Von Facebook-Freuden und Frankenstein-Fantasien

Eine interessante Studie, eine heiße Debatte und eine echte Sensation brachten die letzten zwei Wochen. Doch das reichte den Medien offenbar nicht aus. Oder warum legten sie immer noch eine Schippe drauf?

Veröffentlicht: 09.09.2013

Lust und Wonne haben die Medien dem Hirnscanner versprochen: Jeder Klick eines Lesers auf den Gefällt-​mir-​Button seines Artikels werde wie Sex oder Geld wirken und sich fast so anfühlen wie ein Orgasmus. Denn vor allem bei intensiven Facebook-​Nutzern wie ihm juble das Gehirn über jedes „Gefällt mir“. Als Quelle dieser Erkenntnis gaben die Journalisten eine aktuelle fMRT-​Studie von Neurowissenschaftlern der FU Berlin an.

Kein „Gefällt mir“

Da der Hirnscanner bisher beim Anblick seiner Likes noch nie in Ekstase geraten ist, warf er einen skeptischen Blick in die Originalarbeit. Tatsächlich hatten die Forscher keineswegs untersucht, wie das Gehirn der Probanden auf Facebook-​Likes reagiert. Stattdessen hatten sie die Probanden gebeten, ein Interview vor einer Kamera zu geben und ihnen mitgeteilt, dass anonyme Gutachter sich die Videos anschauen und die Personen mit Adjektiven beschreiben würden. Im Scanner sahen sie dann jeweils einzelne Wörter, wie „intelligent“ oder „ehrlich“, mit ihrem Foto oder mit Fotos von anderen auf einem Bildschirm. Dieses Vorgehen beschrieb, zumindest grob, auch die Agenturmeldung, die einige der Medien verwendeten.

Nur – wie gelangten dann die Facebook-​Likes in die Teaser und Überschriften der Portale? Die Wissenschaftler hatten zusätzlich erfasst, wie intensiv ihre Probanden Facebook nutzen. Anhand dieser Daten konnten sie zeigen: Die Probanden reagierten mit einer stärkeren Aktivität im Belohnungszentrum, wenn sie eine positive Rückmeldung zur eigenen Person erhielten, als wenn die positive Bewertung andere betraf – dies galt besonders für überzeugte Facebook-​Nutzer.

Daran, wie stark die Aktivität ausfiel, ließ sich innerhalb der Stichprobe auch berechnen, wie intensiv ein Proband Facebook nutzt: je stärker, desto mehr. Solch ein statistischer Zusammenhang ist jedoch keineswegs mit einer echten Vorhersage zu verwechseln. Dafür hätten die Forscher bei einem neuen Probanden nur anhand der Hirnaktivität in der Aufgabe seine Facebook-​Nutzung erraten müssen – äußerst unwahrscheinlich, dass dies zuverlässig geklappt hätte.

Dennoch schreibt die dpa: „Sie [die Forscher] konnten nach Messungen der Gehirnaktivität in einem Magnetresonanztomographen sogar voraussagen, ob jemand Facebook intensiv nutzt oder nicht.“ Der Tagesspiegel meint sogar, es ließe sich „direkt ablesen, welche Bedeutung Facebook im Alltag eines Menschen einnimmt.“ Das klingt dann schon fast nach Gedankenlesen.

Hirngerechtes Lernen?

Wenn Journalisten oder auch Wissenschaftler so übertreiben bei dem, was die Hirnforschung vermag, verliert diese ihre Glaubwürdigkeit. Um eine komplexe Fragestellung im Kernspintomografen zu untersuchen, müssen Forscher natürlich vereinfachen und reduzieren. Welche Schlüsse wir aus den Ergebnissen ziehen können, wo Interpretation und Spekulation beginnen – das müssen Journalisten dem Leser erklären. Darum geht es in gewisser Weise auch in einer Debatte, die die Zeit angestoßen hat. Unter dem Titel „Die Stunde der Propheten“ widmete sich Martin Spiewak den Ideen von Bildungsreformern wie Richard David Precht und Gerald Hüther. Das Interesse des Hirnscanners hat der Artikel geweckt, weil er zwei wichtige Fragen stellt: „Was kann die Verknüpfung von Neurowissenschaft und Didaktik leisten? Und wie ist es um die Expertise der so dramatisch auftretenden Bildungskritiker bestellt?“

Um die Expertise ist es schlecht bestellt, konstatiert Spiewak und führt dies am Beispiel von Gerald Hüther vor – des „Hirnforschers“ Gerald Hüther, wie er in pikierten Anführungszeichen schreibt: Hüther sei weder ordentlicher Professor noch könne er empirische Arbeiten zum Thema Bildung vorweisen. Außerdem habe er in den letzten Jahren auch keine Artikel mehr in neurobiologischen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Zuerst einmal findet der Hirnscanner es ehrenwert, dass Spiewak blumigen Ankündigen auf Buchklappentexten und vor Vorträgen nicht glaubt, sondern kritisch nachrecherchiert hat. Ob die Schärfe im Ton des Artikels nötig war, haben bereits verschiedene Blogs (zum Beispiel der von Hagen Grell) thematisiert. Der Hirnscanner will das an dieser Stelle nicht noch einmal aufrollen. Allerdings möchte er zu bedenken geben, dass auch Menschen, die „nur“ habilitierte Inhaber einer außerplanmäßigen Professur sind, sinnvolle Dinge sagen können – selbst wenn sie sich diese nur angelesen haben.

Spannender scheint dem Hirnscanner daher die Frage, ob sich „Neuro-​“ einfach nur gut verkauft oder ob die Didaktik tatsächlich von der Hirnforschung profitieren kann. Erfreulicherweise widmet sich der Neurobiologe Gerhard Roth dieser Frage in der Zeit Nr.37 vom 05.09.2013, als Reaktion auf die Debatte um den Artikel von Spiewak. Roth sieht die Neurobiologie als Schiedsrichter: Dadurch, dass wir wissen, wie Wahrnehmen, Verstehen und Erinnern funktioniert, können wir besser entscheiden, welche Lehr– und Lernmethoden erfolgreich sein können. Im Gegensatz zu Hüther macht Roth jedoch auch deutlich, dass Pädagogen und Neurobiologen zusammenarbeiten müssen, um die Ergebnisse zu deuten und auch in der Praxis zu testen.

Dem Hirnscanner gefällt dieser ruhige differenzierte Ton, nachdem er sich durch die über zweihundert, oft sehr harschen Kommentare zum Spiewak-​Artikel gekämpft hat. Gelassen bleibt übrigens auch Hüther selbst. Auf seiner Facebook-​Seite erklärt er: „Auch wenn der Zeit-​Beitrag vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen ist, stößt er doch eine wichtige Diskussion an, die manchmal auch emotional sein darf.“

Kernspintomograf

Kernspintomograf/-/magnetic resonance scanner

Ein Gerät, das Mediziner für die Magnetresonanztomografie (MRT) einsetzen. Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers. Insbesondere Körperbestandteile, die viel Wasser enthalten, lassen sich mit dieser Methode gut darstellen. Patienten werden dafür in eine Röhre (Scanner) geschoben und einem starken Magnetfeld ausgesetzt. Sie bekommen aber keine Röntgenstrahlen oder andere Formen ionisierender Strahlung ab.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Keine echten „Mini-​Hirne“

Beim Thema Bildung kochen die Emotionen schon immer leicht hoch. Das gilt auch für ein anderes Thema, das in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen beherrschte: die „Mini-​Hirne“ aus Stammzellen. Da konnten die Wissenschaftler in Interviews noch so betonen, dass sie keine Gehirne in der Petrischale gezüchtet haben, der Begriff „Mini-​Hirne“ war zu griffig, als dass eine Zeitung oder ein Online-​Portal ganz daran vorbeigekommen wäre. Trotzdem berichteten die allermeisten Journalisten vorsichtig, was den Hirnscanner freute.

So betont beispielsweise Spiegel online, dass es sich „nicht um echte Mini-​Gehirne“ sondern Cerebrale Organoide handele, dass die Hirnbereiche innerhalb des Organoiden zufällig verteilt seien und nicht dieselbe Form und räumliche Organisation wie im Gehirn besäßen. Dass die Gebilde nicht über 4 Millimeter groß wurden und die Zellen im Inneren abstarben, erwähnt der Artikel ebenfalls.

Andere Medien berichten ebenso zurückhaltend. Bei näherem Hinsehen handelt es sich bei den meisten Artikeln allerdings nur um eine meist wenig veränderte Agenturmeldung der dpa. Diese erwähnt Schwächen und Grenzen des Verfahrens und zitiert aus dem Nature-​Kommentar eines unbeteiligten Forschers. Auch Spiegel Online hat die Meldung lediglich etwas umgeschrieben.

Umso mehr freute sich der Hirnscanner, als er in der FAZ eine ausführliche eigene Analyse zum Thema entdeckte. Hier erfährt der Leser einige Hintergrundinformationen über die Laborarbeit der Stammzellforscher. Im Vorspann ist dann allerdings von der „In-​vitro-​Schöpfung eines embryonalen Menschengehirns“ die Rede, und der Autor behauptet: „Der züchterischen Planung und Kontrolle des Körpers steht bald nicht mehr viel im Weg.“ Natürlich soll der Vorspann Appetit auf den Text machen, dem Hirnscanner stößt er jedoch eher bitter auf.

Ebenfalls eigenständig, aber auch nicht unbedingt vorbildlich berichtet die Welt: Zwar erwähnt die Autorin, dass die Gebilde weder Struktur noch Größe eines Säuglingshirns erreichen können. Doch gleich zu Beginn stellt sie klar: „(…) hier wächst tatsächlich ein menschliches Minihirn heran“. Einordnen und kommentieren dürfen die Studie dann ausschließlich die Autoren selbst. Hier hätte sich der Hirnscanner etwas weniger Begeisterung und eine zweite Meinung gewünscht.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

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Niels Ott 25.09.2013
Ohne die Studien gelesen zu haben: Ähnliche Muster in der Hirnaktivität von Power-Facebookern und Leuten, die auf positives Feedback reagieren, riecht doch schon ganz stark nach einer beiden Beobachtungen zugrunde liegenden Eigenschaft. Doch Korrelation bedeutet keine Kausalität, das lernt man in jeder Statistik-Einführung. Schade, dass das in vielen Bereichen des Journalismus nicht bekannt ist oder gerne ignoriert wird.

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