Alte und neue Mythen

Autor: Ulrich Pontes

Unterhaltsames, Kurioses, Hoffnungsvolles hat der Hirnscanner auf seinen Streifzügen durchs Internet entdeckt – vom Gehirn-​Schnelltest bis zur Alzheimer-​Therapie per Computerspiel. Das Problem in allen Fällen: Die Faktenlage gibt längst nicht her, was hier suggeriert wird.

Veröffentlicht: 19.11.2013

Die Tage werden kurz, das Wetter wird grau und schmuddelig: Nicht umsonst ist der November der Monat, in dem man drinnen bleibt und sich nach innen wendet. Auch der Hirnscanner hat sich diesmal der Introspektion gewidmet – und ist im Internet auf einen Test gestoßen, der Aufschluss über die individuelle Funktionsweise des Gehirns verspricht. Genauer gesagt geht es darum, welche der beiden Gehirnhälften dominiert. Ein oder zwei Minuten und acht Fragen später steht fest: „Sie haben eine starke rechte Gehirnhälfte“, assoziiert mit Kreativität, Intuition, Chaos, Fantasie. Sogar in Zahlen wird das Ergebnis gefasst; 62 Prozent sind es in diesem Fall für die rechte Hemisphäre, nur 38 Prozent bleiben für die linke Seite und somit für Strategie, Rationalität, Logik, Details.

Wie das Marketing-​Fachblatt „Werben und Verkaufen“ nun meldet, entwickelt sich dieser von der Werbeagentur Sommer+Sommer ins Netz gestellte Test derzeit zum viralen Hit – er verbreitet sich also wie ein Lauffeuer über soziale Netzwerke. Millionen Menschen wollten demzufolge bereits wissen, wie sie veranlagt sind. Begeisterte Fans übersetzen den Test im Tausch gegen ein Schokohirn in die verschiedensten Sprachen.

Eine etwa von der Medien– und Filmgesellschaft Baden-​Württemberg sowie per Youtube verbreitete „Studie“ derselben Werbeagentur – das heißt hier: Zusammenstellung der Testergebnisse eines bestimmten Personenkreises – suggeriert Erkenntnisse über die Arbeitsweise der Gehirne von Marketing-​Experten.

Drunter und drüber

Die Freude des Hirnscanners über so viel Interesse am Denkorgan ist allerdings getrübt. Und zwar nicht nur, weil ein Mensch, der es im konkreten Fall des Hirnscanners wissen sollte, angesichts des eingangs zitierten Ergebnisses lauthals loslachte. (Auch dem geneigten Leser dieser Rubrik könnte schon aufgefallen sein, dass der Hirnscanner mehr an Details und Logik denn an Chaos und Fantasie liegt). Sondern weil der ganze Test wie auch die Interpretation der Ergebnisse auf tönernen Füßen stehen.

So steigt der Test etwa mit der seit Jahren im Internet zirkulierenden „Spinning Dancer“-Illusion ein, einer animierten Grafik, die man ähnlich wie ein Kippbild in zweierlei Weise wahrnehmen kann. Dies hat allerdings nichts mit einer Dominanz der linken oder rechten Hirnhälfte zu tun: Wie eine – ernsthafte – Studie zu dieser Illusion herausgefunden hat, hängt es vielmehr damit zusammen, ob man unbewusst eher einen Betrachtungswinkel von schräg unten oder schräg oben unterstellt. Vor allem aber handelt es sich bei dem Links-​Rechts-​Gegensatz, wie er in der Interpretation der Testergebnisse (und auch anderswo immer wieder gern) unterstellt wird, um mehr Mythos als Wahrheit. Zwar hat tatsächlich jeder Mensch eine „dominante“ Gehirnhälfte – welche, hängt aber nur davon ab, ob man Rechts– oder Linkshänder ist. Bei Hirnfunktionen, die über das Motorische hinausgehen, gibt es allenfalls kleinere Asymmetrien zwischen den beiden Hemisphären. Für eine umfassende Zuschreibung von kognitiven Fähigkeiten oder gar Charaktereigenschaften zur linken oder rechten Hirnhälfte, wie sie der Test suggeriert, gibt es dagegen keine Grundlage. Alles Wesentliche dazu hat der Bochumer Biopsychologe Onur Güntürkün auf das​Ge​hirn​.info bereits vor einiger Zeit gesagt: Linke und rechte Hirnhälfte – verschiedene Welten?

Mythos im Entstehen

Wie derartige Neuro-​Mythen entstehen, zeigt das Beispiel einer aktuellen Studie Berliner Forscher über die Effekte des Computerspiels „Super Mario 64“ auf das Gehirn. Im Überschriften-​Vergleich tat sich besonders die Augsburger Allgemeine Zeitung hervor: „Videospiele helfen gegen Alzheimer“ heißt es da im Titel.

Davon kann allerdings nicht wirklich die Rede sein, wie ein Blick auf die Kurzzusammenfassung der Originalstudie in Molecular Psychiatry zeigt: „Verringertes Volumen des Hippocampus und des präfrontalen Cortex sind bekannte Risikofaktoren für psychische Erkrankungen wie beispielsweise posttraumatisches Belastungssyndrom, Schizophrenie und neurodegenerative Erkrankungen (etwa Alzheimer, Anm. d. Red.). Das vorgestellte Videospiel-​Training könnte folglich dazu dienen, diesen Risikofaktoren entgegenzuwirken“, heißt es dort zum Schluss. Daraus lässt sich entnehmen: 1. Sind Hippocampus und präfrontaler Cortex unterdurchschnittlich groß, so geht dies mit erhöhter Wahrscheinlichkeit unter anderem für eine Alzheimer-​Erkrankung einher. 2. und davon unabhängig: Videospiele könnten helfen, sehr kleine Hippocampus– bzw. PFC-​Regionen zu normalisieren.

Wer daraus schließt, Videospiele ließen sich zur Therapie von Alzheimer einsetzen, der müsste auch Menschen mit akutem Herzinfarkt zum Joggen schicken: Dieser abstruse Behandlungsversuch ließe sich nämlich auf analoge Weise aus unstrittigen Fakten (1. Übergewicht ist ein Risikofaktor für Herzinfarkt, 2. Sport kann gegen Übergewicht helfen) „schlussfolgern“. Zumindest in der Überschrift besser, weil zutreffender ausgedrückt haben das „20 Minuten“ („Super Mario fördert die grauen Zellen“) und „PC Games Hardware“ („Zocken kann das Gehirn vergrößern“). Allerdings taucht hier später im Text ebenfalls die unselige Verknüpfung mit der Alzheimer-​Therapie auf. Zurückverfolgen lässt sich die Mythosbildung bis zur Pressemitteilung zur Studie – die formuliert zwar vorsichtig und vermutlich zutreffend, aber eben auch zu falschen Umformulierungen verleitend: „(…) Deshalb vermuten die Forscher, dass sich Videospiele für die Therapie von Erkrankungen eignen könnten, bei denen die entsprechenden Hirnregionen verändert sind.“

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Neurodegeneration

Neurodegeneration/-/neurodegeneration

Sammelbegriff für Krankheiten, in deren Verlauf Nervenzellen sukzessive ihre Struktur oder Funktion verlieren, bis sie teilweise sogar daran zugrunde gehen. Vielfach sind falsch gefaltete Proteine der Auslöser – wie etwa bestimmte Formen der Eiweiße Beta-​Amyloid und Tau im Falle von Alzheimer. Bei anderen Krankheiten, beispielsweise bei Parkinson oder Chorea Huntington, werden Proteine innerhalb der Neurone nicht richtig abgebaut. In der Folge lagern sich dort toxische Aggregate ab, was zu den jeweiligen Krankheitserscheinungen führt. Während Chorea Huntington eindeutig genetisch bedingt ist, scheint es bei Parkinson und Alzheimer allenfalls bestimmte Ausprägungsformen von Genen zu geben, welche ihre Entstehung begünstigen. Keine dieser neurodegenerativen Erkrankungen kann bisher geheilt werden.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Kein Lichtblick

Dass solche Mythen dann, sind sie einmal in die Welt gesetzt, auch tradiert werden, beweist ein anderes Beispiel, das der Hirnscanner vor anderthalb Jahren schon einmal aufgespießt hat (Mehr Licht). Findige Forscher hatten ihr wissenschaftliches Ergebnis, dass in funktionellen Hirnscans gewisse Reaktionen des Gehirns auf unmittelbare Lichtbestrahlung des Gehirngewebes messbar sind, mit einer Geschäftsidee verbunden: Sie verkaufen eine Art Licht-​Walkman – die Photonendusche durch den Gehörgang soll, so das allerdings kaum belegte Werbeversprechen, den Winterblues vertreiben.

Den Mythos publik gemacht und mit ihrem seriösen Namen geadelt hatte seinerzeit die Wirtschaftswoche in einem Artikel, der jede PR-​Mitteilung verblassen lässt. Inzwischen fehlt dem Thema aus journalistischer Perspektive außer der Substanz auch noch der Neuigkeitswert – dass dies allerdings kein Hindernis darstellt, trotzdem weiter unkritisch über den Licht-​Walkman zu berichten, hat nun Pro Sieben demonstriert (danke an Rolf Ehlers für den Hinweis). Manche Geschichten sind offenbar einfach zu schön, um kritisch hinterfragt und nicht weiterverbreitet zu werden.

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