Gehirn auf der Anklagebank?

Autor: Ulrich Pontes

Gegen seine Gewohnheit verteilt der Hirnscanner diesmal überwiegend Lob. Eine spektakuläre Geschichte über „Neuro-​Justiz“ scheint ihm dann allerdings doch etwas effektheischend und ergänzungsbedürftig, denn: Du bist nicht (nur) dein Gehirn.

Veröffentlicht: 23.09.2013

Only bad news are good news: Geht man nach diesem (sicherlich diskutablen) journalistischen Grundsatz, dann hat der Hirnscanner diesmal keine guten Nachrichten. Wollten sich doch trotz fleißiger Suche netzauf, netzab keine verrisswürdigen Artikel über Hirnforschung finden. Vielmehr boten die Medien zuletzt durchaus akzeptable bis gute Texte, etwa über neue Erkenntnisse zum Gehirnjogging per Computerspielen. Sie brachten eine zumindest brauchbare Agenturmeldung über eine neue Möglichkeit, Fadenwurm-​Gehirne bei der Arbeit zu beobachten.

Zwei weitere Texte gefielen dem Hirnscanner sogar außerordentlich gut: So begegnet im Tagesspiel der Philosoph und Buchautor Matthias Eckoldt dem Hirnforscher Gerhard Roth zu einem ungewöhnlich authentischen Interview. Und die Autorin Fabienne Hübner geht in einem informativen und anschaulichen Text in der NZZ nicht nur der Frage nach, wie Wissenschaftler den Schaltplan unseres Gehirns, das so genannte Konnektom, entwirren wollen, sondern lässt auch Kritiker dieses zuletzt in Mode gekommenen Forschungsansatzes zu Wort kommen – so geht Wissenschaftsjournalismus, der einen Mehrwert gegenüber Wissenschafts-​PR bietet.

Empfehlenswert, aber ergänzungsbedürftig

Eigenständig und prinzipiell empfehlenswert ist auch eine weitere aktuelle Geschichte über Neuroforschung. Sie ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins Geo erschienen (und leider nur offline bzw. als kostenpflichtige iPad-​Ausgabe erhältlich). Groß prangt auf dem Cover der Titel „Tatort Gehirn“. Trotzdem hinterlässt dieser Artikel einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits berichtet er solide über wichtige Erkenntnisse der Hirnforschung. Andererseits übertreibt er es nach dem Geschmack des Hirnscanners bei dem Versuch, diesen Inhalt attraktiv zu verpacken: Bildlich gesprochen, drohen die wichtigen Erkenntnisse im Glitzern und Rascheln einer letztlich etwas irreführenden Verpackung unterzugehen.

Konkret geht es in dem Geo-​Artikel um die spannende Frage, wie frei wir Menschen in unserem Denken und Handeln sind, und welche Folgen dies möglicherweise für unser Verständnis von Verantwortung und Schuld hat. Klar ist: Viele Ergebnisse der Hirnforschung – und erst recht die Deutungsansprüche mancher Hirnforscher, die etwa zur Behauptung „Freier Wille ist nur eine Illusion“ geführt haben – rühren massiv an unser Menschenbild. Diese Diskussion grundlegend und allgemeinverständlich aufzurollen, wie es „Tatort Gehirn“ in Angriff nimmt, findet der Hirnscanner immer wieder lohnend. (Auch das​Ge​hirn​.info hat diesem Thema bereits ein Dossier gewidmet: Moral und Schuld.)

Geschmack

Geschmack/-/flavor

Der Sinneseindruck, den wir als „Geschmack“ bezeichnen, ergibt sich aus dem Zusammenspiel zwischen Geruchs– und Geschmackssinn. Sinnesphysiologisch ist „Geschmack“ jedoch auf den Eindruck begrenzt, den uns die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge und in den umgebenden Schleimhäuten zuführen. Aktuell geht man davon aus, dass es fünf verschiedene Sorten von Geschmacksrezeptoren gibt, die auf die Geschmacksqualitäten süß, sauer, salzig, bitter und umami spezialisiert sind. 2005 haben Wissenschaftler zudem einen möglichen Geschmacksrezeptor für Fett identifiziert.

Begehbare Hologramme und robotergleiche Maschinen

Als Rahmenhandlung wählt der Artikel einen in der Zukunft angesiedelten Strafprozess. In der fiktiven Gerichtsverhandlung werden dreidimensionale, begehbare Projektionen des Gehirns des Angeklagten zum Hauptbeweismittel. Besonders spektakulär: Während der Angeklagte anderswo im Hirnscanner einen Test zur Affektkontrolle durchläuft, werden die Bilder live in den Gerichtssaal übertragen. Zusammen mit Genmutationen und anatomischen Besonderheiten soll so – ohne Rücksicht auf Aussagen und Motive – der Beweis erbracht werden, dass der Täter von der Biologie darauf festgelegt ist, gewalttätig zu werden – was dann wahlweise als Argument dient, ihn für schuldunfähig zu erklären und freizusprechen oder aber ihn als dauerhaftes Sicherheitsrisiko wegzusperren.

Der fiktive Prozess ist im Artikel knapp, aber effektvoll geschildert, deswegen dürften sich diese Szenen auch ins Gedächtnis des Lesers graben, allen sonstigen Inhalten zum Trotz. Und das ist, was der Hirnscanner an der Geo-​Geschichte problematisch findet. Transportiert und verstärkt sie so doch die bei manchen Hirnforschern, vor allem aber in der populären Darstellung von Hirnforschung immer wieder anzutreffende Reduktion des Menschen auf sein Gehirn. Als ob ein – egal wie pathologisch geartetes – Gehirn für sich allein genommen morden könnte. Als ob es robotergleich, völlig unbeirrbar etwa von seiner Umwelt und dem sozialen Umfeld, einem vorgegebenen Schema folgen würde.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Du bist nicht dein Gehirn

Solchen Alleinerklärungsfantasien muss der Hirnscanner entschieden entgegentreten: So interessant und wichtig das Gehirn auch ist – ein Mensch denkt, entscheidet und handelt immer als ganze Person. Mit seinem Gehirn, durchaus, aber nicht ohne den Rest des Körpers, nicht unabhängig von äußeren Einflüssen, nicht ohne höchst komplexes – und vermutlich nie eins zu eins auf neuronale Aktivitäten zurückführbares – Zusammenspiel von physiologischen Gegebenheiten, Erfahrungen, Prägungen, widerstreitenden Motiven, eigenen Abwägungen, moralischen Werten.

So verführerisch die Analogie auch sein mag, das Gehirn als Computer zu betrachten, als Maschine also, die streng vorhersagbar nach einem Programm arbeitet: Die Hoffnung, dieses Programm jemals zu entziffern und zu verstehen, ist genau das: eine vage Hoffnung, für die es kaum plausible Argumente, geschweige denn Belege gibt. Ganz im Gegenteil: Selbst wenn wir die Details von neuronalen Prozessen eines Tages umfassend verstehen sollten, wäre es völlig illusorisch, den Zustand des Gehirns zu irgendeinem Zeitpunkt so umfassend und genau zu erfassen, dass sich daraus brauchbare Vorhersagen über die weitere Entwicklung berechnen ließen. Das geben selbst Verfechter des unfreien Willens wie Wolf Singer freimütig zu (Ist der freie Wille wirklich frei?).

Mit solchen zugegeben abstrakten, aber essentiellen Überlegungen hält sich der Geo-​Artikel allerdings nicht auf. Stattdessen referiert er das tausendfach zum Beleg für neuronalen Determinismus stilisierte Libet-​Experiment – das Menschen vermeintlich zum „Sklaven ihrer (Neuro-)Biologie“ degradiert – ohne in die unabdingbar dazugehörende Diskussion der Ergebnisse einzusteigen. Um falsche Eindrücke zurechtzurücken, ist dringend zu empfehlen, ergänzend den Artikel zum Thema auf dieser Website zu lesen. (Frei oder nicht frei?)

Neue Freiheit dank Neurofeedback?

Am Ende mündet der Geo-​Report in eine interessante Pointe: Dass die Hirnforschung nämlich, statt die Unfreiheit des Menschen zu zementieren, letztlich möglicherweise zu neuer Freiheit verhelfen könnte. Anlass zu dieser Hoffnung gibt der abschließend geschilderte, reale Versuch, verurteilten Psychopathen mittels einer speziellen Neuro-​Feedbacktechnik fehlende emotionale Regungen anzutrainieren. Gegen diese Wendung hat der Hirnscanner auch nichts einzuwenden – nur befürchtet er, dass dieser Verweis auf laufende Forschung einen anderen Eindruck nicht entkräften wird, den der Artikel vorher beim Leser aufgebaut hat: dass die Hirnforschung und ihre Erkenntnisse über die Unfreiheit des Menschen nämlich unserer Strafjustiz letztlich das Fundament entziehen.

Auch hier scheint dem Hirnscanner eine Ergänzung unabdingbar. Selbst Unfreiheits-​Verfechter weisen nämlich deutlich darauf hin, dass ihre Erkenntnisse mitnichten eine Revolution der Rechtsprechung erforderlich machen. Denn es mag zwar das klassische Verständnis von Verantwortung und Schuld zur Disposition stehen, das davon ausgeht, dass ein Mensch in seiner Entscheidung für oder gegen ein Verbrechen völlig frei ist und sich genauso gut anders hätte entscheiden können (es sei denn, seine Schuldfähigkeit ist besonders beeinträchtigt). Aber diese Voraussetzung braucht unsere Rechtspraxis gar nicht unbedingt. Vielmehr macht eine Bestrafung auch ohne die genannten Annahmen durchaus Sinn: Sie setzt klare Zeichen, welches Verhalten im Sinne einer Gemeinschaft wünschenswert ist, und schafft wirksame Anreize gegen gemeinschaftsschädigendes Verhalten.

Letztlich bedroht die „Neuro-​Justiz“ also nicht die Praxis unserer Rechtsprechung – zumal die Erkenntnis weitgehender Unfreiheit des Menschen nicht erst durch die Hirnforschung in die Welt kam: Die Psychologie konnte auch ohne Neuro-​Methoden schon ganz gut herausfinden, wie sehr jeder Mensch ein Produkt seiner Erziehung, seines sozialen Umfelds, seiner Zwangslagen ist. Vielmehr verschaffen die neuen Erkenntnisse „nur“ der Rechtsphilosophie die Hausaufgabe, eine zeitgemäße Begründung des Strafrechts zu liefern. Die Rechtspraxis wird sich dadurch letztlich weiterentwickeln – allerdings ohne zu kollabieren, sondern mit der Chance, dem einzelnen Täter besser als heute gerecht zu werden und ihm nach Möglichkeit den Weg zurück in ein gemeinschaftskompatibles Leben zu ermöglichen. Das ist dann letztlich vielleicht doch noch eine gute Nachricht.

Schuldfähigkeit

Schuldfähigkeit/-/responsibility

In neuroethischem Kontext ergibt sich das Thema „Schuldfähigkeit“ aus der Frage, ob der Mensch einen freien Willen besitzt: Nur wenn jemand eine Handlung aus freien Stücken begeht, lässt sich diese auch moralisch bewerten. Einige führende Neurowissenschaftler argumentieren auf der Basis ihrer Forschungsergebnisse, der Mensch besitze keinen freien Willen. Demnach seien selbst Straftäter nicht für ihre Handlungen verantwortlich. Würde sich diese Denkweise durchsetzen, so hätte dies neben moralischen auch erhebliche juristische Auswirkungen.

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