Hormone machen treu und Überstunden doof?

Der Hirnscanner beschäftigt sich diesmal viel mit Treue und mit Doofheit. Dabei stößt er vor allem auf treudoofe Berichterstattung. Und kommt sich am Ende selbst ein wenig dumm, sprich veräppelt, vor.

Veröffentlicht: 02.12.2013

Wie sehr kritischer Journalismus in Zeiten knapper Verlagskassen in Gefahr ist, das erfuhr der Hirnscanner gleich doppelt dieser Tage. Nicht nur im Bremer Forum für Wissenschaftsjournalismus zog sich das Thema einmal mehr durch viele Programmpunkte und Diskussionen. Auch als der Hirnscanner gerade aus Bremen zurückgekommen war, konnte er sich davon überzeugen. Denn kaum durchstöberte er das weltweite Datennetz nach Meldungen zweifelhaften Inhalts über Hirnforschung, wurde er prompt mehr als fündig.

„Kuschelhormon Oxytocin macht monogam“, hieß es beispielsweise beim Wissensmagazin Scinexx. Ein ähnlicher Tenor auch bei der Kölnischen Rundschau: „Oxytocin macht monogam“ und bei das​Ge​hirn​.info: „Oxytocin stärkt Monogamie“. Bei der Frankfurter Rundschau entdecken Forscher gar die „Treue-​Formel“. Man könnte die Liste noch ewig fortsetzen.

Was war der Anlass der Berichterstattung? Wissenschaftler um René Hurlemann vom Universitätsklinikum Bonn hatten in einem Experiment untersucht, ob das populär als „Bindungshormon“ bekannte Neuropeptid Oxytocin dazu beiträgt, die partnerschaftliche Bindung zu erhöhen. Zu diesem Zweck präsentierten die Forscher 40 liierten Männern Bilder von ihren Partnerinnen und zum Vergleich von fremden Frauen. Die Probanden bekamen zuvor entweder eine Dosis Oxytocin mit einem Nasenspray verabreicht oder ein Placebo. Erhielten die Männer Oxytocin anstatt des Placebos, war ihr Belohnungssystem im Gehirn beim Anblick der Partnerin sehr aktiv. Gleichzeitig empfanden sie ihre bessere Hälfte als attraktiver und begehrenswerter als die fremden Frauen.

Oxytocin

Oxytozin/-/oxytocin

Ein im Nucleus paraventricularis und im Nucleus supraopticus des Hypothalamus gebildetes Hormon, welches aus dem Hypophysenhinterlappen ins Blut ausgeschüttet wird. Es leitet bei der Geburt die Wehen ein und wird beim Stillen sowie beim Orgasmus ausgeschüttet. Es scheint die Paarbindung zu erhöhen und Vertrauen zu schaffen. Neuere Erkenntnisse weißen darauf hin, dass das oft als Kuschelhormon bezeichnete Oxytocin jedoch weitaus komplexer ist und seine Effekte auch eine Abgrenzung zur andern Gruppen (out-​groups) beinhalten.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Ein genauerer Blick lohnt sich

Schaut man sich die Studie genauer an, stellt man fest: Sie liefert eigentlich keine direkte Aussage dazu, ob Oxytocin Mann wirklich treu und monogam macht. Das konnte sie auch überhaupt nicht herausfinden mit ihrem Ansatz. Die Forscher selbst äußern sich in ihrer Studie entsprechend deutlich zurückhaltender: Oxytocin trage vermutlich zu einer romantischen Bindung auf Seiten der Männer bei, indem es die Attraktivität der Partnerin erhöhe und den Belohnungswert im Vergleich zu anderen Frauen steigere. Übrigens ist zumindest der letzte Teil dieser Vermutung auch nicht ganz unproblematisch. Denn von den Aktivierungsmustern im Gehirn darauf zu schließen, was mental im Kopf (Belohnung!) eines Menschen abläuft, ist grundsätzlich heikel (Liebe ist Biochemie – und was noch?).

Oxytocin

Oxytozin/-/oxytocin

Ein im Nucleus paraventricularis und im Nucleus supraopticus des Hypothalamus gebildetes Hormon, welches aus dem Hypophysenhinterlappen ins Blut ausgeschüttet wird. Es leitet bei der Geburt die Wehen ein und wird beim Stillen sowie beim Orgasmus ausgeschüttet. Es scheint die Paarbindung zu erhöhen und Vertrauen zu schaffen. Neuere Erkenntnisse weißen darauf hin, dass das oft als Kuschelhormon bezeichnete Oxytocin jedoch weitaus komplexer ist und seine Effekte auch eine Abgrenzung zur andern Gruppen (out-​groups) beinhalten.

Pressemitteilung gibt den Ton vor

In den Medien jedenfalls verwandelt sich die Vermutung schnell in einen tatsächlichen ursächlichen Zusammenhang. Diese Lesart gibt ganz offensichtlich eine Pressemitteilung des Universitätsklinikums Bonn vor: „Verabreicht man Männern Oxytocin und zeigt ihnen Bilder ihrer Partnerin, stimuliert das Bindungshormon das Belohnungszentrum im Gehirn, erhöht die Attraktivität der Partnerin und stärkt die Monogamie“, lautet dort die einfache Botschaft. Diese Pressemitteilung wurde von der Nachrichtenagentur dpa aufgegriffen, deren eigene Meldung wiederum vielen Beiträgen in den Medien unkritisch als direkte oder indirekte Grundlage diente.

Von Eigenrecherche zumeist keine Spur. Eine löbliche Ausnahme stellt ein Beitrag auf focus​.de dar, der von einer Focus-​Autorin verfasst wurde. Zwar heißt es allen Ernstes in der Dachzeile: „Rätsel um die Monogamie gelöst“. Der Artikel selbst ist dann aber doch wesentlich differenzierter. Die Autorin stellt darin zumindest zum Schluss eine berechtigte Frage: „Ist Oxytocin also ein Allheilmittel gegen Untreue in der Partnerschaft?“ Und lässt daraufhin René Hurlemann zu Wort kommen.

Die Frage, ob untreue Männer weniger Oxytocin ausschütten, müsse er verneinen: „Ich könnte mir aber vorstellen, dass bei einigen Paaren die Untreue dadurch begründbar ist, dass weniger Intimitäten und Zärtlichkeiten stattfinden und dadurch auch weniger Oxytocin ausgeschüttet wird.“ Ein Paar, das durch Zärtlichkeiten aber den Oxytocin-​Spiegel im Körper der jeweiligen Partner aufrecht erhält, so vermutet Hurlemann auf focus​.de, „schützt sich dadurch in gewisser Weise also auch vor Untreue.“ Das klingt nun doch ein wenig anders als in den reißerischen Behauptungen der Pressemitteilung.

Oxytocin

Oxytozin/-/oxytocin

Ein im Nucleus paraventricularis und im Nucleus supraopticus des Hypothalamus gebildetes Hormon, welches aus dem Hypophysenhinterlappen ins Blut ausgeschüttet wird. Es leitet bei der Geburt die Wehen ein und wird beim Stillen sowie beim Orgasmus ausgeschüttet. Es scheint die Paarbindung zu erhöhen und Vertrauen zu schaffen. Neuere Erkenntnisse weißen darauf hin, dass das oft als Kuschelhormon bezeichnete Oxytocin jedoch weitaus komplexer ist und seine Effekte auch eine Abgrenzung zur andern Gruppen (out-​groups) beinhalten.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Überstunden schaden dem Gehirn?

Eine weitere Nachricht sorgte beim Hirnscanner für Irritation: „Wer andauernd Mehrstunden schiebt, schadet damit seinem Hirn“, behauptet die Onlineausgabe des österreichischen Standard im Vorspann einer Meldung. Im eigentlichen Beitrag ist dann keine Rede mehr vom Gehirn. Stattdessen heißt es: „Über einen Zeitraum von fünf Jahren wurden die Teilnehmer auf Faktoren wie Intelligenz, Sprachschatz und Sprachvermögen getestet. Jene, die durchschnittlich 55 Stunden pro Woche arbeiteten, verfügten über ein kleineres Vokabular und zeigten einen geringeren IQ.“ Es ging also in der Studie offensichtlich gar nicht um das Gehirn, sondern um kognitive Fähigkeiten. In einem weiteren Beitrag zu dem Thema auf zeit​.de wird das zwar bereits in der Überschrift deutlich. Sie ist aber in ihrer plumpen und naiven Art fast noch schlimmer: „Zu viele Überstunden machen doof und krank“.

Beide Beiträge haben auf jeden Fall eine Sache gemein: Sie behaupten etwas, was die zu Grunde liegende Studie offensichtlich gar nicht hergibt. Denn Forscher vom Finnish Institute of Occupational Health haben wohl lediglich einen statistischen Zusammenhang zwischen längeren Arbeitszeiten und schlechteren kognitiven Leistungen festgestellt. Leider kann der Hirnscanner nicht einmal einen Blick in die Studie werfen und sich ein genaueres Bild machen. Denn einzig und allein auf zeit​.de ist ein Link zu finden. Der führt zu einer immerhin schon ein Jahr alten Studie, die – und jetzt kommt das eigentlich Absurde – den Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und Herzerkrankungen aufzeigt!

Überstunden scheinen vor allem Redakteuren zu schaden

Offensichtlich hatte der Kollege in der Redaktion schon zu viele Überstunden hinter sich und hat zur falschen Studie verlinkt. Nach langem, mühsamem Suchen förderte der Hirnscanner nur eine passende Studie des finnischen Forscherteams zutage; sie stammt von 2009. In ihr ging es tatsächlich um einen statistischen Zusammenhang zwischen längerem Arbeiten und schlechteren kognitiven Leistungen. Haben die Redaktionen also wirklich eine vier Jahre alte Studie für eine aktuelle Nachricht ausgegraben? Auf zeit​.de spekuliert ein ebenfalls kritischer Leser, ob nicht etwa eine Agenturmeldung die Redaktion veranlasst habe, die alte Studie noch einmal neu zum Thema zu machen. Ob es sich tatsächlich so verhält? Man weiß es nicht.

Auf jeden Fall kommt sich der Hirnscanner nach der langen, erfolglosen Suche selbst ein wenig doof, sprich veräppelt, vor. Und bevor er vor lauter Überstunden noch ganz dusselig wird, macht er jetzt lieber Feierabend für heute. Bis demnächst!

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