Die Menge macht das Gift

In der aktuellen Ausgabe beschäftigt sich der Hirnscanner mit lieblos gekürzten Agenturmeldungen und lieb gemeinten, aber schlecht argumentierten Warnungen. Ja, Cannabis und Computer sind mit Vorsicht zu genießen, aber …

Veröffentlicht: 07.10.2013

Erst keimte Hoffnung beim Hirnscanner auf. Sollte in dieser Ausgabe wirklich nur Lob verteilt werden? Doch der Leser darf beruhigt sein. Einer liebgewordenen Tradition folgend rutschten auch in den letzten zwei Wochen Artikel durch Faktenchecks und sonstige Kontrollinstanzen.

Doch diese Negativbeispiele hebt sich der Hirnscanner für den Schluss auf. Ehre, wem Ehre gebührt, das Lob darf nicht zu kurz kommen. Es soll keiner behaupten, der Hirnscanner sei ein Meckerkopf.

Die Süddeutsche Zeitung hat in ihrer Online-​Ausgabe einen Text veröffentlicht, der Lob verdient. Ein differenzierter Artikel über die diesjährige Jahresversammlung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die unter dem Thema „Geist – Gehirn – Genom – Gesellschaft“ tagte. Dass wir mehr sind als die Summe aus Genen und Hirnscan-​Signalen, hat sich unter Forschern herumgesprochen. Umso schöner, wenn dies Einzug in Presseberichte findet. Der Artikel gibt einen guten Überblick über die bei der Tagung besprochenen Themen.

Ganz besonders hat den Hirnscanner erfreut, dass der Autor auf die Crux der Bewusstseinsforschung eingeht. Damit stellt er die alles entscheidende Frage: Wovon reden wir überhaupt, wenn wir vom Geist reden? Eine Frage, die zu selten gestellt wird. Auch wenn die Antwort unbefriedigend sein kann, wie das Schlusszitat des Artikels zeigt: „Wir wissen noch nicht, was wir nicht wissen.“ Doch nicht wissen ist allemal besser als Wissen vortäuschen. Danke dafür!

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Von Ursache und Wirkung

Apropos Zurückhaltung. Der Tagesspiegel berichtete über potenzielle harte Folgen des Konsums weicher Drogen. Es ist ein leidiges Thema, seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert. Bedauerlicherweise in der Mehrheit der Fälle auf Stammtischniveau, wie wir später noch sehen werden. Die Autorin des Tagesspiegels brachte mit der Frage nach Ursache und Wirkung die oft vermisste Qualität zurück in dieses Thema.

Hauptgegenstand des Artikels ist eine Studie, die im Fachjournal „Neuropharmacology“ veröffentlicht wurde. In dieser Metaanalyse wurden 120 Studien analysiert, welche die Auswirkungen des Konsums von THC, des bekanntesten Wirkstoffs im Hanf, auf das Gehirn Heranwachsender untersuchten. Das wenig überraschende Ergebnis sei hier zitiert: „Wer in jungen Jahren unter dem Einfluss von Cannabis steht, trägt langfristig ein größeres Risiko, eine Suchterkrankung oder eine psychische Störung zu bekommen.“

Doch was hier Ursache und was Wirkung ist, ist noch keineswegs geklärt: „Kiffen kann die Erkrankungsgefahr erhöhen, oder aber Menschen konsumieren Cannabis, um sich selbst zu kurieren, sobald sie Anzeichen einer psychischen Erkrankung spüren. Die Autoren der vorliegenden Studie halten beides für wahrscheinlich.“ An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für die Differenzierung zwischen Henne und Ei.

Von der Verwechslung von Ursache und Wirkung

Differenzierung, die dem Focus gut zu Gesicht gestanden hätte. Womit wir beim Stammtischniveau wären. Unter dem pompösen Titel „Cannabisabhängigkeit – Die unterschätzte Sucht“ schreibt die Autorin, dass einem auch ohne Kraut ganz grün und blau wird. Zwar kommt in dem Artikel immer wieder ein Experte zu Wort, Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes– und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-​Eppendorf. Allerdings hört sich seine Stimme anders an als das vergleichbare Statement im Tagesspiegel: „Wer schon vor seinem 15. Lebensjahr anfängt zu kiffen, der gerät in viel größere Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln, als ältere Konsumenten.“

Dass hier von Abhängigkeit gesprochen wird, ohne zunächst zwischen psychischer und körperlicher zu unterscheiden, ist noch das geringste Problem. Es fehlt leider der Platz, um hier auf jede Halbwahrheit, unüberprüfte Behauptung oder tendenziöse Formulierung in dem Text einzugehen. Da drischt der „Experte“ mal auf niedrige soziale Schichten mit angeblich höherem Risiko für eine Cannabis„sucht“ ein, dann wieder auf Teenager, die viel Taschengeld zur Verfügung haben. Es ist natürlich verführerisch, wenn nach Ende des Rausches noch so viel Taschengeld übrig ist!

Bitter hingegen ist, dass nach dem Ende der Expertenzitate kein Raum für andere Positionen ist. Stattdessen wird davor gewarnt, dass Cannabis„abhängigkeit“ zu einem Sinken des IQ führt und – natürlich – „sogar“ Psychosen auslösen kann. Von der Erwähnung des Henne-​Ei-​Problems (wen wundert’s) keine Spur. Dafür wird Cannabis gekonnt mit Opiaten in einen Topf geworfen und schlussendlich auch noch mutig abgeschätzt, wie viele Schizophrenien hätten vermieden werden können, wenn die Betroffenen nicht gekifft hätten: acht bis zwölf Prozent. Dass am Ende des Artikels ein Bild prangt, in dem ein von Crystal Meth – einem synthetischen Aufputschmittel – zerfressenes Gebiss zu sehen ist, vollendet das Horrorszenario.

Intelligenzquotient

Intelligenzquotient (IQ)/-/intelligence quotient

Kenngröße, die das intellektuelle Leistungsvermögen eines Menschen ausdrücken soll. Entsprechende Tests zur Ermittlung der Intelligenz gehen mit dem Konzept einher, dass ein allgemeiner Generalfaktor der Intelligenz existiert, der in der Bevölkerung normal verteilt ist. Die ersten IQ-​Tests wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von Alfred Binet entwickelt, der damit das relative Intelligenzalter von Schulkindern bestimmen wollte. Seiner Definition zufolge bezeichnet der IQ den Quotienten aus Intelligenzalter und Lebensalter multipliziert mit 100. Dies ist demnach auch der durchschnittliche IQ eines Menschen. 95 Prozent der Bevölkerung liegen mit ihren IQ-​Werten zwischen 70 und 130. Erreicht jemand einen Wert unter 70, spricht man von Intelligenzminderung, während ein Ergebnis jenseits der 130 als Hochbegabung gilt.

Vorsicht bei Textkürzung

Einen Volltreffer hat auch der Stern in seiner Online-​Ausgabe gelandet. Dieser Artikel ist ein Musterbeispiel für Textkürzung – und wie dabei sowohl Zusammenhang wie Inhalt verloren gehen können. Der aus Agenturmeldungen zusammengebastelte Text ist kaum eine Seite lang, läuft unter der Überschrift „Depressionen bei Minderjährigen nehmen zu“ und berichtet von einer groß angelegten Studie des „Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen“.

Nach einem kurzem Ausflug in das Thema wird gleich die Erklärung präsentiert: Die Kids sitzen zu viel am Rechner, das führt zu Vitamin-​D-​Mangel, was dem Knochenaufbau schadet. Wer sich fragt, was das mit Depression zu tun hat, wird enttäuscht, ebenso wie derjenige, der zu bedenken geben will, dass für einen Vitamin-​D-​Mangel kein Computer vonnöten ist, sondern lediglich Mangel an Sonnenlicht.

Denn für Argumente ist kein Platz, im nächsten Absatz wird zu Unter-​50-​Jährigen gesprungen, die bereits Alterskrankheiten haben. Wie der Zusammenhang zwischen koronarer Herzkrankheit und Netzhautveränderungen hergestellt wird, hat der Hirnscanner bis heute nicht verstanden, aber das scheint auch nicht das Ziel des Artikels zu sein, der mehr an eine Liste als an einen Fließtext erinnert. Am Ende wird noch der „Schönheitsschlaf beim ‚schwachen Geschlecht‘“ gestreift sowie eingeschleppte Pflanzen und krankhaftes Übergewicht. Wer glaubt, dies alles passé nicht in einen Text, möge den Artikel selber lesen.

Als Fazit rät der Hirnscanner nun dazu, an die frische Luft zu gehen. Tanken sie Vitamin D, das kann nicht schaden. Und lassen Sie die Finger von Drogen, gleich welchen. Langfristig sind sie alle nicht gesund. Doch um diesen Punkt zu machen, braucht es keine Horroszenarien. Der Schweizer Arzt Paracelsus hat es bereits vor 500 Jahren vernünftig ausgedrückt: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht‘s, dass ein Ding kein Gift sei.“ In diesem Sinne: Schützen Sie sich vor der Sonne, sonst kriegen Sie Hautkrebs. Oder einen Sonnenstich.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

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