Eigentor per Kopf

Autor: Ragnar Vogt

Das Sommerloch in der Fußballberichterstattung konnte ein wenig gestopft werden mit einer Meldung aus der Hirnforschung. Doch bei der an sich spannenden Nachricht unterlief den Redakteuren des Sportteils ein ziemlicher Fehler.

Veröffentlicht: 15.07.2013

Ja, diese Sommer in ungeraden Jahren sind schrecklich. Zumindest für Fußballfans. Dann gibt es nämlich weder WM noch EM. Gut, für die gegenderten Anhänger ist doch EM, die der Frauen. Aber das ist für viele kein Ersatz. Keine Herren-​Länderspiele, bei denen es um alles geht, die Bundesliga macht Sommerpause ebenso wie die Champions League – da gibt es keine großen Begegnungen in großen Stadien. So bleibt den Medien nur, den Hunger nach irgendetwas, das mit Ball und Tor und Abseits zu tun hat, zu stillen, indem über die Kleinigkeiten drumherum berichtet wird. Das erste Trainingslager mit dem neu-​bayrischen Übertrainer aus Barcelona oder irgendwelche unbedeutenden Testspiele gegen eine Sponsorenauswahl.

Diese Notlage erklärt wohl, warum folgende Nachricht so viel Resonanz gefunden hat: „Kopfbälle verändern das Gehirn“ überschreibt n​-tv​.de zurückhaltend die Meldung, etwas weiter vor wagt sich die Welt: „Kopfbälle können das Gehirn schädigen“. Ähnlich titeln auch die WAZ und der Standard. Wenig überraschend treibt es die Bild am weitesten: „Kopfbälle können dumm machen“.

All die genannten Artikel sind fast wortgleich identisch, was bei genauerem Hinsehen nicht überrascht: Sie alle nennen als Quelle die auf Sport spezialisierte Nachrichtenagentur sid. Sportredakteure, die sich im Wissenschaftsjournalismus versuchen? Das macht misstrauisch. Doch der Artikel ist verständlich geschrieben, sogar eine beteiligte Forscherin, Inga Koerte von der Ludwig-​Maximilians-​Universität (LMU) in München, kommt ausführlich zu Wort. Dennoch wurde ein entscheidender Fehler gemacht, der wohl einem auch nur ansatzweise erfahrenen Wissenschaftsredakteur nie unterlaufen wäre. Doch dazu später mehr.

Fußballer wurden mit Schwimmern verglichen

Worum geht es in der sid-​Meldung? Für eine Studie haben die Forscher um Inga Koerte zwölf Profi-​Fußballer untersucht, ihre Daten wurden mit denen von acht Hochleistungs-​Schwimmern verglichen. Das Ergebnis: „Die strukturellen Veränderungen, die wir bei den Fußballern festgestellt haben, sind denen eines Schädel-​Hirn-​Traumas ähnlich“, zitiert sid Koerte. „Betroffen ist die weiße Substanz, wo die Datenverbindungen des Gehirns laufen, und hier die Regionen, die für Aufmerksamkeit, visuelle Verarbeitung, komplexe Denkvorgänge und Erinnerungsvermögen zuständig sind.“ Auf welche Weise die Messungen gemacht wurden, wird nicht erwähnt, aber das ist wohl auch eher für einen Neuronerd und nicht für einen Sportfan interessant.

Dennoch ist die Schlussfolgerung der Bild gewagt, dass Kopfbälle dumm machen, denn die kognitiven Leistungen der Fußballer waren nicht untersucht worden. Die Meldung war dennoch einem Kolumnisten der Welt Anlass genug, um über die fehlende Intelligenz von Fußballprofis zu ulken und Kicker-​Zitate-​Klassiker („Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“) wieder auszukramen.

Auch ist die Folgerung, dass es an den Kopfbällen liegt, zwar naheliegend, denn Schwimmer machen keine Kopfbälle, es könnte aber auch an anderen Verhaltensweisen liegen, die ein Fußballer eher drauf hat als ein Schwimmer. Zudem war die Gruppe der untersuchten Personen zu gering, um weitergehende Schlüsse zu ziehen, darauf weist der Artikel auch korrekterweise hin. Als Beleg für ihre These führt Koerte via sid aber eine US-​Studie an, die einen Zusammenhang zwischen Kopfbällen und verringerten kognitiven Fähigkeiten gefunden haben soll.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

Mühselige Suche nach der Studie

Neugierig geworden, wollte sich der Hirnscanner Koertes eigene Studie mal anschauen. Verlinkt war sie in keinem der Artikel, auch wurde die Fachzeitschrift, in der sie erschienen ist, nicht erwähnt. Ärgerlich, aber natürlich für einen erfahrenen Rechercheur kein Problem: Man muss ja nur schnell in der Datenbank PubMed suchen, dort findet man fast alle medizinischen Studien. Aber: Pustekuchen, für 2013 findet sich dort keine Veröffentlichung, die etwas mit „soccer“ und Schäden der weißen Hirnsubstanz zu tun hat. Die Autorin „koerte“ hat zwar in diesem Jahr einige Studien veröffentlicht, aber nicht zu diesem Thema. Mit einer Google-​Suche fand der Hirnscanner dann eine Pressemitteilung der LMU, in der genau die passende Studie beschrieben wird – sie stammt allerdings vom November letzten Jahres. Dort ist auch die Studie selbst verlinkt, sie ist im JAMA erschienen, auch im November letzten Jahres.

Das heißt: sid berichtet von einer Studie, die mehr ein halbes Jahr alt ist! Und viele große Medien übernehmen die Meldung, ohne den kurzen Gegencheck zu machen, ob es sich überhaupt um aktuelle Forschung handelt! Das ist tatsächlich ein Anfängerfehler, der nicht passieren darf. Zur Ehrenrettung kann man vermuten, dass es wohl meist die Sportredakteure waren, die die Meldung auf ihre Seite gehievt haben. Von denen kann man nicht erwarten, dass sie solch einen Gegencheck machen. Aber in all den genannten Medien gibt es Wissenschaftsredakteure, die auch die Artikel der anderen Ressorts prüfen sollten, wenn dort über Dinge aus der Forschung berichtet wird.

Natürlich muss nicht immer nur über die aktuellste Forschung berichtet werden. das​Ge​hirn​.info ist das beste Gegenbeispiel, wir setzen unsere eigenen Schwerpunktthemen und schreiben dann sogar über Forschungsergebnisse, die schon vor Jahrzehnten gewonnen wurden. Aber: Wenn über eine ältere Studie berichtet wird, dann muss deutlich gemacht werden, von wann sie ist. Und es darf nicht suggeriert werden, dass es sich um die neueste Erkenntnis handelt.

Ältere Forschungsergebnisse verdrängten die aktuellen

Bleibt die Frage, wie es überhaupt zu diesem Fehler kommen konnte. Der Hirnscanner hat eine Vermutung: Inga Koerte wird tatsächlich zu einer aktuellen Studie zitiert, und zwar in ScienceNews. Dort wird sie aber als unabhängige Expertin befragt, die sich zu Experimenten äußert, an denen sie nicht beteiligt war. Möglicherweise hat der sid-​Mitarbeiter daraufhin mit Koerte gesprochen, und sie hat ihm vor allem über ihre eigene Studie erzählt, die der neuen sehr ähnlich ist. So haben dann möglicherweise die älteren Forschungsergebnisse die aktuellen aus der Meldung verdrängt.

Dabei wäre die aktuelle Studie, erschienen in Radiology, gar nicht so uninteressant gewesen: Neben den bereits von Koerte beschriebenen Schäden der weißen Substanz bei Fußballern konnten die New Yorker Forscher nämlich auch kognitive Verschlechterungen feststellen. Zudem erfragten sie, wie oft die Probanden im vorangegangenen Jahr den Ball geköpft hatten – so konnten sie etwas stichhaltiger einen Zusammenhang zwischen Hirnveränderungen und Kopfbällen herleiten. Doch diese Studie fiel fast komplett unter den Tisch. Es handelt sich wohl um die US-​Studie, die nur ganz nebenbei in der sid-​Meldung erwähnt wurde. Ausführlich berichtete nur die Gesundheits-​Webseite onmeda über diese aktuelle Forschung.

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