Zwilling im Gehirn, Leere im Kopf

Von einem embryonalen Zwilling im Kopf einer jungen Frau glaubten deutsche Medien berichten zu können. Der Hirnscanner findet: Statt Vorstellungen wie aus dem Gruselkabinett zu bedienen, hätten sie lieber recherchieren sollen.

Veröffentlicht: 01.05.2015

Der Hirnscanner wollte seinen Augen kaum trauen. Die Meldung schien absurd. So absurd, dass er sie zunächst nicht einmal ernst genug nahm, um sie überhaupt einer Kritik würdig zu befinden. Doch zum Glück hat er es sich noch einmal anders überlegt, sonst wäre ihm ein echter Hammer entgangen: „Ärzte finden Zwilling im Gehirn einer Frau“, titelt focus​.de. Und „Studentin hatte „bösen Zwilling“ im Gehirn“, heißt es auf bild​.de.

Was war geschehen? Eine junge Frau aus dem US-​Bundesstaat Indiana hatte sich einer Operation unterzogen, bei der ein Hirntumor entfernt werden sollte. Die Frau hatte zuvor lange Zeit mit Konzentrations– und Verständnisproblemen zu kämpfen. Der Neurochirurg in einem Krankenhaus in Los Angeles entdeckte letztlich ein Teratom, einen laut focus​.de „seltenen Embryo-​Zwilling, der nicht gewachsen war, aber bereits Anfänge von Knochen, Haaren und Zähnen gebildet hatte.“

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Hammer

Hammer/Maleus/hammer

Der erste der kleinen Gehörknöchelchen im Innenohr. Er ist mit dem Trommelfell verbunden und überträgt die durch die Schallwellen ausgelöste Vibration über die beiden anderen Gehörknöchelchen (Amboss, Steigbügel) zur Gehörschnecke, wo der Reiz in ein neuronales Signal umgewandelt wird.

Tumor statt Zwilling

Eine gruselige Vorstellung. Doch stimmte das überhaupt? Das Medizinportal PraxisVita sieht das anders: Mit Blick auf den Fall aus Amerika stellt es klar: Ein Teratom ist ein Tumor, der aus Keimzellen entsteht – also aus jenen Zellen, aus denen ein Embryo im Anfangsstadium besteht und aus denen dann der Fötus heranreift. Bisweilen verirren sich aber einzelne Keimzellen während der Entwicklung des Embryos, siedeln sich an den falschen Stellen im Körper an und entwickeln sich dort zu einem Tumor. Weil Keimzellen pluripotent sind, können sich sich zu unterschiedlichsten Zellen ausdifferenzieren – und so etwa Knochen, Haut, Zähne oder Haare bilden.

Die Vermutung, es handele sich dabei um einen Zwilling des Patienten, hat dem Tumor im Volksmund den Namen „Zwillingsgeschwür“ eingebracht. Diese Annahme ist jedoch meist falsch. Die Autoren von PraxisVita etwa schreiben: „Bei dem Teratom handelt es sich nicht um einen unterentwickelten Menschen – denn es ist nicht aus Eizelle und Spermium entstanden, sondern als „versehentliche“ Ablagerung der Embryozellen.“

Manches ist einfach ungeklärt

Tatsächlich gibt es Fälle, in denen von Menschen berichtet wird, die einen fast ausgebildeten Fötus in ihrem Körper trugen. Bei dieser so genannten fetalen Inklusion nimmt man an, dass ein Fötus von einem anderen umschlossen wird. Auf der ganzen Welt sind keine einhundert Fälle bekannt. Ob aber Teratome mit diesen Inklusionen in Zusammenhang stehen oder identisch sind, gilt als umstritten. Selbst der Arzt der jungen Frau aus dem oben beschriebenen Fall ist sich unsicher, was er ihr aus dem Gehirn geschabt hat, berichtet die LA Weekly: „Ich denke, wir wissen es einfach nicht“, sagt er der Zeitung, „nach meiner Ansicht gibt es nicht genügend wissenschaftliche Beweise für die eine oder die andere Richtung.“ Sicher sei nur, dass es ein Tumor aus menschlichen Keimzellen sei.

Das hielt die deutschen Medien aber nicht davon ab, von einem „Zwilling im Gehirn“ zu sprechen. Der Hirnscanner möchte eher an die temporäre Leere im Kopf der Redakteure denken. Geistige Mühen hatte man jedenfalls gescheut und sich ausgiebig bei NBC News bedient, die ebenfalls von einem Zwilling sprechen und die junge Frau mit den scherzhaften Worten zitieren: „Es war meine böse Zwillingsschwester, die mich 26 Jahre lang gequält hat.“ Den „bösen Zwilling“ griffen die deutschen Medien allzu begierig auf.

Um eine „medizinische Sensation“ wie es etwa die Kölnische Rundschau ausdrückte, handelte es sich also gewiss nicht. Es ist vielmehr eine Blamage der Berichterstattung, findet der Hirnscanner.

Statistischer statt ursächlicher Zusammenhang

Nicht ganz so blamiert haben sich die Medien bei einem anderen Thema: „Schmutzige Stadtluft lässt das Gehirn schrumpfen“, heißt es bei 20min​.ch. Feinstaub erhöhe das Risiko für stille Hirninfarkte und führe zu einem stärker schrumpfenden Gehirn. Und bei dem Online-​Wissensmagazin scinexx​.de lautet die Überschrift: „Stadtluft schadet dem Gehirn“.

Was daran stimmt: Forscher vom Beth Israel Deaconess Medical Center griffen in einer Untersuchung auf kernspintomographische Aufnahmen des Gehirns von mehr als 900 Menschen im Alter von über 60 Jahre zurück. Bei solchen Bildern werden Läsionen sichtbar, die nach Mikroinfarkten im Gehirn entstehen. Mit steigender Zahl können sie zu zunehmenden kognitiven Beeinträchtigungen führen. Die untersuchten Personen lebten in unterschiedlicher Entfernung von vielbefahrenen Straßen und waren damit verschieden hoher Belastung mit Feinstaub von 2,5 Mikrometern Größe ausgesetzt.

Tatsächlich wurde ein Anstieg der Feinstaubkonzentration von einer Zunahme der Mikroinfarkte begleitet. Gleichzeitig ging eine größere Feinstaubkonzentration mit einem um 0,32 Prozent kleineren Hirnvolumen der Probanden einher – eine Schrumpfung, die etwa einem zusätzlichen Lebensjahr entspreche, wie die Forscher schreiben. Die Wissenschaftler stießen also auf einen statistischen Zusammenhang. Ob es sich auch um einen ursächlichen Zusammenhang handelt, muss sich noch zeigen.

Läsion

Läsion/-/lesion

Eine Läsion ist eine Schädigung organischen Gewebes durch Verletzung.

Mehr Demenz durch Feinstaub?

Eine zugehörige Pressemitteilung des Beth Israel Deaconess Medical Centers spricht daher auch nur vorsichtig davon, dass Feinstaub möglicherweise ein Risiko für die Hirnstruktur darstelle. In der Pressemitteilung wird übrigens eine der Forscherinnen damit zitiert, dass stille Infarkte das Risiko erhöhen, eine Demenz zu bekommen. Auch darauf stürzen sich die Medien gleich: So fragt denn Scinexx​.de im Vorspann des eigentlichen Artikels: „Mehr Demenz durch Feinstaub?“. Das suggeriert dem Leser fälschlich, die Studie habe sich diesem Thema gewidmet, was überhaupt nicht der Fall ist.

Ein peinlicher Fehler passiert dann auch noch 20min​.ch: Es komme bei einer höheren Feinstaubkonzentration zu „unbemerkt ablaufenden Herzinfarkten“. Der Hirnscanner geht einmal davon aus, dass es sich dabei um einen Flüchtigkeitsfehler handelt, im redaktionellen Eifer des Gefechts. Wie es besser geht, zeigt ein Beitrag auf aerzteblatt​.de. Zwar heißt es auch hier: „Feinstaub fördert Mikroinfarkte im Gehirn“. Der Beitrag informiert aber ansonsten unaufgeregt und kompetent. Zudem liefert er eine Linksammlung zur Studie sowie zu Pressemitteilungen und Artikeln ähnlicher Thematik gleich mit.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Sesam-​Öffne-​Dich fürs Gehirn

Loben möchte der Hirnscanner zum Schluss eine Serie auf Deutschlandfunk mit dem Titel „Tolle Idee! Was wurde daraus?“. In ihr gehen die Kollegen der Frage nach, was aus Veröffentlichungen der Wissenschaft, über die auch der Deutschlandfunk seinerzeit berichtete, Jahre später eigentlich geworden ist. Diesmal widmete sich ein Beitrag einer Studie zur Durchlässigkeit der Blut-​Hirn-​Schranke. Die Blut-​Hirn-​Schranke versperrt nicht nur Krankheitserregern und Giftstoffen den Weg vom Blutkreislauf zum Gehirn, sondern leider auch wichtigen Medikamenten. Um die Schranke zu öffnen und Medikamente gegen Hirntumore an ihren Bestimmungsort zu schleusen, testen Forscher der Harvard University seit Jahren Ultraschall, so der Beitrag des Deutschlandfunks. Das hat in Tierversuchen bisher wunderbar geklappt. Doch beim Menschen lassen die Ergebnisse noch auf sich warten. Die Schwierigkeit liegt diesmal vor allem an der Finanzierung einer klinischen Studie. Der Artikel berichtet kompetent über die Schwierigkeiten und bisherigen Wissenslücken der Forschung.

Der Hirnscanner findet: Das Konzept der Sendung sollte Schule machen. Denn allzu oft landen sensationelle Meldungen vor allem von Tierstudien auf dem Schreibtischen von Wissenschaftsjournalisten. Wir berichten. Und danach ward nie wieder etwas von ihnen gehört, weil viel versprechende Medikamente in klinischen Studien am Menschen durchfallen – das aber vielen Medien keine Meldung wert ist. Hoffnung hat der Hirnscanner dennoch, dass es solche kritischen Beiträge auch in Zukunft geben wird.

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