Und täglich grüßt das Murmeltier

Gefangen in einer Zeitschleife fühlte sich der Hirnscanner in den letzten beiden Wochen. Denn viele Medien priesen Altbekanntes als neue Sensation und ließen zudem noch journalistische Sorgfalt vermissen.

Veröffentlicht: 17.05.2013

Das Lachen ist dem Hirnscanner in den vergangenen zwei Wochen ordentlich vergangen. Schuld daran war ausgerechnet: eine Studie übers Lachen. Ein Forscherteam um Dirk Wildgruber von der Universität Tübingen hatte festgestellt, dass unser Gehirn unterschiedlich reagiert, je nachdem ob wir höhnisches, fröhliches oder Kitzel-​Lachen hören. „Gehirn decodiert jeden Lacher“ freute sich spiegel online und mit ihm viele andere Medien, von denen die meisten die Agenturmeldung der dpa aufgriffen.

Doch wer einen Blick ins Archiv wirft, findet einen fast drei Jahre alten Artikel, in dem die Spon-​Leute über eine ganz ähnliche Studie berichten. Auch damals hieß es schon: „Sie [die Forscher] fanden heraus, dass die unterschiedlichen Lach-​Arten von verschiedenen Arealen verarbeitet werden.“ Tatsächlich stammt diese Erkenntnis aus demselben Versuch, der vorletzte Woche für Schlagzeilen sorgte. Wildgruber und seine Kollegen haben ihren alten Datensatz mit einer anderen Methode neu ausgewertet.

Dagegen spricht an sich nichts. Daten werden schließlich nicht mit der Zeit gammelig wie altes Obst. Außerdem weist das Forscherteam gleich auf der ersten Seite seiner Studie darauf hin. Doch fast alle Medien verkauften als neu, dass Kitzel-​Lachen andere Hirnareale aktiviert als soziales Lachen. Der eigentlich interessante Punkt der Studie ging dabei fast unter oder fiel sogar weg: Mit der neuen Methode, einer Konnektivitätsanalyse, konnten die Wissenschaftler zeigen, dass auch höhnisches und fröhliches Gelächter verschieden vom Gehirn verarbeitet werden. Allerdings waren dabei die gleichen Areale stärker aktiv, es unterschied sich nur, wie eng sie zusammenarbeiteten.

Wohin geht das Lachen, wenn es durchs Gehirn durch ist?

Nun sind unterschiedliche Aktivitäts– und Konnektivitätsmuster im Gehirn keineswegs ein Zeichen dafür, dass sich das Gehirn anstrengt. Die Wiener Zeitung titelte trotzdem: „Lachen fordert das Gehirn“. Und der WDR wählte „Wenn andere lachen, arbeitet das Gehirn auf Hochtouren“. Mit dieser Denkweise ließe sich auch titeln: „Sehen fordert das Gehirn“. Die kühnste Überschrift bastelte jedoch n-​tv: „Lachen muss erst durchs Gehirn“. Und wo kommt es wieder raus?

Unerwähnt blieben meist auch die Schwächen der Studie: Die Probanden hörten nämlich keine echten Lacher sondern von Schauspielern produziertes Gelächter und erkannten außerdem jedes dritte Kitzel-​Lachen nicht als solches. Dass man es besser machen kann, zeigt ein Artikel, der im Time Magazine erschienen ist. Die Autorin holte zudem die Meinung eines zweiten Experten ein, statt, wie ihre deutschen Kollegen, die Forscher selbst über die Relevanz der Studie urteilen zu lassen.

Die Entdeckung der Entdecker-​Maus

Ein Déjà-​vu erlebte der Hirnscanner auch bei einer anderen Meldung: „Das Gehirn wächst mit seinen Aufgaben“ und „Jede Erfahrung lässt Gehirn und Nerven wachsen“ verkündeten verschiedene Printmedien und Onlineportale. Dass auch im erwachsenen Gehirn neue Nervenzellen entstehen, ist natürlich nicht falsch – nur neu ist es nicht. Das eigentliche Spannende an der Studie ist etwas anderes: Die Forscher beobachteten über drei Monate vierzig genetisch identische Mäuse in einem großen und abwechslungsreich gestalteten Gehege. Dieselbe Umwelt und gleiche Gene – und trotzdem entwickelten die Tiere über die Zeit unterschiedliches Verhalten: Manche zeigten sich entdeckungsfreudiger und aktiver als andere. Gelungen beschreibt dies der Standard unter der Überschrift „Wie Individualität entsteht“. Auch Spiegel online trifft, trotz irreführendem Titel und Vorspann, im Text den Kern. Leider gehen beide Artikel nicht der spannenden Frage nach, warum sich genetisch identische Nager in derselben Umwelt überhaupt unterschiedlich entwickeln können. Dabei diskutieren die Autoren in der Studie verschiedene Ideen: Möglicherweise ermöglichen winzige zufällige epigenetische oder genetische Variationen zu Beginn unterschiedliches Verhalten und Erfahrungen, die die Mäuse dann weiter prägen.

Was geschah nun im Gehirn der Mäuse? Die dpa berichtet zuerst einmal von der „Bildung einer individuellen Hirnstruktur“. Andere Medien (und im dritten Absatz auch die dpa) erkannten, dass neue Zellen entstanden, behaupteten aber, dies geschehe nur bei Mäusen, die „nicht einfach nur aktiv, sondern echte Entdecker“ seien oder einen „besonders anregenden Austausch mit der Umwelt“ zeigten. Doch Neurogenese gab es bei allen Tieren. Die Tiere in der reichhaltigen Umwelt bildeten lediglich im Vergleich mit einer Kontrollgruppe im Schnitt mehr neue Nervenzellen und unterschieden sich darin untereinander stärker. Je mehr sie ihre Umwelt erkundeten, desto größer fiel das Wachstum aus. Nachlesen lässt sich das Ganze auch in einem gut gemachten Kurzinterview des Spiegel (Ausgabe vom 23.5.2013, S. 107) mit Gerd Kempermann, einem Autor der Studie. Der Journalist beginnt direkt mit der Frage: „Was ist daran besonders?“ Eine Frage, die auch dem einen oder anderen Text gutgetan hätte.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.

„Ich habe das sicher auch“

Das Gefühl der ewigen Wiederholung wurde der Hirnscanner einfach nicht los. Die taz am Wochende (18. Mai 2013) widmete sich einem Thema, das schon seit vielen Monaten durch die Medien geistert: die anstehende Neuauflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), ein Diagnose-​Handbuchs für psychische Störungen. Von der Taz-​Titelseite blickte ein Mann, auf dessen Stirn ein Gehirn abgebildet war. Dass das Gehirn um 90 Grad gedreht war und damit falsch im Kopf lag, interpretierte der Hirnscanner noch als künstlerische Freiheit. Dass die groß angekündigte Titelgeschichte nur aus einem Interview mit dem medienpräsenten US-​Psychiater Allen Frances bestand, der die vorherige DSM-​Ausgabe mit entwickelt hat – geschenkt. Aber der Vorspann ärgerte den Hirnscanner dann doch: „Ein Mal pro Woche zu viel essen? Gilt bald auch als psychische Störung.“ Gemeint war die „Binge Eating Disorder“ die aus dem Forschungsanhang in den Hauptteil wandert und eine klinisch relevante Essstörung beschreibt. „Ich habe das sicher auch“, bekennt Frances freimütig und ignoriert, dass die Störung neben Schuld– und Schamgefühlen einen starken Leidensdruck voraussetzt. Statt kritisch nachzufragen, erzählt die Journalistin lieber, wie sie als Fünfjährige wild herumtobte. „Disruptive Mood Dysregulation“ würde das neue Handbuch diagnostizieren, behauptet Frances. Dass diese Diagnose an Kinder unter 6 gar nicht vergeben werden soll, lässt er weg; die Idee dahinter – weniger Kindern das Etikett „bipolar“ zu verpassen – auch.

Ein kritischer Artikel im deutschen New Scientist vom 10. Mai („Eine Krankheit namens Kind“) erwähnt dagegen die gute Absicht und lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen. Die Empfehlung bleibt dem Hirnscanner jedoch im Hals stecken, als er die Grafik erblickt, laut der schon 2007 bei fast 40 Prozent der Fünfjährigen eine psychiatrische Diagnose vorliegt. Das scheint dem Hirnscanner reichlich hoch gegriffen und er hätte sich einen Hinweis gewünscht, was „psychiatrische Diagnose“ meint und wie verlässlich die in der Grafik gezeigte Hochrechnung von Krankenkassendaten ist. Denn andere Quellen legen nahe, dass unter 10 Prozent aller Kinder psychische Störungen aufweisen.Auch Zeit online nimmt das DSM-​Thema auf und steigt mit einem Paukenschlag ein: „Ende Mai werden auf der Welt plötzlich Millionen Geisteskranke mehr leben“. Einen ruhigeren Ton schlägt dagegen die Printausgabe der Zeit an. Die Autorin verdeutlicht, dass Diagnosen immer nur Konstrukte sind, aber unter anderem zur Abrechnung mit den Krankenkassen benötigt werden. Außerdem weist sie darauf hin, dass vieles, was in der Kritik war, schon längst wieder im Anhang zur weiteren Erforschung verschwunden ist — wie das Psychose-​Risiko, auf dem die taz online herumhackt.

Natürlich ist das Diagnosehandbuch keineswegs perfekt, und die Gefahr der Überdiagnose verdient kritische Berichte. Doch hinter Geschrei à la „Wir werden alle für verrückt erklärt“ vermutet der Hirnscanner vor allem Sensationslust.

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