Facebook, Bier und eine Ohrfeige für die Hirnforschung

Diese Woche lernt der Hirnscanner wieder so einiges fürs Leben. Man sollte weniger Zeit auf Facebook verbringen, dafür aber mehr Bier trinken – das macht wenigstens glücklich. Und noch wichtiger: Nicht alles glauben, was man in den Medien liest!

Veröffentlicht: 22.04.2013

Die Medienberichte zur Hirnforschung haben den Hirnscanner in den letzten zwei Wochen viel fürs Leben lernen lassen. Während er in den unendlichen Weiten des World Wide Webs unterwegs war, stieß er auf eine beunruhigende Nachricht: „Britische Neurologin warnt: Facebook verändert unser Gehirn!“ So schlug Bild​.de Alarm, mit obligatorischem Ausrufezeichen. Und weiter: „Es raubt uns die Individualität und macht unser Denken kindlich.“

Der Beitrag bezieht sich auf einen Artikel der Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield von der University of Oxford im britischen Telegraph. Greenfield befürchtet, dass die neue App „Facebook Home“ die Nutzer noch mehr in die Onlinewelt hineinziehen könnte, weil sie künftig alle Neuigkeiten ihrer Freunde auf dem Startbildschirm des Smartphones angezeigt bekommen.

Triviale Aussage

Bereits die Überschrift des Bild.de-Beitrags ist nicht besonders glücklich gewählt. Auch nicht die im englischen Original vorsichtigere Formulierung „Facebook Home could change our brains“ („Facebook Home könnte unser Gehirn verändern“). Denn die Aussage ist zunächst einmal recht trivial: Jede Interaktion, auch eine virtuelle, verändert das äußerst plastische Gehirn.

Letztlich kann Greenfield auch in ihrem Beitrag nicht viel mehr bieten, als auf diese Formbarkeit unseres Denkapparats zu verweisen. Das menschliche Gehirn könne sich seiner Umgebung in einzigartiger Weise anpassen, zitiert Bild​.de die Forscherin. Da wir in einer immer digitaler werdenden Welt lebten, seien wir permanent auf Alarmbereitschaft getrimmt, „was andere Menschen (in dem Fall unsere Facebook-​Freunde) gerade tun oder welche Meinung sie derzeit vertreten“. Dadurch ändere sich unsere Denkweise, unsere Einstellung zu vielen Dingen.

Darüberhinaus ergeht sich Greenfield in psychologischen Spekulationen. Unsere Denkweise bleibe eher kindlich, abhängig von dem Verhalten und den Gedanken anderer. Belege bleibt sie in ihrem Essay schuldig. Kein Wunder: Susan Greenfield hat ganz offensichtlich keine Studie zu dem Thema durchgeführt und verweist auch nicht auf Untersuchungen anderer Forscher. Sie äußert lediglich ihre persönliche Meinung zum aktuellen Thema. Auf Bild​.de klingt vieles aber wie eine Beschreibung von Tatsachen, schließlich wird Greenfield als „Expertin“ vorgestellt.

Für den Hirnscanner ist das bezeichnend: In der heutigen Zeit reicht es ganz offensichtlich, einmal mehr die Neurokarte auszuspielen. Es liegt im Trend, dass sich Hirnforscher zu allem und jedem äußern und Medienvertreter gierig mitschreiben. Ob die „Experten“ in den entsprechenden Bereichen Ahnung haben, ist den Journalisten oft egal. Hauptsache, man kann das Etikett „Neuro“ verwenden.

Sensationsfund: Bier macht glücklich

Auf den Schrecken, der Facebook-​Konsum könne das eigene, liebgewonnene Gehirn verändern, brauchte der Hirnscanner erst einmal ein kühles Bier. Und die nächste Nachricht, auf die er stieß, bestärkte ihn in seinem Griff zur Flasche: „Bier verursacht Glücksgefühle – Gehirn reagiert auf Gerstensaft“ ist ein Beitrag auf Focus Online überschrieben. Dass Bier Glücksgefühle verursachen kann, wer hätte das gedacht! Und dass das Gehirn auf den Gerstensaft reagiert, ist auch ein sensationeller Fund!

Mit der zugrunde liegenden Studie hat die Aussage der Überschrift allerdings wenig bis gar nichts zu tun. Näher kommt man ihr erst, wenn man etwas weiter liest: „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Geschmack des Gerstensafts im Gehirn die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin anregt – das gilt auch für alkoholfreies Bier.“. In einem Experiment, dessen Ergebnisse in Neuropsychopharmacology veröffentlicht wurden, hatten Forscher prüfen wollen, ob der Botenstoff Dopamin nicht nur durch Alkohol verstärkt ausgeschüttet wird, sondern ob schon der Geschmack des Biers dafür ausreicht.

Die Wissenschaftler ließen Probanden ihr Lieblingsbier mit wirkungslosem Alkoholgehalt kosten. Zum Vergleich bekamen sie auch ein nicht-​alkoholisches Sportlergetränk vorgesetzt. Tatsächlich war beim Genuss des Gerstensafts die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin in Teilen des Gehirns größer. Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei Probanden, die Verwandte mit Alkoholproblemen hatten. Zudem verspürten die Freiwilligen beim Genuss des Biers einen größeren Wunsch zu trinken. Den Autoren zufolge könnte eine Dopamin-​Ausschüttung, ausgelöst durch Reize wie den Biergeschmack, zu Alkoholismus beitragen. Schon länger wird der Botenstoff mit Suchtverhalten in Verbindung gebracht und spielt eine wichtige Rolle im Belohnungssystem.

Ob die Probanden das Biertrinken glücklich gemacht hat, darüber schweigt sich die Studie allerdings aus. Wie kommen die Medien also darauf? Warum schreibt auch die Berliner Morgenpost „Der Geschmack von Bier macht glücklich – auch ohne Alkohol“? Wahrscheinlich hat das Wörtchen „Dopamin“ die Fantasie der Autoren angeregt. Sobald von ihm die Rede ist, sprechen Medien allzu vereinfachend vom Glückshormon. Immerhin spielt es ja bei Belohnungen eine wichtige Rolle. So lautet die einfache Formel in den Medien gerne: Dopamin = Glück.

Geschmack

Geschmack/-/flavor

Der Sinneseindruck, den wir als „Geschmack“ bezeichnen, ergibt sich aus dem Zusammenspiel zwischen Geruchs– und Geschmackssinn. Sinnesphysiologisch ist „Geschmack“ jedoch auf den Eindruck begrenzt, den uns die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge und in den umgebenden Schleimhäuten zuführen. Aktuell geht man davon aus, dass es fünf verschiedene Sorten von Geschmacksrezeptoren gibt, die auf die Geschmacksqualitäten süß, sauer, salzig, bitter und umami spezialisiert sind. 2005 haben Wissenschaftler zudem einen möglichen Geschmacksrezeptor für Fett identifiziert.

Dopamin

Dopamin/-/dopamine

Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff des zentralen Nervensystems, der in die Gruppe der Catecholamine gehört. Es spielt eine Rolle bei Motorik, Motivation, Emotion und kognitiven Prozessen. Störungen in der Funktion dieses Transmitters spielen eine Rolle bei vielen Erkrankungen des Gehirns, wie Schizophrenie, Depression, Parkinsonsche Krankheit, oder Substanzabhängigkeit.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Ohrfeige für die Hirnforschung

Berauscht vom Bier und der Bierstudie machte den Hirnscanner aber eine andere Studie schlagartig wieder nüchtern. Leider kam sie in den deutschsprachigen Medien allzu kurz. Einzig und allein Süddeutsche.de vermeldete: „Verheerendes Zeugnis für die Hirnforschung“. Eine neue Studie britischer Forscher wecke erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit von Untersuchungen der Hirnforschung. „Denn die statistische Aussagekraft vieler Untersuchungen ist schwach.“ Forscher um Katherine Button hatten in Nature Reviews Neuroscience alle Metaanalysen unter die Lupe genommen, die 2011 erschienen sind. Auf diese Weise konnten sie 730 Studien erfassen – Untersuchungen mit Bildgebung, genetische Studien und Tierstudien. Die untersuchten Studien verfügten im Schnitt über eine extrem niedrige statistische Aussagekraft von rund 20 Prozent. „Dies bedeutet, dass nur in einem von fünf Fällen ein gesuchter Effekt auch wirklich gefunden wird“, so Süddeutsche.de.

Grund für die schwache statistische Aussagekraft ist ein altes Manko der Hirnforschung: zu kleine Probandenzahlen. Das habe zwei wichtige Folgen, zitiert Süddeutsche.de Katherine Button: „Viele Studien können gar nicht eindeutige Antworten auf die Fragen geben, die sie stellen; und manche behauptete Entdeckungen sind wahrscheinlich falsch oder irreführend.“ Für den Hirnscanner ein Grund mehr, nicht jeder Sensationen versprechenden Meldung zu glauben. Prost!

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Linus M 23.04.2013
Mal ab von den möglichen Assoziationen, die viele Menschen alleine mit dem Geschmack von Bier haben, liegt es doch nahe, dass bei der Aufnahme von Nahrungsmitteln immer irgendwo ein Glücksgefühl vorhanden ist. Gleiches dürfte bei Cola, Saft oder auch reinem Wasser zu finden sein, schließlich geht es hier um Lebensmittel: Würden wir sie nicht zu uns nehmen, ginge es uns schlecht. Entsprechend geht es uns gut, wenn wir irgendetwas zu uns nehmen. Und falls es dann auch noch gut schmeckt, umso besser.

Dass der Genuss alkoholfreien Bieres nun eine Dopaminfreisetzung auslöst, die über den gleichen Effekt beim genuss eines Sportgetränks hinausgeht, ist doch eigentlich auch recht trivial. Das ist eben wie der Anblick des Suchtobjekts vor dem eigentlichen Konsum, das ist Glück durch Assoziation. Und Dopamin ist eben - wie so oft - eine physiologische Komponente dabei.

Vermutlich dürfte der Glückseffekt schnell nachlassen, wenn der tatsächliche Suchtstoff dann, nach längerem Präsentierren des bloßen Assoziationsreizes, nicht konsumiert wird (wurde das in der Studie getestet?), doch auch dann bleibt noch der Geschmack des Bieres. Und der allein muss ja bereits gut sein. Wenn es schließlich nur um den Konsum von Alkohl im 5% Breich ginge, so könnten wir uns auch mit verdünntem Wein oder Coctails begnügen. Dennoch haben wir das Bier erfunden. Dafür muss es ja wohl einen Grund geben; und der gute Geschmack liegt wohl nahe.

Mal schauen, wie viel Studien noch kommen, in denen Dopamin Ausschüttung als Korrelation eines Glücksgefühls gezeigt wird. Ein neuer Titel für alles was Spass Macht, sozusagen. Da kommen noch eine Menge Sensationsfunde...

Guter Hirnscanner!

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