Wie die Atombombe Hirnforschung spektakulär machte

Autor: Ragnar Vogt

Auf eine Nachricht über die Neurogenese im Hippocampus haben sich viele Medien gestürzt – dank einer ungewöhnlichen Methode, die Emissionen früherer Atomtests nutzte. Dem Hirnscanner blieb dabei nichts anderes übrig, als fast uneingeschränkt zu loben.

Veröffentlicht: 17.06.2013

Hirnforschung bekommt in den Medien nicht so viel Aufmerksamkeit wie etwa die Geldpolitik der EZB oder der digitale Spürsinn amerikanischer Geheimdienste. Das ist auf der einen Seite verständlich, denn höhere Zinssätze oder ausgespähte Facebook-​Accounts haben direktere Auswirkungen auf das eigene Leben als etwa die neueste Erkenntnis über Synapsen-​Proteine. Auf der anderen Seite deckt sich diese Gewichtung nicht mit dem – zugegebenermaßen sehr subjektiven – Erleben des Autors dieser Zeilen: Wenn er Bekannten erzählt, dass er als Nachrichtenredakteur für Zeit Online viel über Wirtschaft und Politik berichtet, dann kommt als Antwort vielleicht: Aha, interessant, verdient man da gut? Wenn er aber sagt, dass er sich für das​Ge​hirn​.info mit der Hirnforschung beschäftigt, dann prasseln die Fragen nur so auf ihn ein: Wie verändern Drogen das Gehirn? Stimmt es, dass man fürs Lernen viel Schlaf braucht? Welche Rolle spielt das Unterbewusstsein in unserem Leben?

Es gibt also viel Interesse für die Hirnforschung, dennoch werden die Nachrichten darüber auf die hinteren Seiten von Zeitungen und Zeitschriften, die versteckteren Bereiche von Onlinemedien oder die TV-​Wissenssendungen außerhalb der Primetime verschoben. Und dort in der Nische müssen diese Neuro-​Erkenntnisse dann noch mit den Neuigkeiten aus all den anderen Wissenschaftsdisziplinen, etwa aus der Weltraumforschung oder der Teilchenphysik, konkurrieren.

So war der Hirnscanner erfreut, als er feststellte, dass eine auf den ersten Blick nicht absolut spektakulär wirkende Meldung aus der Hirnforschung von vielen Medien abgefeiert wurde: „Und es regt sich doch – Auch im Gehirn Erwachsener entstehen täglich neue Nervenzellen“ überschrieb die Süddeutsche Zeitung (online mit anderer Überschrift) einen Artikel auf ihrer Titelseite. Auch Welt, Spiegel Online und Tagesspiegel berichteten prominent. Die Neue Züricher Zeitung gab dem Thema besonders viel Raum: Zunächst vermeldete sie das Forschungsergebnis, um dann ein paar Tage später einen langen Hintergrundbericht nachzuliefern.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

C-​14-​Isotope legten die Spur

Viele große Medien haben also berichtet, wohl auch wegen der ungewöhnlichen Methode. Das gibt dem Hirnscanner die Möglichkeit zu prüfen, wie viel Qualität bei diesem Thema in den Qualitätsmedien steckt. Um es vorwegzunehmen: Es gibt – ganz anders als so oft hier in der Kolumne – viel Anlass für Lob. Komplett wollte der Hirnscanner aber nicht seine Krittelbrille ablegen, so gelang es ihm, winzige Unsauberkeiten zu finden.

Doch zunächst zu der Nachricht selbst: Forscher des schwedischen Karolinska-​Instituts haben in der Fachzeitschrift Cell eine Studie veröffentlicht, für die sie mit einer sehr aufwendigen Methode ermittelt haben, wie viele Neuronen sich im Gehirn von Erwachsenen täglich neu bilden. Bisher gibt es für Menschen nur indirekte Nachweise, dass tatsächlich unser gesamtes Leben lang im Hirn neue Zellen entstehen. Aus Rattenversuchen ist aber bekannt, dass sich ständig im Hippocampus neue Zellen bilden und dass diese Neurogenese mit dem Lernen zusammenhängt. Solche Messungen können aber nicht an lebenden Menschen vorgenommen werden. Die schwedischen Forscher haben den Umstand genutzt, dass die Konzentration eines Kohlenstoff-​Isotops, C-​14, in der Atmosphäre Jahr für Jahr abnimmt, so konnten die Forscher das Zellen-​Alter in den Hirnen Verstorbener bestimmen. Auf diesem Wege konnten sie erstmals berechnen, wie viele Hippocampus-​Zellen täglich neu entstehen – tatsächlich für Neurowissenschaftler eine sehr spannende Information.

Doch das hätte wohl manchen Redakteuren für eine Meldung nicht genügt. Es steckte jedoch noch ein zusätzlicher überraschender Dreh in der Studie: Der Grund, warum die Isotop-​Konzentration abnimmt, liegt in der Geschichte der Kernwaffen. Der Stoff wurde zwischen 1945 und 1963 bei Hunderten von oberirdischen Atombombenversuchen in die Luft geblasen. Seit diese aber nicht mehr stattfinden, verringert sich die Menge von C-​14 kontinuierlich. Solch eine spektakuläre Geschichte musste genutzt werden, entsprechend titelten dann auch viele Medien: „Wie die Atombombe den Hirnforschern half“ (Spiegel online), „Hirnforschung und Atombombe: Täglich neue Gehirnzellen“ (Überschrift des erwähnten SZ-​Artikels in der Online-​Ausgabe) oder „Neurogenese – Unerwarteter Fallout“ (Tagesspiegel). Auch die Bildredaktionen freuten sich, konnte doch die Meldung zusammen mit den ikonischen Fotos von Atombombenexplosionen veröffentlicht werden.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

Gerd Kempermann war sehr gefragt

Den Sachverhalt bringen alle genannten Artikel rüber, sogar gut verständlich. Auf den ersten Blick scheint Unklarheit zu herrschen, wie viele Zellen denn nun täglich gebildet werden, 700 oder 1400. Doch das klärt sich bei genauem Hinschauen: Mal ist vom Hippocampus die Rede, dann sind es 700, mal vom gesamten Hirn, dann sind es 1400, schließlich gibt es diese Struktur – wie fast alles im Gehirn – zweimal. Nur die Süddeutsche schreibt etwas ungenau „Etwa 1400 Zellen entstehen demnach tagtäglich im Hippocampus“ – korrekt müsste hier die Hirnstruktur in der Mehrzahl stehen: „in den Hippocampi“.

In dieser Kolumne haben wir schon häufig gefordert, dass Forschungsergebnisse von unabhängigen Wissenschaftlern eingeordnet werden sollten. Und, siehe da, auch das machen fast alle Medien: Sie zitieren Gerd Kempermann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen. Die Wahl des Experten ist naheliegend, schließlich ist er Deutscher und forscht genau auf diesem Gebiet. Auch hat er die Studie in Science kommentiert, ein Umstand, auf den die Welt hinweist. Man hätte sich wünschen können, das nicht jedes Medium denselben Forscher zitiert, aber das ist Kritik auf hohem Niveau.

Eine Frage hat sich bei der Lektüre der Artikel dem Hirnscanner gestellt: Kann man wirklich über winzig kleine Konzentrationsänderungen von C-​14 halbwegs genaue Angaben über die gebildeten Zellen pro Tag errechnen? Aber das ist vielleicht eine Nerd-​Frage, die den normalen Leser nicht so interessiert. Ansonsten gibt es nur noch eine winzige Kleinigkeit zu kritisieren: Die NZZ und der Tagesspiegel haben nicht auf die Cell-​Studie verlinkt, so können Interessierte nicht umweglos die Originalquelle nachlesen. Die Welt scheint es auf den ersten Blick richtig zu machen, doch wenn man auf den Link klickt, landet man auf der Homepage von Cell statt direkt bei der Studie – eine Verlinkung, die fast keinen Zusatznutzen für den Leser bringt.

Dennoch muss der Hirnscanner konstatieren: Bei dieser Meldung kann man fast nur Lob austeilen. Eine spannende Neuigkeit aus der Hirnforschung hat – zusammen mit einer ungewöhnlichen Methode – dazu geführt, dass die Journalistenkollegen beinahe alles richtig gemacht haben. Besonders schön macht es übrigens das genannte längere NZZ-​Stück (hier nochmal der Link), denn hier wird die Nachricht mit einer hübschen Infografik veranschaulicht, zudem gibt es einen kenntnisreichen Überblick über die gesamte Forschung zur Neurogenese.

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

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