben herausgefunden, dass im Schlaf Abfälle aus dem Hirn beseitigt werden. Die Wissenschaftler hatten bereits vor einem Jahr aufgedeckt, dass mit der Hirnflüssigkeit Stoffwechselmüll weggespült werden kann. „Glymphatisches System“ nennen das die Forscher. In der aktuellen Studie zeigten sie nun, dass dieses System vor allem im Schlaf aktiv ist. Möglicherweise schlafen wir also, damit das Reinigungssystem im Gehirn funktionieren kann.

Stolperer in einer Agenturmeldung

Diese Erkenntnis ergab sich aus vielen kleinen Einzelergebnissen. Und um ihre These möglichst gut abzusichern, haben die Forscher viele komplizierte Versuche gemacht – ein Fakt, über den einige Journalisten ein wenig gestolpert sind bei der Berichterstattung über den Müll, das Gehirn und den Schlaf.

Viele Medien haben eine Meldung der Nachrichtenagentur AFP übernommen, etwa die Badische Zeitung und Stern​.de. Darin wird – wie auch in fast allen anderen Artikeln zum Thema – ein bisschen über den Sinn des Schlafes sinniert, es wird darauf hingewiesen, dass Schlaf auch für das Gedächtnis wichtig ist, es aber ansonsten noch nicht so richtig klar ist, warum wir schlafen müssen.

Doch schon am Anfang des Artikels stolpert der Agentur-​Autor über die vielen Erkenntnisse: Es gebe ein Abfallbeseitigungssystem im Gehirn, das während des Schlafs arbeitet, heißt es da. „Außerdem fanden die Forscher um Maiken Nedergaard von der Universität Rochester heraus, dass die Gehirnzellen während des Schlafes um 60 Prozent ‚schrumpfen’. Dadurch könne der zelluläre Abfall noch effizienter beseitigt werden.“ Hier ist das „außerdem“ irreführend, denn das Schrumpfen der Zellen ist, so vermuten die Forscher, ein zentraler Bestandteil des Müllentsorgungssystems.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Falsche Hoffnung für Alzheimer-​Patienten

Focus Online hat die AFP-​Meldung auch verwendet, dabei ist dem Redakteur aber offensichtlich diese Ungenauigkeit aufgefallen, und er ergänzte: „Die Forscher um Maiken Nedergaard konnten im Versuch mit Mäusen zeigen, dass sich während des Schlafs tatsächlich der Raum zwischen den einzelnen Gehirnzellen vergrößert, so dass Giftstoffe, die sich am Tag dort angesammelt haben, ausgespült werden können.“ Ein anderer Stolperer der Agenturmeldung ist aber auch im Focus erhalten geblieben: Die Forscher hätten „nun“ ein bisher unbekanntes Müllentsorgungssystem im Gehirn entdeckt. Das stimmt nicht, diese Erkenntnis ist bereits ein Jahr alt. Neu herausgekommen ist „nun“ lediglich, dass dieses System vor allem während des Schlafs arbeitet.

Noch eine kleine Kritik an dem Focus-​Artikel: Er trägt die Dachzeile „Neue Studie gibt Hoffnung im Kampf gegen Alzheimer“. Formal ist das korrekt: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Alzheimer entsteht, wenn die Selbstreinigung des Gehirns gestört ist. Dadurch reichert sich der Stoff Beta-​Amyloid an, es entstehen die schädlichen Alzheimer-​Plaques im Gehirn. Aber dennoch übertreibt der Focus mit seinem Optimismus – schließlich beginnen die Wissenschaftler gerade erst, das Selbstreinigungssystem zu verstehen, sind aber noch weit davon entfernt, dass aus diesen Grundlagen-​Erkenntnissen eine Therapie entstehen kann. So wird es noch lange dauern, bis mit diesem Wissen die ersten Anti-​Demenzpillen entwickelt werden. Menschen, die heute an Alzheimer erkranken, sind dann sehr wahrscheinlich schon gestorben. Man sollte ihnen keine falsche Hoffnung machen.

Falsche Details

Gut macht es das Wissensportal scinexx, das sehr ausführlich über die Studie berichtet und nur allgemein schreibt, dass sie der Alzheimer-​Forschung helfen kann. Hier wird aber ein anderes Problem deutlich, das sich uns Wissenschaftsjournalisten ständig stellt: Wir können Forschung nicht in all ihrer Komplexität darstellen, denn das würde schnell langweilig oder unverständlich werden, zudem fehlt meist der Platz dafür. Wir wollen aber auf der anderen Seite dem Leser eine Idee davon geben, wie ungefähr die Experimente der Forscher abgelaufen sind. Also versuchen wir, das Studiendesign mit nur wenigen treffenden Details zu skizzieren.

Das gelingt scinexx meistens, aber nicht immer. „Auch extra markierte β-​Amyloide wurden im Schlaf doppelt so schnell weggeschafft wie im Wachzustand“, schreibt der Autor etwa. Warum die β-​Amyloide „extra markiert“ werden mussten, ist hier nicht verständlich. Es fehlt der Zusatz, dass diese Stoffe ins Mäusegehirn gespritzt wurden, durch die Markierung konnten die Forscher dann das spätere Schicksal des Beta-​Amyloids verfolgen.

Durch zu radikale Verkürzung kann also eine Beschreibung schnell unverständlich werden. Das passiert selbst Patrick Illinger, dem Wissens-​Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung in seinem ansonsten ausgesprochen gelungenen Artikel auf der Titelseite der gedruckten Zeitung (hier online): „Zugleich maßen sie mit Elektroden die Abstände zwischen Nervenzellen“, schreibt er. Mit Elektroden kann man eine Strom-​Spannung messen. Wie man so den Abstand zwischen Zellen herausbekommt, wird nicht klar. Hier wäre es besser gewesen, die verwirrenden Elektroden wegzulassen – oder das Experiment ausführlich zu beschreiben, am besten mit einer Infografik.

Bei all dieser Krittelei muss der Hirnscanner aber feststellen: All die genannten Artikel (und noch einige mehr, etwa die von telepolis und von der Deutschen Welle) sind ziemlich gut und kommen ohne größere Schnitzer aus. Was allerdings überall fehlt, zeigt ein Blick weg von den deutschsprachigen Medien: Die Washington Post lässt einen Forscher, der nicht an der Studie beteiligt war, die Studie bewerten.

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