Wenig Mühe und viel heiße Luft

Den Medien ist Hirnforschung oft nur eine Meldung wert. Dabei wäre eine kritische Berichterstattung bitter nötig. Denn viele sensationelle Funde der Hirnforschung entpuppen sich später als heiße Luft, wie der Hirnscanner erfahren muss.

Veröffentlicht: 04.06.2013

Erst einmal die gute Nachricht: Mit reißerischen Beinahe-​Falschmeldungen über Hirnforschung hielten sich die Medien in den letzten Wochen zurück. Nun zur schlechten: Hirnforschung ist ihnen einmal mehr oft nur eine kurze Meldung wert gewesen. Und das ausgerechnet im European Month of the Brain der Europäischen Kommission – der allerdings medial sang-​und klanglos unterging. Echte Mangelware sind vor allem fundierte und kritische Hintergrundberichte. Dabei werden die dringender gebraucht denn je. Denn wie der Hirnscanner im letzten Teil dieses Beitrags erfährt, sind viele sensationelle Befunde der Hirnforschung leider nur heiße Luft.

Doch widmen wir uns zuvor der Berichterstattung der letzten Wochen. Bezeichnenderweise hatte die größte Medienpräsenz ein Thema, das Redakteuren jede Recherchearbeit ersparte: Einfach ein Video auf die Website hochladen, – fertig: „Patient spielt Gitarre während Gehirn-​OP“, hieß es beispielsweise auf stern​.de und „Patient spielt während Gehirnoperation Gitarre“ auf Süddeutsche.de. Das Video stammt von der Nachrichtenagentur Reuters, die wiederum auf Material des UCLA Medial Centers in Los Angeles zurückgegriffen hat. Neurochirurgen des Krankenhauses hatten einem Patienten mit essentiellem Tremor, einem unwillkürlichen Zittern, einen so genannten Hirnschrittmacher eingesetzt. Um die Elektroden im Gehirn am richtigen Ort einsetzen und die Motorik des Patienten währenddessen testen zu können, ließen ihn die Chirurgen – das ist so üblich – bei vollem Bewusstsein. Und in diesem Fall eben zur Gitarre greifen. Das ist zwar ungewöhnlich und lieferte interessante Bilder, aber kaum einen Informationswert.

medial

Medial/-/medial

Eine Lagebezeichnung – medial bedeutet „zur Mitte hin“ gelegen. Im Bezug auf das Nervensystem handelt es sich um eine Richtung zum Körper hin, weg von den Seiten.

Verpasste Gelegenheit

Nach eigenen Aussagen ging es dem Krankenhaus darum, Patienten die Angst vor einer derartigen Operation zu nehmen. Vielleicht wollte es aber auch einfach nur medienwirksam seine 500. OP dieser Art feiern. Wer weiß. Jedenfalls wusste das Medical Center die modernen medialen Kanäle zu nutzen und brachte die OP auch per Twitter unters Volk. Die Medien jedenfalls verpassten eine gute Gelegenheit. Sie hätten ihre Leser beispielsweise darüber aufklären können, welche Risiken die Operation mit sich bringt und welche Erfolgsaussichten die Tiefe Hirnstimulation Betroffenen bietet. Doch das hätte womöglich zuviel Arbeit für die Redakteure bedeutet. Zusätzliche Aufklärung jenseits der dürftigen Informationen des Videos lieferten sie ihren Lesern daher nicht. Für sie war die OP der besonderen Art offensichtlich nur eine weitere schöné Geschichte und der Gitarre spielende Patient nicht mehr als ein nettes Gimmick.

Überschätzter Stirnlappen?

Warum der Mensch überhaupt zu großen intellektuellen Leistungen wie der Musik in der Lage ist, bleibt bislang ein Rätsel. Eine weit verbreitete Theorie geht davon aus, das außerordentliche Wachstum des Denkapparats im Stirnbereich während der Evolution sei der Grund für diese besonderen Fähigkeiten. Nun kamen Forscher zu einem anderen Ergebnis, wie Spiegel Online berichtete: „Die Intelligenz von Menschen kann nicht allein mit der Größe des Frontallappens im Gehirn zusammenhängen“. Genauso klingt es auf Focus​.de. Was auch kein Wunder ist, beruhen doch beide Beiträge auf einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa. Man scheute also auch hier keine Kosten und Mühen.

Britische Forscher hätten die Größe des Stirnlappens bei Tieren und Menschen verglichen, hieß es in der Meldung. Zwar habe der bei uns überproportional zugelegt, das stelle allerdings keine Besonderheit des Menschen dar. Bei allen höheren Tieren gelte: Mit zunehmendem Hirnvolumen wachse der Frontallappen stärker als die übrigen Hirnregionen. Nach Vermutung der Wissenschaftler ist möglicherweise eine gemeinsame Vergrößerung von miteinander verbundenen Hirnregionen verantwortlich für unser kluges Köpfchen.

Ein Rätsel ist dem Hirnscanner, warum das Thema von den Medien fast vollständig ignoriert wurde. Sollte an den Ergebnissen der britischen Wissenschaftler etwas dran sein, wäre das schließlich ein erstaunlicher Fund. Leider enthält die dpa-​Meldung keine Einschätzung eines unabhängigen Forschers, wie man die Studie bewerten soll. Schließlich sind die bisherigen Untersuchungen zu dem Thema ziemlich widersprüchlich ausgefallen. Ein wenig eigene Recherché der berichtenden Medien hätte man sich hier gewünscht. Doch vielleicht ist das auch zuviel verlangt.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

Frontallappen

Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe

Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-​Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.

Frontallappen

Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe

Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-​Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.

Viel heiße Luft

Wie wichtig kritische Berichterstattung ist, ging dem Hirnscanner erst kürzlich wieder auf. Britische Forscher hatten den Neurowissenschaften ein katastrophales Zeugnis ausgestellt: Viele ihrer Ergebnisse seien statistisch gesehen nicht zuverlässig. Ebenfalls aus statistischen Gründen überschätzten Forscher gerade bei neuen Ergebnissen die gefundenen Korrelationen. Das hatte dem Hirnscanner manche schlaflose Nacht bereitet. Mit dem Neurologen und Philosophen Henrik Walter von der Charité — Universitätsmedizin Berlin sprach er deshalb über das Thema.

Die Ergebnisse von einzelnen Studien dürfe man nicht überinterpretieren, meint Walter. Das betreffe auch und insbesondere die Medien. „Sie neigen dazu, schon bei einem ersten Ergebnis zu einem Thema dieses als gesichert darzustellen.“ Für die Wissenschaftler sei das ein Dilemma. „Einerseits sehen wir unsere Forschung gerne in der Öffentlichkeit diskutiert. Andererseits besteht der Preis häufig darin, dass dies nur aufgrund plakativer Schlagzeilen gelingt, die im übrigen meist gar nicht der Autor eines Medienartikels, sondern der zuständige Redakteur möglichst reißerisch formuliert.“

Wie sehr letzteres stimmt, kann der Hirnscanner aus eigener schmerzlicher Erfahrung nur bestätigen. Neben den statistischen Problemen der Hirnforschung sollten einen diese Faktoren in einer grundsätzlich kritischen Haltung bestärken, so Walter weiter. Vor allem bei Studien, die zum ersten Mal einen bestimmten Befund liefern. „Man sollte dann abwarten, ob die Ergebnisse Bestand haben. Statistisch gesehen müssen viele neue Ergebnisse falsch sein.“

Auch wenn die Medien sich diesmal mit plakativen Meldungen zurückgehalten haben: Auf welch wackligen Füßen Befunde der Hirnforschung oft stehen, sollte ihnen zu denken geben. Bevor sie das nächste Mal ein neues Studienergebnis voreilig abfeiern.

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