Einheitliche Nachrichten über das Jenseits

Autor: Ragnar Vogt

Wie lassen sich Nahtod-​Erfahrungen wissenschaftlich erklären? Eine Studie an Ratten lieferte einen Hinweis. Das fanden viele Medien spannend – leider berichteten sie viel zu eintönig.

Veröffentlicht: 26.08.2013

Helles, gleißendes Licht, dein Geist verlässt den Körper, du schwebst durch eine wunderschöné Landschaft, alles fühlt sich realer als real an, dann siehst du die Lieben wieder, die schon verstorben sind, und du weißt, dass du einen Blick ins Jenseits geworfen hast. – So oder so ähnlich berichten Menschen von ihren Nahtod-​Erlebnissen. Einige Gläubige sehen darin einen Beweis dafür, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und dass die Seele losgelöst vom Körper existieren kann. Möglicherweise wegen dieser Nähe zum Glauben, aber auch zur Esoterik haben sich bisher nicht viele Wissenschaftler an das Thema herangewagt.

Um so erfreuter ist der Hirnscanner, dass nun Forscher der University of Michigan zumindest einen Hinweis gefunden haben, wie das Phänomen des Nahtoderlebnisses neurophysiologisch erklärt werden könnte: Ratten zeigten 30 Sekunden nach dem Herzstillstand eine auffällig hohe Hirnaktivität im EEG, die zudem ungewöhnlich synchron in so genannten Gamma-​Wellen schwang. Das könne das neuronale Korrelat einer Nahtod-​Erfahrung sein, vermuten die Forscher.

Eine Nachricht, an der natürlich die meisten großen Medien nicht vorbeikamen. Spiegel Online, Focus, die Welt und n​-tv​.de berichteten. Bei genauerer Lektüre zeigt sich aber, dass all diese Texte sehr ähnlich sind – was daran liegt, dass sie alle auf einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa beruhen.

Diese ist so schlecht nicht: Der dpa-​Text beschreibt die Studie anschaulich, außerdem kommen die beteiligten Wissenschaftler mit interessanten Zitaten zu Wort. Letztere stammen allerdings von einer Pressemitteilung der Universität Michigan, ohne dass dpa darauf hinweist. Zudem: In dem dpa-​Text wird zwar geschrieben, dass es sich um eine Tierstudie handelt. Dennoch wird nicht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich solche bei Ratten gewonnenen Ergebnisse nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen lassen.

Unabhängiger Wissenschaftler kommt zu Wort

Auf der anderen Seite macht die Nachrichtenagentur löblicherweise etwas, was sonst allzu oft fehlt: Sie lässt einen unabhängigen Wissenschaftler die Studie bewerten. In dem Fall war es der Neurologe Michael Schroeter von der Universitätsklinik Köln. Er sagt: „Die Untersuchung zeigt wohl erstmals ein Hirnstrom-​Abbild des Bewusstseins nach einem Herzstillstand.“ Sprich, er hält die Studie für plausibel – eine wichtige Information, gerade bei einem Forschungsgegenstand, der neu aufgetan wird und noch dazu von vielen Menschen aus weltanschaulichen Gründen angezweifelt werden dürfte.

Für eine schnelle Nachrichtenmeldung hat dpa also das meiste richtig gemacht. Bleibt noch zu schauen, ob die Medien die Meldung richtig präsentiert haben. Die Überschriften sind tatsächlich angemessen vorsichtig gewählt, etwa bei Spiegel Online („Forscher finden mögliche Erklärung für Nahtoderlebnis“) und Focus Online („Forscher nähern sich dem Geheimnis um den Nahtod ). Eine Kritik hat der Hirnscanner aber: n​-tv​.de, welt​.de und Focus Online erwähnen weder in der Überschrift noch im Teaser, dass es sich um eine Studie an Ratten handelt und nicht am Menschen. Erst im Artikel selbst wird das deutlich. Lediglich Spiegel Online erwähnt die Ratten bereits im Teaser.

So ok die dpa-​Meldung auch sein mag, der Hirnscanner ärgert sich dennoch, dass die meisten Medien ausschließlich darauf zurückgegriffen haben bei der Berichterstattung über die Studie. Schließlich könnte diese Forschung über Nahtoderlebnisse den Glauben oder die Weltanschauung von vielen Menschen beeinflussen. Das sollte den Kollegen eigentlich mehr Arbeit wert sein als das bloße Übernehmen einer Agenturmeldung. Doch auch knapp zwei Wochen nach Veröffentlichung der Ergebnisse finden sich kaum ausführlichere Hintergrundartikel zu der Studie.

Ausnahmen vom dpa-​Einheitsbrei

Ein paar Medien sind vom dpa-​Einheitsbrei abgewichen: Der Tagesspiegel etwa und die Neue Züricher Zeitung. Beide Texte sind zwar korrekt, aber sehr kurz verfasst, sodass das Thema nur sehr oberflächlich angerissen wurde. Ausführlicher ist die Wissensplattform scinexx, bei der allerdings einiges von der Uni-​Pressemeldung übernommen wurde.

Interessanterweise hat auch die evangelische Nachrichtenagentur epd (nachzulesen etwa auf evan​ge​lisch​.de) berichtet, die sonst kaum über Wissenschaftsthemen schreibt. Auch dort kommt ein unbeteiligter Forscher zu Wort, als Zitat aus einem BBC-​Artikel, sodass man die Meldung als kurz, aber gelungen bezeichnen kann. So richtig geheuer scheint dem epd sein kalter Wissenschaftsblick auf ein solches Glaubensthema aber nicht gewesen zu sein, denn am nächsten Tag schob die Agentur einen Artikel nach, in dem das Forschungsergebnis konfrontiert wird mit Aussagen, die zwar von Wissenschaftlern stammen (etwa ein emeritierter Mathematikprofessor und ein US-​Neurochirurg), die aber eher vom Glauben als von Wissenschaftlichkeit geprägt sind. Zudem scheint es sich um ältere Zitate zu handeln, denn sie beziehen sich nicht direkt auf die Studie. Auch wird kommentarlos eine Schätzung des „Netzwerks Nahtod-​Erfahrung“ übernommen, nach der bereits vier Millionen Deutsche ein Nahtoderlebnis gehabt hätten – eine Zahl, die doch sehr hoch erscheint.

Verständlich, dass der von der Kirche finanzierte epd die naturwissenschaftliche Sicht auf die Nahtoderlebnisse nicht allein stehen lassen wollte, sondern um ein paar Zitate aus religiöser und spiritueller Sicht ergänzte. Ungewöhnlich aber, dass ausgerechnet die seriöse Welt in einem der wenigen Hintergrundartikel viele Versatzstücke aus dem epd-​Text übernommen hat. Dort warnt angeblich via BBC der Wissenschaftler Chris Chambers davor, die Studie überzubewerten. Bei Lektüre der bereits erwähnten BBC-​Meldung liest sich das einen Zungenschlag anders: Chambers lobt die Studie als guten Ausgangspunkt für weitere Forschungen. Er weist nur berechtigterweise darauf hin, dass eine Tierstudie nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen werden kann.

No votes have been submitted yet.

Richard Kinseher 27.08.2013
1) Der Theologe Herr Prof. Dr. Hans Küng wies bereits vor über 30 Jahren darauf hin, dass der biologische Tod für uns Menschen nicht reversibel ist. Wer von einem NTE berichten kann, muss daher zum Erlebenszeitpunkt des NTEs lebendig und bei Bewusstsein gewesen sein. NTEs werden daher aus guter theologischer Sicht noch nicht einmal als spirituelles Erlebnis betrachtet. Küng rechnete schon damals, dass sich NTEs naturwissenschaftlich erklären lassen - eine Sichtweise, die von Klugheit und Weitsicht zeugt.

Er ist meines Wissens der einzige Wissenschaftler mit einer derartig eindeutigen Sichtweise: NTEs sind Erlebnisse lebender Menschen.

2) NTEs werden sowohl von Menschen berichtet, A) welche zum Zeitpunkt des Erlebens nachweislich unverletzt, lebendig und bei Bewusstsein waren; wie auch B) von Menschen welche zum Erlebenszeitpunkt gesundheitlich beeinträchtigt waren (bis hin zum Herzstillstand).

Da die NTEs beider Gruppen in Struktur und Inhalten übereinstimmen, sollte für Wissenschaftler die erste Annahme sein - dass man zum Zeitpunkt des Erlebens lebendig und bei Bewusstsein war. Aber ausgerechnet diese Sichtweise wird von der NTE-Forschung vollständig ignoriert. NTEs werden einseitig nur als Sterbe-/Todeserfahrung betrachtet - man beschränkt sich auf möglichst dramatische Umstände (z.B. Herzstillstand); aber dass viele Personen zum Zeitpunkt des Erlebens lebendig und bei Bewusstsein waren wird ignoriert oder derartige NTEs werden als Fear-Death-Experiences ausgegliedert.

Wenn in der wissenschaftlichen Forschung gezielt Beobachtungen (= Daten: NTEs von Menschen deren Gesundheit nachweislich nicht beeinträchtigt war) ignoriert werden, dann ist dies ein wissenschaftliches Fehlverhalten, welches man umgangssprachlich als ´Betrug´ bezeichnen muss.

Datenmanipulation ist eines der schlimmsten Fehlverhalten in der wissenschaftlichen Forschung. Es ist nicht erlaubt, aus einer Gruppe gleichartiger Daten einen Teil davon zu entfernen, um manipulativ dann ein bestimmtes ergebnis zu erhalten.

Und ganz nebenbei: Wer eine Sterbe-/Todeserlebnis hat, muss danach eine Leiche sein - wir haben schon in der Schule gelernt, dass Steigerungsformen von ´tot´ (tot, töter, mausetot) nicht zulässig sind.

Richard Kinseher 18.05.2014
Ein Erklärungsmodell für Nahtod-Erfahrungen (NTEs) in Kürze:

1) NTEs beginnen oft, wenn ein Mensch hört, wie er für tot erklärt wird, oder selbst denkt, sterben zu müssen: Wer Hören/Denken kann ist lebendig und bei Bewusstsein. Der Gedanke ´Ich bin tot´ ist völlig unverständlich für einen lebenden Menschen, dadurch beginnt die NTE. Reize, die bei unterschiedlichen Exemplaren einer Art gleichartige Reaktion auslösen nennt man ´Schlüsselreiz´: D.h. ein Schlüsselreiz startet die NTE.

2) Bei einem eingehenden Reiz reaktiviert unser Gehirn sofort vergleichbares Wissen, damit wir schnell reagieren können. Für den Reiz ´Ich bin tot´ gibt es keine vergleichbare Erfahrung, daher vergleicht das Gehirn diesen Reiz systematisch/hierarchisch mit den Inhalten des episodischen Gedächtnisses. Diese werden in einem zustandsabhängigen Erinnerungsprozess reakiviert, neu bewertet und somit dem bewussten Erleben zugänglich. Weil dieser Vorgang extem schnell abläuft, hat man den Eindruck, sein ganzes Leben im Schnelldurchlauf dabei erlebt zu haben

3) manchmal erstellt das Gehirn zwischendurch eine Simulation der als aktuell empfundenen Situation. Die sogenannte ´Außerkörperliche Erfahrung´: dass es sich nur um eine Simulation mit Allgemeinwissen handelt, wird daran erkennbar, weil wichtige Details nachweislich falsch oder nicht vorhanden sind.

4) Eine NTE ist vorbei, wenn sich das Gehirn einem anderen Reiz zuwendet (z.B. wenn ein Arzt mit der Behandlung beginnt)

D.h. hier kann man bewusst erleben, wie das Gehirn einen einzelnen Reiz systematisch verarbeitet - dies wäre ein völlig neuer Zugang zum Verständnis über die allgemeine strukturierte Arbeitsweise unseres Gehirns. Damit ließe sich ein theoretisches Konzept erstellen, welches ermöglicht, allgemeine Abläufe bei der Reizverarbeitung zu untersuchen. Aber was macht die Gehirnforschung bis Heute: sie ignoriert diese eindeutigen Ablaufstrukturen.

Und das ist eine wesentlicher Kritikpunkt an der modernen Gehirnforschung mit ihrer Big-Data-Strategie: diese Daten nützen nichts, wenn keine Arbeitsmodelle dazu vorhanden sind.

Cornelius Schneider 06.12.2014
>>wie das Phänomen des Nahtoderlebnisses neurophysiologisch erklärt werden könnte

Hirnströme sind Korrelate.

Keine Erklärung.

Themen

Tags

Autor

Lizenzbestimmungen

Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.

BY-NC: Namensnennung, nicht kommerziell