Junkfood, Kaffee und gute Bücher

Autor: Ulrich Pontes

Zum Jahresbeginn empfiehlt der Hirnscanner den Kollegen einen guten Vorsatz: Bitte lernt, Ratten von Menschen zu unterscheiden – und nicht nur das. Denn in der Neuro-​Berichterstattung nichts Neues: Auch 2014 geht es unkritisch und reißerisch zu.

Veröffentlicht: 14.01.2014

Selten ist dem menschlichen Denkorgan hierzulande so viel mediale Aufmerksamkeit zuteilgeworden wie in den vergangenen Wochen – allerdings war es in diesem Fall meist ein konkretes individuelles Gehirn, um das es ging, nämlich das von Michael Schumacher, und zwar in einem durchaus unerfreulichen Kontext, nämlich dem seines Skiunfalls und dem daraus resultierenden schweren Schädel-​Hirn-​Trauma. Momentan gibt es hierüber wenig wissenschaftlich Fundiertes zu sagen, außer der medizinischen Definition und dass die Prognose für Schumacher weiter höchst ungewiss ist. Also wendet sich der Hirnscanner lieber dem Rest der zurückliegenden Neuro-​Berichterstattung zu.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Gedächtnis: Wegen Junkfood zerronnen …

„Festessen macht dumm“: So lautet die alarmierende Schlagzeile im Neuen Deutschland und in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Denn kurz vor Weihnachten wurde eine Studie publik, die auf den ersten Blick gut war, einem den Feiertagsappetit zu verderben: Durchgehend fett– und zuckerhaltige Lebensmittel – also schlechte Ernährung – schaden dem Gehirn schon nach einer Woche, indem sie das Gedächtnis verschlechterten, erklären die zugehörigen Artikel. Erst dann kommen sie auf die konkrete Studie und darauf zu sprechen, dass der Effekt lediglich an Ratten nachgewiesen wurde.

Das macht das Ergebnis nicht uninteressant, lässt aber die Panikmache vor der Weihnachtsvöllerei doch etwas voreilig erscheinen. Zumal – und das ist ein altes Problem – keine unabhängigen Experten konsultiert wurden, und zwar weder für die zwei Zeitungstexte noch für den etwas sachlicher gehaltenen Bericht auf DocCheck News. Nur die verantwortliche Forscherin selbst wird mit der Vermutung zitiert, dass die Ergebnisse auf Menschen übertragbar seien. Aber selbst wenn beim Menschen ähnliche Prozesse vonstatten gehen sollten, fragt sich der Hirnscanner: Wie wäre dann die relevante Zeitspanne von einer Woche schlechter Ernährung zu übersetzen? Statt „eine Rattenwoche gleich eine Menschenwoche“ könnte man die Zeiträume etwa auch in Relation zur Lebensspanne setzen – dann entspräche die Woche bei den Ratten rund einem halben Jahr beim Menschen.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

… durch Kaffee gewonnen?

Wer nun seinerseits an dieser Rechnung zweifelt und angesichts zurückliegender Plätzchen– und Glühwein-​Orgien um sein Erinnerungsvermögen fürchtet, für den hat eine soeben veröffentlichte Studie Abhilfe parat: „Koffein stärkt das Gedächtnis“, bringt etwa der ORF die zentrale Aussage schnörkellos auf den Punkt. Die Welt hingegen schießt mit ihrer Überschrift doch etwas übers Ziel hinaus: „Kaffee macht nicht nur wach – sondern auch schlau“. Im Text wird dann zwar deutlich, dass es nur ums (Langzeit-)Gedächtnis geht und dass in der Studie auch bestimmte Bedingungen erfüllt sein mussten, damit der positive Effekt bei den (diesmal menschlichen) Probanden auftrat: die Dosis (entsprechend etwa zwei Tassen Kaffee) und der Zeitpunkt der Einnahme (gleich nach dem Betrachten der Bilder, die sich die Studienteilnehmer bis zum nächsten Tag merken sollten).

Aber unabhängige Wissenschaftler kommen in beiden Artikeln nicht zu Wort. Da sind englischsprachige Medien besser auf Zack: Der New Scientist zitiert eine Forscherin, die bereits über einen ganz ähnlichen Effekt von Koffein bei Bienen publiziert hat – eine besonders kritische Meinung stand da freilich nicht zu erwarten. Die hat dafür der Guardian gleich doppelt eingeholt. Zwei britische Forscher äußern starke Zweifel daran, dass die Originalstudie statistisch solide ist: Es habe nicht genügend Versuchsteilnehmer gegeben, um einen echten Effekt zu beweisen. Und eine Bloggerin des National Geographic, die sich zunächst zum Sprachrohr des Forschungsergebnisses gemacht hatte, schob immerhin relativ schnell einen warnenden Hinweis hinterher, dass verschiedene Wissenschaftler auf Twitter ebenfalls Zweifel an der statistischen Validität geäußert hatten.

Lesen wirkt!

Bei allen berechtigten Nachfragen: Die beiden genannten Studien haben die infrage stehende Hirnfunktion – das Gedächtnis – immerhin funktionell untersucht. Insofern konnten die durchgeführten Interventionen also ganz reale Auswirkungen unter Beweis stellen.

Anders bei einer dritten Arbeit, die für einiges mediales Aufsehen gesorgt hat. Und das findet der Hirnscanner durchaus nachvollziehbar. Immerhin geht es darin nicht wie so oft um Fressen oder Sex, sondern um die idealtypische Verschmelzung von Feuilleton– und Forschungsthema: die Auswirkungen des Lesens von Romanen auf das Gehirn.

So titelt die FAZ–Wissenschaftsredaktion auch gleich sehr poetisch: „Neuronale Gravuren des Lesens: Die Roman-​Verschaltung“. Reißerischer texten diverse britische und US-​amerikanische Blätter, etwa „Brain function ‚boosted for days after reading a novel‘“ (Independent, zu deutsch: Hirnfunktion tagelang angekurbelt nach dem Lesen eines Romans) oder „Reading a novel excercises ‚muscles‘ in the brain, researchers find“ (LA Times, zu deutsch: Einen Roman zu lesen, trainiert ‚Muskeln‘ im Gehirn). 19 Tage hintereinander wurden von den Probanden Hirnscans aufgenommen, um die Wirkungen des Lesens zu erfassen: fünf Tage vor, neun während und fünf nach der Lektüre des Romans „Pompeji“ von Robert Harris. „Und wie es ist, wenn die Hirnforschung mit ihren rechnergestützten Bildgebungsverfahren in unsere Seelen blickt“, schreibt die FAZ süffisant, „fündig wird sie immer.“

In drei Regionen entdeckten die Forscher neue Verschaltungen – interessanterweise auch in einem Bereich, der mit motorischer Kontrolle und der Verarbeitung von Berührungen assoziiert wird. Das könnte bedeuten, dass sich die Leser bis in körperliche Empfindungen hinein in die Haut der Protagonisten versetzen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Probanden nicht im Scanner lasen, sondern woanders, zu einer anderen Tageszeit. Gescannt wurde der Ruhezustand des Gehirns.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Wer selbstständig nachdenken kann, ist klar im Vorteil

Während die zitierten Artikel das alles schön beschreiben, sind auch hier Zweitmeinungen und Kritik Mangelware. Ein einziger Text ist es, der alles herausreißt und den Hirnscanner dann doch wieder halbwegs mit seiner Kollegenschaft versöhnt: Der „Brain Watch“-Blogger von Wired titelt frech und durchaus zutreffend: „Reading a novel alters your brain connectivity – so what?“, zu deutsch: Einen Roman zu lesen verändert Ihr Gehirn – na und? Dass gezielte geistige Aktivitäten Spuren im Hirn haben, ist ja nicht wirklich überraschend. Eine echte Nachricht wäre, wenn es sich anders verhielte. Vor allem nennt dieser Beitrag aber — im Gegensatz zu allen anderen — die vielen potenziellen Schwachstellen der Studie:

Besonders seinen Journalistenkollegen rät der Hirnscanner deswegen: Geht diese Kritikpunkte bitte noch einmal durch! Sie repräsentieren Fragen, die auch an viele andere Studien zu stellen wären.

Und dann trinkt einen großen Kaffee! Man weiß ja nie.

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