Wie deutsch muss ein Nobelpreisträger sein?

Autor: Judith Rauch

Der Nationalstolz vieler deutscher Medien erhielt einen Dämpfer, sobald sich herausstellte, dass der frisch mit dem Nobelpreis gekrönte Thomas Südhof keinen deutschen Pass mehr hat. Warum ist das so wichtig? Fragt sich der Hirnscanner.

Veröffentlicht: 23.10.2013

Als das Nobelkomitee in Stockholm am 7. Oktober verkündete, dass Thomas Südhof einen der drei Medizin-​Nobelpreise 2013 gewonnen hatte, war für das​Ge​hirn​.info die Schlagzeile klar: Nobelpreis für Neurowissenschaftler lautete die Botschaft. Schließlich forscht Südhof zu einem zentralen Prozess des neuronalen Geschehens: der Freisetzung von Transmittern an den Synapsen. Für viele Nachrichtensender und Tageszeitungen war dagegen etwas anderes entscheidend: „Deutscher erhält Nobelpreis für Medizin“.

Doch wie deutsch ist Thomas Südhof eigentlich? Rasch kamen Zweifel auf, als der Forscher – in Spanien hörenswert überrascht durch einen Anruf aus Stockholm – von der Nachrichtenagentur dpa gefragt wurde, ob er denn nach vielen Jahren des Lebens und Forschens in den USA überhaupt noch deutscher Nationalität sei. „Ich bezweifle, dass ich juristisch gesehen deutscher Staatsbürger bin, aber ich weiß es nicht“, antwortete er. Auf Reisen benutze er seinen amerikanischen Pass, sein deutscher sei irgendwann abgelaufen. Ansonsten: „Ich bin gerne Deutscher, aber ehrlich gesagt, um solche Sachen habe ich mich nie so richtig gekümmert.“

Synapse

Synapse/-/synapse

Eine Synapse ist eine Verbindung zwischen zwei Neuronen und dient deren Kommunikation. Sie besteht aus einem präsynaptischen Bereich – dem Endknöpfchen des Senderneurons – und einem postsynaptischen Bereich – dem Bereich des Empfängerneurons mit seinen Rezeptoren. Dazwischen liegt der sogenannte synaptische Spalt.

Die Emotionen schlagen hoch

Dafür kümmerten sich jetzt andere darum. Leser, die beispielsweise auf der Internet-​Seite des Handelsblatts ihre Kommentare abgaben, schlugen wechselweise antiamerikanische oder antideutsche Töné an. „Ich mag die Leute nicht, die ihre Heimat verlassen, um dem Mammon zu dienen“, schrieb der User mit dem Spitznamen „Gurkenmurkser“ bereits, bevor sich der Nobelpreisträger selbst zu seinen Motiven detailliert geäußert hatte. „Nobelpreisträger, in Deutschland geboren, in den USA arbeitend. Das Potenzial ist in Deutschland vorhanden, wird aber durch unsere Technik– und Fortschritts-​Feindlichkeit bei weitem nicht ausgenutzt“, diagnostizierte User „Riesener“ genauso voreilig. Bisweilen musste die Redaktion zensierend eingreifen, weil die Emotionen sich überschlugen.

Erst ausführlichere Gespräche mit dem Geehrten, wie sie beispielsweise Wolfgang Stuflesser für die ARD, Nicola Kuhrt für den Spiegel und zuletzt Joachim Müller-​Jung für das Wissenschaftsressort der FAZ führten, brachten ein wenig Licht ins Dunkel: Vor allem wurde die Frage geklärt, warum Südhof nach nur drei Jahren als Direktor am Max-​Planck-​Institut für experimentelle Medizin in Göttingen 1998 wieder in die USA zurückkehrte, wo er zuvor schon erfolgreich geforscht hatte. Es sei ihm keineswegs ums Geld gegangen, versichert Südhof glaubwürdig. „Das Gehalt als Max-​Planck-​Direktor ist wahrscheinlich besser als das, was ich hier verdiene.“ Mit „hier“ ist die Stanford-​University in Kalifornien gemeint, wo er heute forscht und lehrt.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Auf der Suche nach Wahrheit

Allerdings hatte es einen handfesten Streit zwischen dem damals erst 43-​jährigen Max-​Planck-​Direktor Südhof mit dem 1996 neu berufenen Präsidenten der Max-​Planck-​Gesellschaft, dem Biologen Hubert Markl, gegeben. Südhof war 1995 in Göttingen angetreten, um die Neurobiologie zu stärken, Markl wollte dagegen andere Akzente setzen. „Er hat mir wortwörtlich gesagt: Gehen Sie doch zurück nach Amerika“, erinnert sich Südhof. Markl dagegen versichert, er habe den aufmüpfigen Forscher keineswegs aus Deutschland vertreiben wollen. Und Südhof selbst gesteht mit zeitlichem Abstand zu, dass er, wäre er älter und reifer gewesen, die Sache auch einfach hätte aussitzen können. Er sagt aber auch: „Wir forschen nicht um der Sicherheit und Macht willen, sondern weil wir daran glauben, was wir tun.“

Südhof ist Vollblutforscher, es geht ihm um die Wissenschaft – immer! Als Stichwortgeber für eine nationalistisch geprägte Debatte eignet sich der Mann nicht, auch wenn Journalisten ihn gern in diese oder jene Ecke zu drängen würden. Südhof ist offenbar ein grundsätzlich kritischer Kopf und keineswegs blind gegenüber wissenschaftsfeindlichen Tendenzen in seinem aktuellen Heimatland: „Der Wert der Wissenschaft wird in den USA heftig diskutiert. Und das macht mir große Sorgen“, so zitiert ihn die ARD. „Denn ich persönlich glaube, dass die westliche Zivilisation zum Teil auf Wissenschaft basiert. Unser griechisches, römisches und christliches Erbe ist die Suche nach Wahrheit. Und es scheint mir, dass ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung sich zunehmend Gehör verschafft, der glaubt, wir sollten nicht mehr nach Wahrheit suchen, dass die Wahrheit nicht wichtig sei.“ Gegenüber der FAZ wiederum beklagt er ausgiebig die sinkende Qualität wissenschaftlicher Publikationen – ganz unabhängig von den Ländern, in denen sie erscheinen.

Sind die Deutschen wirklich so dumm?

Für Autoren, die hier den Blick nicht von der Nationalität lösen können, gilt einmal mehr: Thema verfehlt. Doch was treibt Journalisten, immer wieder in die nationale Kerbe zu hauen, wenn es um Wissenschaft und Bildung geht? Zum Teil ist es der Wettbewerbsgedanke. Dies wurde auch deutlich an einem anderen Thema, das Anfang Oktober Schlagzeilen machte: Die internationale PIAAC-​Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) wurde veröffentlicht; sie ist auch als PISA-​Studie für Erwachsene bekannt. In 24 Industrieländern waren die Lese-​, Mathematik– und Computerkenntnisse von 16– bis 65-​Jährigen untersucht worden, und dabei hatten die Deutschen nicht besonders gut abgeschnitten. Beim Leseverständnis lagen sie sogar ein paar Punkte unter dem Durchschnitt der OECD. Sofort schlugen die Medien Alarm. „Schlaue Japaner hängen Deutsche ab“, titelte beispielsweise das Handelsblatt, malte schlimme Folgen für den Arbeitsmarkt an die Wand – und fing sich wieder jede Menge zu löschende Kommentare ein. Nicht besser die gedruckte Zeit, die neben einer Loriot-​Karikatur titelte: „Wie dumm sind die Deutschen?“ Das hatte durchaus Bild-​Niveau.

Diesmal blieb es einem Kommentator vorbehalten, die eskalierenden Warnrufe mit Sachverstand zu dämpfen: Unter dem Titel „Mathematische Kompetenz“ wies Leser Gilbert Brands auf Spek​trum​.de darauf hin, dass die Unterschiede in der OECD-​Studie ja statistisch gesehen nicht wirklich aufregend seien. „Da wird Alarm geschlagen, weil Deutsche gerade mal 3 Punkte unter dem Durchschnitt von 270 liegen. Das ist gerade mal 1% Abweichung in einer Studie, die ohnehin mit verschiedenen Sprachen und kulturellen Besonderheiten zu kämpfen hat. Und hinter den Besten liegt man relativ gerade erst mal 3% zurück, eine relative Abweichung, die man an anderer Stelle noch nicht mal bemerkt. Trotzdem wird das kommentatorisch fürchterlich ernst genommen“, meint der Spektrum-​Leser.

Nimmt man seinen Einwand ernst, wird man zu dem Ergebnis kommen, dass das Bildungsniveau in den erfolgreichen Industrienationen doch einigermaßen gleich verteilt ist. Und das ist nicht zuletzt mobilen Wissenschaftlern wie Thomas Südhof zu verdanken. Denn diese helfen ja gerade, das gemeinsam erarbeitete Wissen über Nationengrenzen zu verbreiten und geben es als Professoren an ihre Studenten weiter. Auch an solche, die später Lehrer werden und es wiederum an ihre Schüler weiterreichen. Es gäbe gute Gründe, auf diese Internationalität der Forscherelite stolz zu sein – statt sie in nationale Grabenkämpfe hineinzuziehen.

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