Sehen ist nicht Verstehen

In der aktuellen Ausgabe beschäftigt sich der Hirnscanner mit überzogenen Versprechungen und rät zur Vorsicht angesichts vorschneller Interpretation komplexer Daten.

Veröffentlicht: 01.07.2013

Was für ein Meldungs-​Gewitter brach da über uns herein. Man konnte kaum eine Nachrichten-​Website öffnen, ohne auf das zu stoßen, was den Hirnscanner in dieser Ausgabe beschäftigt. Wis​senschaft​.de titelte: „Das Scheibletten-​Hirnmodell“, Scinexx​.de: „BigBrain: Bisher genauestes 3D-​Modell des Gehirns“, Stern​.de: „Neuer Gehirn-​Atlas beleuchtet kleinste Details“, Spiegel​.de: „Das Hirn in hauchdünnen Scheiben“, Welt​.de: „So tief ist noch nie ins Gehirn geschaut worden“ und Tagesspiegel​.de: „In 3D durch das Gehirn reisen“.

Ein Atlas ist keine Bauanleitung

Worum ging es, und woher das Medieninteresse? In der Original-​Veröffentlichung, die in Science erschien, berichteten Forscher aus deutschen und kanadischen Instituten davon, wie sie einen Gehirn-​Atlas von bis dahin unerreichter Genauigkeit anfertigten. Das Gehirn einer Toten wurde in 7.400 ultradünne Schnittpräparate verwandelt. Jeder Gewebeschnitt wurde eingescannt und die Scans anschließend zu einem 3D-​Modell des Gehirns zusammengerechnet. (Hochaufgelöstes 3D-​Gehirn)

Das ist toll, denn einen histologischen Atlas von humanem Gewebe gab es so hochauflösend bis jetzt nicht. Und es ist wichtig, denn genau wie Straßen-​Atlanten Autofahrern den Weg durch Länder weisen, tun es histologische für Forscher und Mediziner im Organismus. Die „Welt“ zitiert Projektleiterin Karin Amunts: „Die Zellen sind zwar noch etwas unscharf, aber wir sehen, wie dicht sie liegen und wie sie verteilt sind“. Auf den älteren Gehirn-​Atlanten habe man bisher Kontinente, Länder und Städte erkannt: „Jetzt können wir in die einzelnen Straßen gucken.“

Insofern sei die Publikation von großer Wichtigkeit für weiterführende Projekte wie das „Human Brain Project“, dessen Teil sie ist. Die Aussage der Studie an sich ist jedoch gering. Sie ist ein „Gerüst“ wie ein beteiligter Forscher aus Kanada im Tagesspiegel und auf scinexx​.de zitiert wird. Wird das anatomische Modell mit Daten zu molekularen Abläufen, genetischen Informationen und exakten Verbindungen zwischen den Hirnregionen ergänzt, könnte aus dem Gerüst viel Wissen werden. Bis dahin wird aber noch Zeit vergehen.

Die Welt und wis​senschaft​.de hingegen blasen zum Sturm und gewähren damit Einblick in die Gründe, warum auf einen histologischen Atlas ein solches Medienecho erfolgt. Da war der Wunsch Vater des Gedankens. „Innerhalb der nächsten zehn Jahre wollen sie das komplette menschliche Gehirn von der molekularen Ebene bis hin zum Zusammenwirken ganzer Hirnregionen auf einem Supercomputer der Zukunft simulieren“, heißt es auf welt​.de. Spiegel Online folgt diesem Versprechen, spart sich aber immerhin die Zeitangabe. Um beim Straßenvergleich zu bleiben. Von einer Landkarte zum Nachbau der Erde soll es nur zehn Jahre dauern? Solche unhaltbaren Versprechen unkritisch zu übernehmen, ist wenig hilfreich, da sie scheitern müssen und so nur zu Desinteresse und Unglaube führen.

Mit großem Interesse hingegen (und noch größerem Unglauben) reagierte der Hirnscanner auf folgende Meldungen: Spiegel​.de berichtete, man habe „Politik im Hirn“ gefunden, und auf Focus​.de stand: „Die Gier sitzt im Gehirn“. Beim Hirnscanner sitzt Unglaube anscheinend in der Magengegend. Die grummelte nämlich ordentlich bei der Lektüre.

Moderne Phrenologie

Nora Schultz, die Autorin des Spiegel-​online-​Artikels, die das Thema kurz zuvor etwas differenzierter auf dieser Website beleuchtet hatte, schrieb: „Schon die schiere Größe bestimmter Hirnareale unterscheidet sich“, was ebenso richtig wie aussagefrei ist. Wäre Größe allein entscheidend, ein Elefant wäre dreimal so intelligent wie ein Mensch. Aber weiter: „Bei konservativen Wählern entdeckten Forscher (…) eine größere rechte Amygdala. Die Amygdala verarbeitet Emotionen und feuert besonders bei Angst und Wut.“ Dass diese Hirnregion noch weit mehr macht, und nahezu immer aktiv ist, wenn man genau hinschaut, sei hier nur am Rande erwähnt. Doch nun die Schlussfolgerungen der Autorin: „Konservative nutzen dieses Areal angeblich, wenn sie sich beim virtuellen Glücksspiel zwischen Spielstrategien entscheiden.“ Moment. Politik oder Glückspiel, worum ging es hier noch gleich? Leider verrät der Artikel das kaum.

Welche Hirnregion die Autorin nutzte, um sich zu entscheiden, ob sie doch kritisch sein wolle oder nicht, lässt sich nicht mehr überprüfen. Das Wörtchen „angeblich“ deutet darauf hin, dass sie es zumindest probierte. Wenn es sie auch nicht davon abhielt, sich haltlosen Spekulationen anzuschließen. Am Ende fügte sie noch an: „Bei allen entdeckten Zusammenhängen bleibt eine Frage offen: Ist politische Bildung Ursache oder doch eher Wirkung von Unterschieden im Gehirn? Ohne Langzeitstudien lässt sich dies nicht beantworten.“ Statt dieser Anmerkung wäre es hilfreich gewesen zu erwähnen, dass es trotz „entdeckter Zusammenhänge“ keine klare Kausalität zwischen Gehirn-​Anatomie und Bewusstseinszuständen gibt. Nicht nur angeblich nicht, sondern überhaupt nicht.

Amygdala

Amygdala/Corpus amygdaloideum/amygdala

Ein wichtiges Kerngebiet im Temporallappen, welches mit Emotionen in Verbindung gebracht wird: es bewertet den emotionalen Gehalt einer Situation und reagiert besonders auf Bedrohung. In diesem Zusammenhang wird sie auch durch Schmerzreize aktiviert und spielt eine wichtige Rolle in der emotionalen Bewertung sensorischer Reize. Die Amygdala – zu Deutsch Mandelkern – wird zum limbischen System gezählt.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Umgekehrte Interferenz

Ähnlich kurz greifen die Erklärungen des Focus-​Artikels. Autorin Edith Luschmann berichtet, mittels fMRT seien Probanden daraufhin untersucht worden, „welche Teile des Gehirns besonders aktiv sind, wenn sie wirtschaftliche Entscheidungen treffen.“ Die Lösung: der Nucleus accumbens Die Regel sei dabei ganz einfach: „Je höher der Betrag, desto stärker die Erregung“. Dass so manchem Milliardär bei einem Blick auf sein Bankkonto nicht das Hirn durchschmort, grenzt an ein Wunder. Vielleicht liegt es ja an der Insula, die auch beteiligt sei, oder, wen wundert’s, der Amygdala. Sie „entscheidet im Grunde, ob wir vor einer Sache Angst haben müssen, oder nicht“. Da sitzt sie dann im Dunkel des Hirns, die Amygdala, und entscheidet einfach so. Ist das so? Mal ganz davon abgesehen, dass viele Hirnregionen feuern, wenn man die Probanden ängstlich oder wütend macht. Die Amygdala reagiert vor allem auf Unerwartetes, Neues, Aufregendes. Aber heißt dies, dass sie „entscheidet“?

Der grundlegende Denkfehler an dieser Stelle ist der einer so genannten umgekehrten Interferenz. Es wird vom Ergebnis aus rückwärts argumentiert. Aber aus der Aktivität einer Hirnregion kann man, ebenso wenig wie aus ihrer Größe, direkt auf das momentane subjektive Empfinden schließen. Hirnregionen dienen selten nur einer Aufgabe und eine direkte Kartierung von Regionen und davon verantworteten Bewusstseinszuständen ist nahezu unmöglich. Zeitliche Korrelation wird allzu oft mit Kausalität verwechselt. Aber wenn X immer kurz vor Y passiert, heißt das nicht, dass X Y bedingt. Post hoc non est propter hoc, sagt der Lateiner dazu: „danach ist nicht deshalb“.

Was nun zu tun ist? Seien Sie zukünftig vorsichtig, wann immer eine Meldung behauptet, ein menschlicher Bewusstseins-​Zustand sei im Gehirn gefunden worden. Und zweifeln Sie an kurzfristigen Heilsversprechen. Zweifel sitzt übrigens auch im Gehirn. Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Nucleus

Nucleus/Nucleus/nucleus

Nucleus, Plural Nuclei, bezeichnet zweierlei: Zum einen den Kern einer Zelle, den Zellkern. Zum zweiten eine Ansammlung von Zellkörpern im Gehirn.

Nucleus accumbens

Nucleus accumbens/Nucleus accumbens/nucleus accumbens

Der Nucleus accumbens ist ein Kern in den Basalganglien, der dopaminerge (auf Dopamin reagierende) Eingänge vom ventralen Tegmentum bekommt. Er wird mit Belohnung und Aufmerksamkeit, aber auch mit Sucht assoziiert. In der Schmerzverarbeitung ist er an motivationalen Aspekten des Schmerzes (Belohnung, Schmerzabnahme) sowie an der Wirkung von Placebos beteiligt.

Amygdala

Amygdala/Corpus amygdaloideum/amygdala

Ein wichtiges Kerngebiet im Temporallappen, welches mit Emotionen in Verbindung gebracht wird: es bewertet den emotionalen Gehalt einer Situation und reagiert besonders auf Bedrohung. In diesem Zusammenhang wird sie auch durch Schmerzreize aktiviert und spielt eine wichtige Rolle in der emotionalen Bewertung sensorischer Reize. Die Amygdala – zu Deutsch Mandelkern – wird zum limbischen System gezählt.

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